Menschen stehen in Madrid in einer Reihe vor einem Arbeitsamt | Bildquelle: REUTERS

EU-Jugendgarantie Viel Geld, wenig Ertrag?

Stand: 17.02.2018 15:22 Uhr

Die EU steckt Milliarden Euro in ein Förderprogramm für Jugendliche - es soll jungen Menschen helfen, Arbeit zu finden. Spanien spricht von einem Erfolg, doch die Zweifel am Konzept sind massiv.

Von Jan-Peter Bartels, ARD-Studio Madrid

"Das Alter macht mir ziemlich Druck", sagt Manuel, er unterstreicht jedes Wort mit den Händen: "Beeil' dich, sagen mir immer alle, sonst fährt der Zug ohne dich ab." In ein paar Jahren wird er 30, aber der Spanier findet einfach keinen Job, wie viele in seiner Generation. Die so genannte Jugendgarantie der EU sollte den jungen Menschen helfen. Doch das hält Manuel für ein leeres Versprechen: "Viel heiße Luft, gebracht hat es nichts", ist sein Fazit. Ähnlich sieht das auch das DIW in Berlin.

Jugendgarantie | Bildquelle: Jan-Peter Bartels
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Seine Generation sei von der Krise auf dem Arbeitsmarkt überrascht worden, sagt der 26-jährige Manuel Ramos de la Rosa.

Das Förderprogramm klingt wie eine schöne Idee: Arbeitslos gewordene Unter-25-Jährige sollen innerhalb von vier Monaten ein Praktikum, eine Fortbildung, einen Ausbildungsplatz oder einen Job erhalten. Das sagten die EU-Mitgliedsstaaten zu (einige legten die Altersgrenze höher, in Spanien sind es 29 Jahre), als das Programm im April 2013 aufgelegt wurde.

Damals hatten Bürger und Politiker noch die Bilder frustrierter Jugendlicher vor Augen, die im Süden Europas zu Zehntausenden auf die Straße gingen: aus Angst vor einem Leben in Armut, aus Frust über die Politik, aus Wut über die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Die lag in Spanien damals bei fast 56 Prozent, in Ländern wie Griechenland, Kroatien und Italien war es laut Eurostat kaum besser.

Eine Generation fühlt sich getäuscht

"Meine Generation wurde komplett überrascht", sagt Manuel Ramos de la Rosa. "Früher hieß es immer: Wer studiert, hat eine sichere Zukunft. Dann hieß es: "Es könnte kompliziert werden. Das haben wir erst nicht geglaubt. Jetzt müssen wir es glauben."

Zwar vermeldet die spanische Regierung stolz, dass inzwischen mehr als eine Million Spanier bei der Jugendgarantie registriert seien und rund 40 Prozent davon einen Job gefunden hätten. Auch bei der Jugendarbeitslosigkeit sieht es besser aus, sie liegt nun bei 37 Prozent.

Proteste in Madrid | Bildquelle: dpa
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Mai 2011: Tausende protestieren in Madrid gegen die Massenarbeitslosigkeit.

Die Zahlen sprechen gegen das Konzept

Aber Kritikern zufolge sprechen die Zahlen nicht für die Jugendgarantie. Karl Brenke vom DIW in Berlin hat dazu eine Studie geschrieben, er sagt: Die Jugendarbeitslosigkeitsquote sinke wegen der guten Konjunktur, weil Jugendliche aus Angst vor Arbeitslosigkeit länger studierten und weil es insgesamt weniger Jugendliche gebe. "Von einem Erfolg der Jugendgarantie kann ich da nichts erkennen, zumal die Beschäftigung bei Jugendlichen deutlich weniger stark gestiegen ist als bei Erwachsenen", so Brenke.

Der EU-Rechnungshof zweifelte kürzlich sogar daran, ob untersuchte Mitgliedsstaaten mit den Fördergeldern aus Europa wirklich den Nettoetat für Jugendliche erhöhen. Das erbost Victor Reloba Lopez vom spanischen Jugendrat, dem Dachverband spanischer Jugendorganisationen: "Unsere Regierung hat ihre eigenen Beschäftigungsprogramme um das Geld gekürzt, das aus Europa kam. Das finden wir schlimm, denn wenn die Regierung wirklich jungen Menschen helfen will, kann sie nicht auf der anderen Seite Gelder wegnehmen, die nur der Anstellung von jungen Menschen zu Gute kommen sollen."

Die spanische Regierung will sich zu dem Vorwurf auf Anfrage nicht äußern, die Kommission in Brüssel macht klar: Einfach Mittel umzuschichten gehe nach europäischen Regeln nicht, darauf werde man achten. Die Jugendgarantie sei ein Erfolg, auch wenn es Anlaufschwierigkeiten gegeben habe.

Jugendgarantie | Bildquelle: Jan-Peter Bartels
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Auch DIW-Forscher Karl Brenke kann keinen Erfolg der Jugendgarantie erkennen.

Die Milliarden versickern

Allerdings steckt die Europäische Union auch viel Geld in den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit: rund sechs Milliarden Euro, die nochmal um zwei Milliarden aufgestockt werden sollen. Der größte Batzen geht nach Spanien. Laut DIW-Wissenschaftler Brenke verpufft das Geld aber. Dauerhafte, nachhaltige neue Arbeitsstellen seien kaum entstanden, stattdessen viele Zeitverträge und prekäre Jobs.

Dabei versucht Spanien vieles. So soll es Unternehmen unter anderem durch Zuschüsse schmackhaft gemacht werden, Jugendliche einzustellen. Für Brenke keine Lösung: "Fördergelder werden ja immer gerne mitgenommen. Wenn die Förderung dann ausgelaufen ist, wird aber nicht unbedingt ein neuer Anschlussvertrag gewährt, sondern ein anderer Jugendlicher eingestellt. Das ist immer das große Problem bei Subventionen, man hat immense Mitnahmeeffekte."

Hauptsache registriert

Auch Manuel glaubt, dass spanische Unternehmen die Jugendgarantie ausnutzen: "In Jobangeboten machen die Unternehmen es immer zur Einstellungs-Voraussetzung, dass der Bewerber bei der Jugendgarantie registriert ist." Auch mit den Fortbildungsangeboten der Jugendgarantie ist er nicht glücklich: Er bekomme nur Angebote für Computer- und Kommunikationskurse, das werde wohl gesucht. Manuel hat aber einen Abschluss in Biologie und will lieber in seinem Fachgebiet bleiben.

Deswegen hat er sich für ein Wochenendstudium eingeschrieben und will versuchen, zu promovieren. Aufgeben oder auswandern kommt für ihn nicht in Frage: "Solange ich es versuche, kann ich den Zug auch nicht verpassen. Ich muss glauben, dass es einen Ausweg gibt - ohne diesen Glauben wäre doch alles viel schlimmer."

Mit diesem Thema beschäftigt sich auch das Europa-Magazin - am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Europa-Magazin am 18. Februar 2018 um 12:45 Uhr.

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