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30.05.2012

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Wirtschaft
Das Geschäft mit den Schweinen
Unterwegs in niedersächsischen Ställen

Das Geschäft mit den Schweinen

Verseuchtes Wasser, gefährliche Keime, mangelnder Tierschutz - wegen der Folgen für Umwelt und Gesundheit ist die industrielle Tiermast umstritten. Die Landwirte dagegen argumentieren, sie müssten im Wettbewerb bestehen. "Panorama - die Reporter" war unterwegs in niedersächsischen Ställen.

Von Oda Lambrecht für tagesschau.de

Schweinehaltung in Niedersachsen (Foto: NDR / Panorama) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: In der Nähe von Mastbetrieben ist das Brunnenwasser oft extrem belastet. ]
Der schmale weiße Teststreifen färbt sich dunkelrot. Günter Ottens ist empört. Der Rentner steht in seinem Garten in der niedersächsischen Gemeinde Damme und testet sein Brunnenwasser auf Nitrat. Dunkelrot bedeutet mehr als hundert Milligramm, vielleicht sogar zweihundert. Das sei reichlich, alles was über fünfzig liege, sei für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet, sagt Ottens. Er kann nun nicht einmal mehr sein Gemüse damit gießen.

Ottens protestiert deshalb gegen die Schweinehalter in der Nachbarschaft und damit auch gegen die industrielle Tiermast. Die Region rund um Vechta und Cloppenburg ist das Zentrum der deutschen Fleischproduktion. Von insgesamt mehr als 25 Millionen Schweinen in Deutschland werden allein acht Millionen in Niedersachsen gehalten. Jedes von ihnen produziert rund 600 Liter Gülle im Jahr.

Schweinehaltung in Niedersachsen (Foto: NDR/Panorama) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Ein weiteres Problem der Massentierhaltung ist die Gülle: Jedes Schwein produziert 600 Liter pro Jahr. ]

Der "Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland" (BUND) beklagt, dass zu viele Nährstoffe auf die Felder gelangen. Durch die Überdüngung der Böden steigen die Nitratwerte im Grundwasser. Deshalb schlägt auch der Wasserversorger der niedersächsischen Region Alarm. Egon Harms vom Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) sagt, der Grundwasserschutz gerate ins Hintertreffen, weil die Intensivierung der Landwirtschaft fortschreite.

Doch die Nutztierhaltung hat die Region auch wohlhabend gemacht. Die sogenannte Veredelungswirtschaft ist wichtiger Teil der deutschen Agrarindustrie. Mehr als fünf Millionen Tonnen Schweinefleisch werden in Deutschland jährlich produziert. Deutschland gehört dabei hinter den USA und China zur Weltspitze.

Kein Stroh, keine Bewegung, kaum Tageslicht

Auch Landwirt Dirk Frahne ist Teil dieser Agrarwirtschaft. Er hält etwa dreihundert Sauen in Goldenstedt - knapp fünfzig Kilometer nordöstlich von Damme. Seine Tiere sehen zwar satt und sauber aus, doch sie stehen dicht gedrängt auf Betonboden, eingezwängt in massive Metallgitter - kein Stroh, keine Bewegung, kaum Tageslicht. Die Luft ist stickig. Es stinkt. Kot und Urin werden durch schmale Spalten im Boden gedrückt - in den darunter liegenden Güllekeller. Beißendes Ammoniak liegt in der Luft.

Schweinehaltung in Niedersachsen Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Arme Schweine: Kein Stroh, keine Bewegung, kein Ringelschwänzchen ]

Frahne sagt, er müsse das Maximum aus seinen Sauen herausholen. Er müsse günstig produzieren, das wolle der Verbraucher so. Jeder Deutsche isst im Durchschnitt knapp 40 Kilogramm Schweinefleisch im Jahr. Wie in Frahnes Stall haben die meisten Schweine in der konventionellen Haltung keine Ringelschwänze mehr, die werden in der Regel gekürzt. Da die Tiere wenig Platz und kaum Beschäftigungsmöglichkeiten haben, würden sie sich sonst gegenseitig die Schwänze blutig beißen. Und das kann zu schweren Infektionen führen.

Eigentlich ist das sogenannte Schwänzekupieren in Ländern der EU nur in Ausnahmen nicht "routinemäßig" erlaubt. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) will mit seinem Tierschutzplan erreichen, dass die Bauern darauf in Zukunft ganz verzichten. Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) will den Tierschutz stärken. Zum Beispiel sollen Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden dürfen, denn auch das ist bislang agrarindustrielle Routine.

Massentierhaltung - Gefahr für den Menschen

Schweinehaltung in Niedersachsen Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Sauen werden in einem Gestänge gehalten, damit sie die Ferkel nicht verletzen. ]
Kritiker der intensiven Tiermast sorgen sich allerdings nicht nur um das Wohl der Tiere, sondern inzwischen auch um die Gesundheit der Menschen. Der Tierarzt Hermann Focke, früher Amtsveterinär in der Region, warnt schon lange vor einem verantwortungslosen Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung. Ein Riesenskandal sei es, kritisiert der Veterinär, dass man bis heute nicht einmal wüsste, wie viele Antibiotika insgesamt in der Nutztierhaltung eingesetzt würden. Tiere und Menschen werden dadurch resistent, und Antibiotika helfen dann bei Infektionen nicht mehr.

Mit der Zeit konnte sich so ein gefährlicher Keim verbreiten: MRSA - das steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Dieser Keim ist gegen viele Antibiotika resistent und kommt häufig in Schweineställen vor. Dort kann er auch von Tier zu Mensch übertragen werden. Schweinehalter gehören deshalb zur Risikogruppe. Und wenn die ins Krankenhaus müssen, verbreiten sie den Keim dort möglicherweise weiter.

Immer mehr Fleisch zu immer niedrigeren Preisen

Schweinehaltung in Niedersachsen (Foto: NDR / Panorama) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Kunden wünschen Fleisch zu Discountpreisen, argumentieren die Produzenten. ]
Trotz Umweltschäden und drohender Gesundheitsprobleme boomt die intensive Schweinehaltung. Die Deutschen produzieren immer mehr Fleisch, die Discounter bieten es immer billiger zum Kauf an. Schon längst werden mehr Schweine geschlachtet, als in Deutschland gegessen werden. Immer mehr Fleisch wird deshalb exportiert.

Und einige Investoren hoffen auf noch größere Geschäfte. In Niedersachsen ist zwar kaum noch Platz für neue Mastställe, doch in Mecklenburg-Vorpommern werden freie Flächen schon verplant. Im Nordosten des Landes, in der Gemeinde Alt Tellin zum Beispiel, will ein niederländischer Unternehmer eine Aufzuchtanlage für mehr als 250.000 Ferkel im Jahr bauen. Die Bagger stehen schon bereit.

Mehr zum Thema sehen Sie heute Abend um 21.15 Uhr im NDR Fernsehen: "Panorama - die Reporter. Die Spur der Schweine"

Stand: 05.07.2011 09:34 Uhr
 

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