Ryanair-Maschinen in Dublin

Mehr als 100 Beschuldigte Ermittlungen gegen Ryanair-Piloten und Personalvermittler

Stand: 18.07.2016 19:08 Uhr

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Personaldienstleister und Piloten, die über diese Firmen für die Billig-Fluggesellschaft Ryanair arbeiten. Die Ermittler haben offenbar ein Geflecht von Briefkastenfirmen gefunden und glauben, dass damit seit Jahren Steuern und Sozialabgaben in Millionenhöhe hinterzogen wurden.

Von Georg Wellmann und Thomas Kramer, WDR

In einem schönen Jugendstilhaus in Neuss befindet sich der Firmensitz einer diskreten Steuerberatungsgesellschaft. Vor ein paar Tagen wurde das mittelständische Unternehmen im Auftrag der Staatsanwaltschaft Koblenz durchsucht, Beweismaterial wurde sichergestellt.

Nach Kenntnis der Behörde erstellt die Kanzlei seit 2013 für einige der für Ryanair fliegenden Piloten die Sozialversicherungsmeldungen. Zumindest dann, wenn sie ihren Heimatflughafen in Deutschland haben. Den Ermittlern fiel auf, dass der angegebene Verdienst der Piloten offenbar "erheblich niedriger" war als das tatsächliche Gehalt. Nur ein Teil des ausgezahlten Gehalts sei bei der Sozialversicherung angegeben.

Nach deutschen Recht erfülle dies den Tatbestand der Steuerhinterziehung, heißt es im Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Koblenz, den die Recherchekooperation von WDR, NDR und SZ einsehen konnte. Zudem ermittelt die Behörde auch wegen des Verdachts des Betrugs gegen die Piloten.   

Gegen Ryanair selbst wird nicht ermittelt

Insgesamt ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz inzwischen gegen 101 Beschuldigte. Die Ermittler haben offenbar ein weitverzweigtes Geflecht von Briefkastenfirmen gefunden und glauben, dass damit seit Jahren Steuern und Sozialabgaben in Millionenhöhe hinterzogen wurden.

Im Auftrag der Staatsanwaltschaft suchten Polizei- und Zollbeamte mehrere Ryanair-Standorte an deutschen Flughäfen auf und befragten Piloten. Außerdem wurden Privatwohnungen und Fahrzeuge durchsucht und Beweismaterial sichergestellt. Nach bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft soll die Neusser Steuerberatungskanzlei nicht gewusst haben, wie hoch das Gehalt der Ryanair-Piloten tatsächlich ist, offenbar aus diesem Grund richten sich die Ermittlungen auch nicht gegen die Kanzlei selbst. Man habe wirklich keine Kenntnis von den tatsächlichen Entgelten der Piloten gehabt, erklärt die Steuerberatungskanzlei auf Anfrage.

Hinter dem Geschäftsmodell stehen die beiden englischen Personendienstleister McGinley Aviation Ltd. und Brookfield Aviation International Ltd. Über Brookfield wird der überwiegende Teil der in Deutschland stationierten Ryanair-Piloten vertraglich an die irische Billig-Airline verliehen. Vor allem für Ryanair ein lohnendes Geschäft, denn die Piloten sind nicht fest angestellt, haben keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und müssen sich selber sozialversichern. Das reduziert die Personalkosten - sorgt aber auch immer wieder für Negativschlagzeilen.

"Wir haben bewusst die Anzahl von fest angestellten Piloten in den letzten Jahren auf weit über 50 Prozent erhöht", sagt Ryanair-Pressechef Robin Kiely im Gespräch mit der Recherchekooperation. 3500 Piloten beschäftigt der Billigflieger derzeit, genaue Zahlen, wie viele hiervon keine feste Anstellung haben, will Kiely nicht nennen. 

Eine Firma, an der 19 Piloten beteiligt sind ...

Die sogenannten "Contractor-Piloten", also Piloten ohne Festanstellung, sind wohl nur auf dem Papier selbstständig, glaubt die Staatsanwaltschaft. Um das wahre Beschäftigungsverhältnis zwischen Brookfield und den Piloten zu verschleiern, seien seit Ende 2010 Hunderte von Briefkastenfirmen in Irland gegründet worden. Die Piloten fungieren offiziell als Eigentümer von Firmen, die sie nur vom Namen her kennen. Eine solche Firma ist zum Beispiel die Storwing Consultants Ltd., an der gleich 19 Piloten beteiligt sind - die meisten mit einem Kapitalanteil von gerade einmal fünf Euro. Die Firma sitzt in einem anonymen Bürohaus im irischen Cork, hat aber auch eine Betriebsstätte als steuerliche Repräsentanz bei der Kanzlei in Neuss angemeldet.

Ryanair beteuert, mit dubiosen Geschäftspraktiken nichts zu tun zu haben und forderte ihre Piloten auf, sich stets entsprechend ihrer steuerlichen Pflichten zu verhalten. Das Unternehmen betont zudem, dass die Steuerfahndung nicht gegen Ryanair ermittelt und bietet den deutschen Behörden seine Unterstützung an. Die Koblenzer Staatsanwaltschaft beschäftigt sich bereits seit rund vier Jahren mit dem Fall. Die Behörde hat wiederholt festgestellt, dass es sich entgegen den Angaben von Ryanair bei den Piloten nicht um selbstständige Subunternehmer handele, sondern um Scheinselbstständige der Personaldienstleister, die aber den Betriebsanweisungen und Richtlinien von Ryanair unterstehen.

Die Staatsanwaltschaft, bestätigt, dass gegen die Fluglinie nicht ermittelt werde. Es gebe "keinen Tatverdacht", betonen die Ermittler auf Anfrage. Hat Ryanair also tatsächlich mit den Vorgängen nichts zu tun?  

Die dubiosen Geschäfte des Declan D.

Nach Recherchen von WDR, NDR und "SZ" gibt es weitere interessante Geschäftsbeziehungen. Am 2. Dezember 2014 wurde die deutsche Firma Excel Aviation UG gegründet, ein Tochterunternehmen der irischen Excel Aviation Ltd. Die Niederlassung hat ihren Sitz ebenfalls in dem schmucken Haus in Neuss und wurde mit Hilfe der Steuerberatungskanzlei gegründet.

Recherchekooperation

Die investigativen Ressorts von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" kooperieren unter Leitung von Georg Mascolo themen- und projektbezogen. Die Rechercheergebnisse, auch zu komplexen internationalen Themen, werden für Fernsehen, Hörfunk, Online und Print aufbereitet.

Der Eigentümer der Excel Aviation ist in der Personaldienstleistungsbranche kein Unbekannter. Der Ire Declan D. war 16 Jahre lang in leitenden Positionen bei Ryanair tätig. Unter anderem war der 54-jährige als "Pilot Recruitment Manager" für die Personalbeschaffung von Piloten bei Ryanair zuständig. Im Jahr 2004 wechselte D. dann als Manager zu Brookfield, also genau zu einer jener Firmen, die das "Contractor-Modell" mit den Ryanair-Piloten seit Jahren betreiben. Vor gut einem Jahr verließ er schließlich Brookfield und arbeitet nun für seine eigene Firma.

Die Excel Aviation beschäftigt sich ebenfalls mit der Personalbeschaffung und verleiht nach eigenen Angaben "exklusiv" das technische Bodenpersonal für sämtliche Ryanair-Standorte in Deutschland. Eine vielschichtige Struktur. Declan D. wollte sich hierzu nicht äußern. Auch ist nicht bekannt, dass gegen ihn oder seine Firma ermittelt wird. D. teilte lediglich mit, dass seine Firma keine Verbindungen zu Brookfield unterhalte.

Über dieses Thema berichtete DRadio Wissen am 18. Juli 2016 um 18:15 Uhr.

Darstellung: