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Neue Braunkohle-Kraftwerksblöcke in Grevenbroich
CO2-Diät oder Klimakiller-Kraftwerk?
Mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Bundesumweltminister Peter Altmaier hat der Energiekonzern RWE die Inbetriebnahme eines Braunkohlekraftwerks in Grevenbroich-Neurath gefeiert. Der neue Doppelblock ist für den Konzern "Klimavorsorge mit Hochtechnologie", für den Umweltverband BUND dagegen ein "Dinosaurier des Kohlezeitalters".
Von Martin Gent, WDR
Die neuen Kraftwerksblöcke etwa zwanzig Kilometer nordwestlich von Köln sind gigantisch: Wie Kathedralen ragen riesige Kühltürme und Kesselhäuser in den Himmel, mehr als 170 Meter hoch. Vom weltweit modernsten und umweltfreundlichsten Braunkohlekraftwerk ist die Rede, von einem der leistungsstärksten Europas. 2,6 Milliarden Euro seien investiert worden, sagt RWE. Auf Europas einst größter Baustelle arbeiteten zeitweise 4000 Menschen, der größte fahrbare Kran der Welt kam zum Einsatz. Für RWE sind die beiden neuen Kraftwerksblöcke eine der größten Investitionen in der Unternehmensgeschichte.
Verbesserter Wirkungsgrad
2100 Megawatt Strom soll der neue Doppelblock ins Netz einspeisen. RWE betont, dass die Braunkohle nun deutlich effizienter verstromt werde und spricht von Braunkohlenkraftwerken mit optimierter Anlagentechnik ("BoA"). Mit Inbetriebnahme von BoA 2 und 3 sollen bis Ende des Jahres die letzten von 16 Uralt-Braunkohlekraftwerke stillgelegt werden, die zum Teil mehr als 50 Jahre alt sind.
Diese Methusalems waren mit 150 Megawatt Leistung vergleichweise klein und gingen verschwenderisch mit Energie um: Weniger als ein Drittel der in der Kohle steckenden Energie wurde zu Strom, der Wirkungsgrad betrug also kaum mehr als 30 Prozent. Da sind die neuen Anlagen deutlich besser und holen 43 Prozent Strom aus 100 Prozent Braunkohleenergie.
Besonders stolz ist RWE darauf, dass die neuen Blöcke nicht nur Grundlaststrom liefern können. Eine digitale Steuerung soll es jedem der Blöcke ermöglichen, die Leistung binnen einer Viertelstunde um 500 Megawatt anzupassen. Damit sei das neue Kraftwerk flexibel wie ein Gaskraftwerk und ein verlässlicher Partner zum schwankenden Energieangebot aus Wind und Sonne.
Großteil der Energie verpufft
Wirklich neu ist das alles aber nicht. Am wenige Kilometer entfernten Kraftwerksstandort Niederaußem hat RWE schon 2003 den vergleichbaren Kraftwerksblock BoA 1 mit ebenfalls 43 Prozent Wirkungsgrad in Betrieb genommen und auch dieses Kraftwerk kann selbstverständlich die eingespeiste Strommenge anpassen, wenn auch nicht so schnell wie die neue Anlage in Neurath. So groß ist der Fortschritt von BoA 1 in Niederaußem zu BoA 2 und 3 in Neurath also nicht. Ein Wirkungsgrad von 43 Prozent bedeutet auch, dass von der Kohleenergie nicht einmal die Hälfte genutzt wird. Das ist kein Versagen der Ingenieure, sondern liegt am Prinzip Wärmekraftwerk ohne Abwärmenutzung. Kritiker nennen die Braunkohlekraftwerke im niederrheinischen Revier deshalb auch Wolkenfabriken, weil der größte Teil der Energie systembedingt durch die riesigen Kühltürme verpufft.
Klimaschädlichster Energieträger
Entsprechend hoch ist der Ausstoß an Treibhausgasen, allen voran CO2. 2007 veröffentlichte der Umweltverband WWF das Negativranking "Dirty Thirty" mit den schlimmsten Dreckschleudern Europas. Die vier RWE-Kraftwerke im niederrheinischen Braunkohlerevier belegten die unrühmlichen Plätze 3, 5, 6 und 7 - berücksichtigt sind allerdings nur die absoluten CO2-Zahlen. Auch wenn sich der CO2-Ausstoß durch die bessere Technik reduziert, bleibt Braunkohle der klimaschädlichste fossile Energieträger. Pro Kilowattstunde Strom werden auch bei den neusten Anlagen rund 950 Gramm Kohlendioxid in die Luft gepustet. Entsprechend dreckig ist der Strom, den RWE verkauft: Zwar drücken Atomstrom und erneuerbare Energiequellen im Strommix den Wert nach unten, doch RWE muss seinen Kunden mitteilen, dass jede Kilowattstunde mit RWE-Strom mit CO2-Emissionen von 650 Gramm verbunden ist und damit den Bundesmix von 494 Gramm deutlich übersteigt.
RWE nimmt neues Braunkohle-Kraftwerk in Betrieb
tagesschau 16:00 Uhr, 15.08.2012, Juliane Fliegenschmidt, WDR
Geheimnis um CO2
Wer wissen will, wie viel CO2 die neuen Kraftwerksblöcke in die Luft pusten, findet in der 28-seitigen Imagebroschüre des Konzerns zum Projekt ("Klimavorsorge mit Hochtechnologie") keine direkte Antwort. Zwar wird erwähnt, dass sich die jährlichen CO2-Emissionen gegenüber Altanlagen - bezogen auf die Strommenge - um sechs Millionen Tonnen reduzieren. Der CO2-Ausstoß der neuen Kraftwerksblöcke wird jedoch im Posten "Rauchgas und Luft" versteckt. Der Landesverband NRW des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) beziffert die jährlichen CO2-Emissionen des Doppelblocks mit 16 Millionen Tonnen. Pro Tonne Kohle entsteht grob eine Tonne CO2. Welch gigantische Mengen das sind, zeigt der Brennstoffverbrauch: Stündlich fressen die beiden Kraftwerksblöcke 1640 Tonnen Kohle, was einen Güterzug mit 16 Waggons erfordert.
Fossile Stromerzeugung zementiert
RWE rechnet mit einer Betriebszeit von 40 Jahren. Eine Laufzeitbeschränkung wie bei der Kernenergie gibt es nicht. Wie lange sich der Betrieb wirklich lohnt, dürfte vor allem davon abhängen, was der Konzern für das emittierte CO2 zahlen muss. In der Vergangenheit wurden diese Emissionsrechte häufig verschenkt, zurzeit sind sie für wenig Geld zu haben. Über die Kontingente im Emissionshandel kann die Politik letztlich steuern, wie lange Braunkohle noch verstromt wird. Umweltverbände befürchten, dass RWE auf die erteilte Betriebsgenehmigung pocht und das Kraftwerk möglichst lange, eben mindestens 40 Jahre, betreiben will. Dann gerät man aber in Konflikt mit den von der Bundesregierung formulierten Klimazielen.
Für den Klimaschutz soll bis 2050 der Ausstoß von Treibhausgasen um 80 bis 95 Prozent reduziert werden. In schon 40 Jahren soll also nahezu kein CO2 mehr in die Luft gepustet werden. Die kleinen, noch "erlaubten" Mengen wird man dringend für Industriezweige benötigen, wo es keine Alternative gibt. Strom kann man mit erneuerbaren Energien aber längst klimaneutral erzeugen. Ein Großkraftwerk wie Neurath passt dann nicht mehr in die Landschaft.
Alternativkonzepte lagen vor
All diese Argumente gegen die Verstromung von Braunkohle sind nicht neu. Der Streit um den Braunkohletagebau Garzweiler II prägte über Jahre die erste rot-grüne Landesregierung. Letztlich setze sich die SPD durch und RWE konnte beginnen, eins der größten Braunkohlelöcher Europas zu graben. Immer wieder gab es Proteste dagegen, auch weil Dörfer weichen und Tausende Menschen umgesiedelt werden mussten. Umweltverbände machten Vorschläge für eine andere Art der Stromversorgung.
Noch vor der Grundsteinlegung durch Bundeskanzlerin Merkel stellte beispielsweise Greenpeace auf dem Kraftwerkskongress in Essen 2006 eine Studie unter dem Titel "2000 Megawatt - sauber!" vor und entwickelte darin ein detailliertes Alternativkonzept zum RWE-Projekt. Greenpeace warb mit 93 Prozent weniger Treibhausgasen, achtmal so viel Arbeitsplätzen und einem Plus an Investitionssicherheit.
Kleinanlagen sind effektiver
Die Greenpeace-Vorschläge von damals können jetzt beinahe als Mainstream gelten: Energie sparen und Effizienz steigern vorneweg, parallel dazu massiv in Erneuerbare Energien investieren. Weil damit aber keine Vollversorgung möglich ist, braucht man - als Brückentechnologie - für eine längere Übergangszeit Strom aus fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas. Der sollte nach Ansicht von Umweltverbänden jedoch nicht aus Großkraftwerken kommen, wo die Abwärme in riesigen Wolken verpufft, sondern aus kleinen Anlagen, die es ermöglichen, die Abwärme zum Heizen zu nutzen. Entweder in Form von Fernwärme - man spricht dann von Kraft-Wärme-Koppelung (KWK) - oder als Nahwärme mit Blockheizkraftwerken (BHKW) im Keller zuhause.
Neben der besseren Nutzung des Brennstoffs haben solche Kleinanlagen einen weiteren entscheidenden Vorteil: Oft sind sie nur für Betriebszeiten von zehn oder fünfzehn Jahren ausgelegt. Man bleibt also flexibel - je nachdem, wie stürmisch sich erneuerbare Energiequellen entwickeln. Einen Nachteil hat die Alternative mit den vielen Kleinkraftwerken aber auch: Sie setzt auf importiertes Erdgas und nicht auf den heimischen Energieträger Braunkohle.
Stand: 15.08.2012 17:14 Uhr
