Hintergrund

Moskau

EU-Sanktionen gegen russische Institute Eine Hintertür für die "Putin-Banken"

Stand: 02.08.2014 12:23 Uhr

Im Zentrum der EU-Sanktionen stehen Russlands Großbanken. An deren westliche Ableger traut man sich aber nicht heran. Denn Sberbank und die VTB sind in Europa fest verwurzelt - und dürften allein in Deutschland Hunderttausende Kunden haben.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Auf der Homepage der VTB Direkt ist am Freitagabend von Sanktionen nichts zu spüren. "Attraktive Zinsen für einen festen Zeitraum", heißt es stattdessen - was zweifelsohne stimmt: 2,1 Prozent bietet die Bank für Festgeld mit dreijähriger Laufzeit. Das ist eine verlockende Offerte in Zeiten, da viele Sparkassen und Volksbanken ihre Kundengelder gar nicht mehr verzinsen.

Die VTB will nicht verraten, wie viele Kunden sie in Deutschland hat. Man kann sich der Antwort auf diese Frage allerdings nähern: 5,5 Milliarden Euro betrug per 31. Dezember 2013 die Bilanzsumme der VTB Austria, zu der die in Frankfurt ansässige VTB Direkt gehört. "Mehr als 45 Prozent" davon kamen laut Geschäftsbericht aus "Primäreinlagen" der deutschen Niederlassung - also mindestens 2,5 Milliarden Euro.

Bis zu 250.000 deutsche Kunden bei VTB

Erfahrungswerte zeigen, dass der durchschnittliche Kunde bei einer Internetbank wie der VTB direkt rund 10.000 bis 15.000 Euro anlegt. Demnach dürfte die VTB - die mehrheitlich im Besitz des Kreml befindliche zweitgrößte russische Bank - also rund 150.000 und 250.000 deutsche Kunden haben. Kein schlechtes Faustpfand in Zeiten eines drohenden Handelskriegs.

Die VTB und die sogar noch größere Sberbank stehen im Mittelpunkt der Wirtschaftssanktionen, die die EU in dieser Woche gegen Russland verhängt hat. Die Moskauer Finanzriesen dürfen sich bis auf weiteres an Europas Kapitalmärkten keine frischen Devisen mehr besorgen. Allerdings haben die EU-Regierungen den beiden Banken eine Hintertür gelassen: Für die in der EU beheimateten Töchter gelten die Strafmaßnahmen nicht.

Logo der VTB Bank in Stawropol (Südrussland) | Bildquelle: REUTERS
galerie

Lenin-Statue trifft Bankenlogo: Die VTB im südrussischen Stawropol.

Mit aggressiven Zinsversprechen auf Kundenjagd

Vor allem Österreich hat auf diese Ausnahmen gedrängt. In Wien sitzt nämlich nicht nur besagte VTB Austria, sondern auch die zur Sberbank gehörende Denizbank. Und bei der sollen, so schreibt die "Wiener Zeitung", sogar sechs Milliarden Euro an europäischem Sparergeld liegen. Auch hiervon dürfte ein beträchtlicher Teil aus Deutschland stammen. Denn die Denizbank buhlt hierzulande ebenso wie die VTB Direkt seit Jahren mit aggressiven Zinsversprechen um Kunden.

Der Fall zeigt exemplarisch, wie heikel die Mission ist, auf die sich die Europäische Union mit ihren Strafmaßnahmen gegen Moskau begeben hat. Der russischen Wirtschaft zuzusetzen, ohne der eigenen noch viel größere Schäden zuzufügen, wird aufgrund der engen Verflechtung gerade in der Finanzindustrie eine Gratwanderung. Nicht nur um Arbeitsplätze in der Exportindustrie geht es, sondern sogar um die Achillesferse einer jeden Volkswirtschaft - die Spareinlagen.

Putin | Bildquelle: REUTERS
galerie

Soll mit den EU-Sanktionen zum Einlenken in Sachen Ukraine-Konflikt gebracht werden: Russlands Präsident Putin.

   

Sberbank und VTB - nicht mehr nur russisch

Tatsächlich handelt es sich bei Sberbank und VTB nicht mehr nur um "russische", sondern genau genommen um "europäische" Finanzkonzerne. Während viele westliche Geldhäuser im Zuge der Finanzkrise zusammengeschrumpft sind, befinden sich die beiden "Putin-Banken" seit Jahren auf Wachstumskurs. Die Sberbank ist inzwischen in acht Ländern in Mittel- und Westeuropa vertreten. Der milliardenschwere Erwerb der Denizbank markierte 2012 den Höhepunkt dieser Expansionspolitik.

Die VTB wiederum, auch wenn sie mehrheitlich dem russischen Staat gehört, hat derweil "eine beträchtliche Anzahl westlicher Aktionäre", wie die "Financial Times" schreibt. Bei einer Kapitalaufnahme im vergangenen Jahr habe der norwegische Staatsfonds zu den größten Investoren gehört.

Sberbank in Stawropol | Bildquelle: REUTERS
galerie

Die Sberbank ist mittlerweile in acht Staaten Mittel- und Westeuropas vertreten.

Vor allem deutsche Sparer im Visier

Vor allem aber bemühen sich die beiden Institute auffallend um europäische und speziell deutsche Kleinkunden - wobei das ursprüngliche Motiv dahinter eher ein wirtschaftliches als ein politisches war. Der Hintergrund: Die europäische Einlagensicherung gilt für jede Bank, die ihren Sitz in der EU hat, also für die unter österreichischer Flagge segelnde VTB Direkt genauso wie für die Sparkasse ums Eck.

Im Vertrauen auf diesen Schutzmechanismus legen inzwischen Millionen Deutsche ihr Geld bei ausländischen Banken mit oft mäßiger Bonität an. Für Institute wie die VTB ist das ein Glücksfall. Denn jene 2,1 Prozent, die sie den Sparern bietet, sind gemessen am deutschen Zinsniveau zwar viel. Sich das Geld stattdessen am Kapitalmarkt zu besorgen, käme die meisten aber noch deutlich teurer.

8,5 Milliarden Euro von Kleinsparern angelegt

Zählt man nun die sechs Milliarden der Sberbank/Denizbank und die 2,5 Milliarden der VTB Direkt zusammen, dann ergibt das ein ordentliches Polster von 8,5 Milliarden Euro, das die Kleinsparer den beiden Banken verschaffen. Zur Einordnung: Der Betrag entspricht grob gerechnet jener Summe, die die beiden Institute bis Ende 2015 laut Morgan Stanley benötigen, um ihre auslaufenden Anleihen zu refinanzieren (also ihre Kapitalmarktschulden zu begleichen).

Ist das Geld der deutschen Sparer sicher? Laut VTB Austria dient das in Deutschland eingesammelte Geld "zum überwiegenden Großteil" Kreditgeschäften in Westeuropa. Rechtlich, so sagte vor ein paar Wochen ein österreichischer Finanzaufseher unter der Hand, gebe es zwar keine Handhabe gegen den Abfluss von Geldern nach Russland. Allerdings: Wie es nun aus Wiener Regierungskreisen heißt, "ist sichergestellt, dass es nicht zu einer Umgehung der Sanktionen kommt, etwa in Form von Krediten der österreichischen Tochter an die russische Mutter".

Die Denizbank und die VTB Austria in die Sanktionen einzubeziehen, hat man sich trotzdem nicht getraut. Zu groß, so heißt es, war die Furcht, "eine Unsicherheit am österreichischen Finanzmarkt auszulösen" - und im Extremfall mit der staatlichen Einlagensicherung einspringen zu müssen. Eine Schieflage der beiden Institute kann sich Wien offenbar noch viel weniger leisten als Moskau.

Darstellung: