Raffinerie in Saudi-Arabien | Bildquelle: picture alliance / dpa

Saudi-Arabien Ölpreisverfall aus Kalkül?

Stand: 13.03.2016 13:01 Uhr

Der Ölpreis sinkt rasant, doch Saudi-Arabien tut nichts dagegen. Im Gegenteil: Das Land fördert den Rohstoff, als gebe es keinen Preisverfall. Dahinter steckt womöglich Kalkül, um einem Erzrivalen zu schaden.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

"Achterbahn-Fahrt", "Berg- und Tal-Bahn", "Auf und ab" - Begriffe, die derzeit Konjunktur haben, wenn es um den Ölpreis geht: Tatsächlich ist der Preis für einen Barrel, also für 159 Liter, seit Mitte 2014 bis heute stetig gefallen: von 100 Dollar auf rund 30 Dollar. Und im Königreich Saudi-Arabien, das als Öl-reichstes Land der Welt gilt, wird gepumpt, als gäbe es keinen Preisverfall.

Daher wirkt es ein wenig so, als wollten sich die Herrscher von Saudi-Arabien unbedingt sehenden Auges in ihr Unglück stürzen. Sie zahlen viel Geld an bewaffnete Gruppen in Syrien, für den Kampf gegen Bashar al-Assad in Damaskus. Sie zahlen darüber hinaus sehr viel Geld für den Kampf gegen die Huthis im Jemen. Und sie zahlen für Moscheen, in denen weltweit ihre radikale Form des sunnitischen Islam gepredigt wird. Alles, was der gemeine Saudi zu Hause braucht, subventionieren die Herrscher in Riad sowieso: Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Benzin. Bei gleichzeitiger Steuerfreiheit für die Untertanen. Sie zahlen, zahlen, zahlen - und gleichzeitig sinkt der Ölpreis?

Herrscher in Riad leisten nichts, um Ölpreis steigen zu lassen

Ja! Saudi-Arabiens Ölminister Ali al-Naimi präsentierte sich vergangenes Jahr hilflos und unschuldig. "Im Jahr 1998 hatten die Ölpreise eine ähnliche Phase durchlaufen, sie waren wie jetzt im Keller", sagte er. Saudi-Arabien hätte damals über mehrere Runden Verhandlungen mit den Erdöl-produzierenden Ländern außerhalb der OPEC geführt. "Es ist uns damals gelungen, Einigkeit über die Produktion zu erzielen, was zur Stabilisierung der Preise geführt hatte", rechtfertigte er sich. Aber heute sei die Situation schwierig. "Wir haben versucht, ähnliche Maßnahmen zu ergreifen, konnten aber keinen Erfolg erzielen."

Saudi-Arabiens Ölminister Ali al-Naimi | Bildquelle: REUTERS
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Saudi-Arabiens Ölminister Ali al-Naimi: "Situation ist schwierig"

Dabei sagen Experten, dass die Herrscher in Riad in Wirklichkeit nichts leisten, um den Ölpreis wieder steigen zu lassen. Fragt sich, warum. Größenwahn? Realitätsverlust? Spaß am möglichen Untergang?

Staatsschatz verschwindet rasend schnell

Immerhin: Die Bewertungsagentur Standard & Poor's stufte die Kreditwürdigkeit Saudi-Arabiens Ende des vergangenen Jahres zurück. Der Internationale Währungsfonds rechnet für 2016 sogar im Brutto-Inlandsprodukt mit einem Fehlbetrag von 19,4 Prozent. Noch beträgt der Staatsschatz rund 620 Milliarden Dollar. Doch was nach so viel klingt, verschwindet in Wirklichkeit rasend schnell: Allein 2015 schrumpften die saudischen Devisenreserven um 120 Milliarden Dollar. Eben wegen hoher Ausgaben und niedriger Einnahmen.

Abdul Rahman al-Raa‘shed, Leiter des Ibn Khaldoun-Forschungszentrums in Riad, sah Mitte vergangenen Jahres durchaus Schwächen im saudischen Wirtschaftssystem: "Die Grundlage der Entwicklungsstrategie der saudischen Regierung basiert auf einer Diversifizierung, also einer Streuung, der Staatseinnahmen. Und hier gebe ich zu, dass es Misserfolge in Saudi Arabien gibt. Vor 30 Jahren machte der Ölverkauf nur 85 Prozent des Einkommens aus, heute sind es mehr als 90 Prozent. Das deutet darauf hin, dass das Königreich seine Strategien überdenken muss."

Motiv: Dem Erzrivalen Iran entgegentreten

Oder lassen die Herrscher in Riad den Ölpreis gezielt sinken? Steckt Kalkül hinter allem? Geostrategisches Kalkül?

Höchstwahrscheinlich. Die Herrscher von Saudi-Arabien wollen dem Erzrivalen Iran entgegentreten. Denn in Teheran, das von schiitischen Muslimen dominiert wird, sitzen unliebsame Rivalen, die seit Jahren daran arbeiten, ihren Einfluss in der Region auszuweiten: unter den schiitischen Muslimen im Libanon und im Irak. In Syrien, Bahrain und im Jemen. Ja, selbst in Saudi-Arabien, wo gut ein Viertel der Muslime ebenfalls schiitisch sind.

Jetzt kann der Erzrivale zum Aufschwung aufholen

Gleichzeitig sank stetig der Einfluss Saudi-Arabiens, das selbst von Sunniten dominiert wird. Dass nun der Atomstreit des Westens mit dem Iran ein Ende fand und die damit verbundenen Sanktionen aufgehoben wurden, hat für das Königreich schwerwiegende Konsequenzen: Ausländische Firmen stehen Schlange, um in den darniederliegenden iranischen Energiesektor zu investieren.

Wobei sich lohnende Geschäfte abzeichnen: Der Iran verfügt über die weltweit viertgrößten Ölressourcen. Dazu kommt eine bildungsorientierte Jugend, die arbeitswillig ist. Wahrscheinlich hätte Iran Saudi-Arabien längst wirtschaftlich überflügelt, wenn nicht Jahrzehnte lang Sanktionen gegen das Land verhängt gewesen wären. Jetzt aber kann Iran zum Aufschwung ansetzen.

Königshaus hofft, Ölpreisflaute durchzuhalten

Da liegt es nahe, dass die Ökonomen in Saudi-Arabien spekulieren: Darauf, dass niedrige Preise an den Energiemärkten notwendige Investitionen in die Ölindustrie des Iran unrentabel machen und den Aufstieg des Rivalen bremsen. Und sei es um den Preis, dass die Saudis sich selbst schaden? Möglicherweise hofft das Königshaus schlichtweg, dass es dank seiner noch vorhandenen Devisenreserven die Ölpreisflaute durchhalten kann.

Allerdings könnte diese Rechnung platzen: Die saudische Wirtschaft lahmt, viele Jobs wurden in den zurückliegenden Jahren mit Ausländern besetzt. Dabei müssten dringend neue Arbeitsplätze für die nachwachsende Bevölkerung entstehen. Mehr als die Hälfte der Staatsbürger von Saudi-Arabien ist jünger als 25 Jahre.

"Krise wird Königreich am Ende zugute kommen"

Angesichts dieser Bevölkerungsentwicklung hat die Beratungsfirma McKinsey errechnet, dass in den kommenden Jahren mehr als vier Millionen Arbeitsplätze benötigt werden. Ansonsten droht Unzufriedenheit und Unruhe im Königreich. Etwas, das die Herrscher immer unbedingt vermeiden wollten. Doch Abdul Rahman al-Raa‘shed, der Leiter des Ibn Khaldoun-Forschungszentrums in Riad, zeigt sich optimistisch: "Diese Krise wird dem Königreich und seiner Wirtschaft am Ende zugute kommen, weil viele Konkurrenten aussteigen werden."

Allerdings fürchtet die Führung des Königreiches offenbar doch, dass sie sich in den zurückliegenden Jahren übernommen hat. Sie hat Ende 2015 erstmals seit langem wieder größere Staatsanleihen aufgelegt. Sie sollen umgerechnet 15 Milliarden Dollar finanzieren, etwa vier Prozent der Ausgaben. Ein kleines Rettungsprogramm. Genau wie die offenbar angestellten Überlegungen den staatseigenen Ölkonzern Aramco an die Börse zu bringen. Eine Überlegung sei, heißt es aus Aramco-Kreisen, einen "angemessenen Anteil der Aktien des Unternehmens" zu platzieren. Kurz: Geld ins Königshaus zu bringen.

Dieser Beitrag lief am 15. März 2016 um 07:49 Uhr im Deutschlandfunk.

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