Der Bug des Schiffes "Deutschland" vor einer Hafenmauer in Deutschland. | Bildquelle: dpa

Neuer Investor für Werften in MV Vom Sorgenkind zum Global Player?

Stand: 24.05.2017 12:27 Uhr

Weltweit boomt die Kreuzfahrt. Davon könnte auch die deutsche Schifffahrt profitieren: Der malaysische Gentin-Konzern hat die krisengeschüttelten Werften in Mecklenburg-Vorpommern aufgekauft. Im Interview mit NDRInfo schätzt Wirtschaftsexperte Jan Farclas ihre künftigen Chancen ein.

NDR-Info: Der Schiffbau in Mecklenburg-Vorpommern hat schon viele Krisen hinter sich. Doch der malaysische Genting-Konzern hat im vergangenen Jahr die drei großen Werften - Rostock, Wismar, Stralsund - gekauft und verspricht ein regionales Wirtschaftswunder. Unter dem Namen "MV-Werften" soll das Unternehmen zu den "global Playern" im boomenden Kreuzfahrtmarkt werden. Auf der Wismarer Werft werden nun zwei Fluss-Kreuzfahrtschiffe auf Kiel gelegt. Welche Bedeutung hat das für die Region?

Jan Farclas: Es ist schon symbolträchtig, was da passiert. Die beiden Schiffe sind die ersten, die komplett unter der Flagge der "MV-Werften" gebaut werden. Die Fluss-Kreuzer der Sechs-Sterne-Kategorie sollen auf europäischen Flüssen fahren. Auftraggeber ist die amerikanische Reederei Crystal River Cruises.

Damit bauen die "MV-Werften" insgesamt an vier Schiffen gleichzeitig. Das gab es in Mecklenburg-Vorpommern schon lange nicht mehr. Im Auftragsbuch stehen außerdem zwei große Kreuz-Liner und drei Expeditions-Mega-Yachten. Bis 2022 sollen diese Schiffe fertig sein, danach sollen bis 2030 jährlich vier weitere folgen. Das Auftragsvolumen beträgt insgesamt 3,5 Milliarden Euro.

NDRInfo: Das klingt ja alles sehr vielversprechend, aber wie realistisch ist das? Viele solcher Schiffsbau-Träume sind ja in Mecklenburg-Vorpommern schon geplatzt.

Jan Farclas: Das stimmt. Viele Investoren versprachen Großes, um dann krachend zu scheitern. Das Land hat viel Steuergeld verloren und etliche Menschen ihre Arbeit.

Aber im Fall der Übernahme durch den Genting-Konzern spricht auch Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe von einem Glücksfall für sein Bundesland. Und tatsächlich: Genting hat im Gegensatz zu früheren Eigentümern pünktlich den Kaufpreis für die Werften bezahlt und weitere Millionen sind bereits in den Ausbau der Werft-Standorte geflossen.

Außerdem ist der Bedarf an Kreuzfahrtschiffen gerade in Asien und im pazifischen Raum sehr groß. Dafür sind auch die beiden geplanten Mega-Liner der sogenannten Global-Class vorgesehen. Mit einer Länge von mehr als 340 Metern werden sie übrigens die größten Kreuzfahrtschiffe sein, die jemals auf einer europäischen Werft gebaut wurden. Dort haben dann bis zu 12.000 Menschen Platz pro Schiff.

NDRInfo: Aber für den Bau solcher Schiffe braucht man auch entsprechende Voraussetzungen. Ist MV als ansonsten eher strukturschwache Regionen dafür aufgestellt?

Jan Farclas: Das ist tatsächlich ein Problem. Zum einen muss die Infrastruktur an den drei Standorten erheblich ausgebaut werden: Wenn die Pläne tatsächlich umgesetzt werden, dann wird zum Beispiel das Wismarer Straßennetz aus allen Nähten platzen, denn der Zuliefererverkehr wird extrem zunehmen. Das belegt auch ein Gutachten.

Und dann brauchen die "MV-Werften" dringend Mitarbeiter. Um Fachkräfte zu bekommen, geht das Unternehmen mitunter ungewöhnliche Wege, es schaltet sogar Werbespots im Kino. Rund 1500 Menschen arbeiten derzeit auf den Werften. Und mittelfristig sollen es mehr als 3000 werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Mai 2017 um 11:00 Uhr in der Wirtschaft.

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