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Der Klimawandel schmilzt das Eis in der Arktis in rasantem Tempo. Umweltschützer sind entsetzt - Russland freut sich. Weniger Eis am Nordpolar, so die Hoffnung, könnte Handelswege verkürzen und den Zugang zu gewaltigen Bodenschätzen freilegen.
Von Stephan Laack, ARD-Hörfunkstudio Moskau.
Erst kürzlich hat die Universität Bremen mitgeteilt, dass die Eisfläche in der Arktis auf ein Rekordminimum zusammengeschmolzen sei. Amerikanische Wissenschaftler sprachen von der zweitkleinsten Eisfläche seit Beginn der Satellitenmessungen. Der Rückgang des sommerlichen Eises im Nordpolargebiet ist extrem - im Vergleich zu 1972 ist nur noch die Hälfte der Fläche mit Eis bedeckt.
[Bildunterschrift: Die Eisschmelze könnte die Nordostpassage verkürzen und so lukrativer machen. ]
Während dies bei Umweltschützern die schlimmsten Befürchtungen bestätigt, sieht Russland in der Entwicklung vor allem wirtschaftliche Chancen. Vor der heute beginnenden Arktis-Konferenz in Archangelsk kündigte Russlands Katastrophenschutzminister Sergei Schoigu den massiven Ausbau der Nordostpassage an, des Seewegs durch die Arktis.
Schoigu rechnet damit, dass es in zehn Jahren möglich sein wird, die Passage für 120 - 150 Tage im Jahr mit Schiffen zu durchfahren. "Deshalb müssen wir dort hingehen, um die Sicherheit der Seefahrt zu gewährleisten, um Basen, Tankanlagen, sowie Verbindungs- und Nothilfenetze aufzubauen. Wir müssen Stationen zur Beseitigung der Folgen von Öltankerunglücken errichten. Gott bewahre uns vor solchen Havarien."
Im Jahr 2009 hatten erstmals zwei Handelsschiffe einer Bremer Reederei die Nordostpassage genutzt. Die Strecke nach Wladiwostok im fernen Osten Russlands ist 5400 Kilometer kürzer als der klassische Weg durch den Suezkanal und damit wirtschaftlich äußerst lukrativ. Russlands stellvertretender Verkehrsminister Viktor Olerski spricht von einem enormen Potential. Der Run auf die Strecke habe bereits begonnen. "Wir erwarten, dass in diesem Jahr etwa eine Millionen Tonnen Güter über diesen Seeweg transportiert werden." Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es noch 228.000 Tonnen.
Doch eine eisfreie Küste im Norden Russlands birgt aus Sicht Moskaus auch Risiken. Das russische Außenministerium kündigte an, seine Grenztruppen in der Arktis zu verstärken. Arktis-Sonderbotschafter Anton Wassiljew meinte, in der Vergangenheit sei Russlands Grenze durch Eis und harsches Klima gesichert worden. Nun seien tausende Kilometer unbewacht.
Natürlich spielen dabei auch die immensen Bodenschätze in der Arktis eine Rolle, vor allem Öl und Gas. Ihre Ausbeutung wird durch die Eisschmelze erleichtert. Nach Schätzungen des US-Energieministeriums lagern dort über ein Fünftel der unerschlossenen Öl- und Gasvorräte weltweit. Und Russland erhebt Anspruch auf einen Großteil des Nordpolargebietes.
[Bildunterschrift: Russisches Mini-U-Boot, dessen Roboterarm demonstrativ die weiß-blau-rote Nationalflagge Russlands in den Meeresboden am Nordpol steckt. (02.08.2007) ]
Der fast schon legendäre russische Polarforscher Tschilingarow berichtete unlängst über eine besondere Mission in der Arktis. "Wir sind für internationale Zusammenarbeit in der Arktis. Unsere politische Führung betont das ständig. Aber unsere nationalen Interessen sind natürlich von höchster Priorität. Deswegen war das Ziel der Expedition, die in Kürze zurückkehrt, klar und eindeutig. Es galt mit modernsten Instrumenten die Grenzen des russischen Festlandsockels in der Ostarktis festzulegen und einen entsprechenden Antrag vorzubereiten."
Moskau will beweisen, dass der Meeresboden die natürliche Verlängerung des Festlandes ist und sich so den Zugriff auf Öl- und Gasreserven sichern. Schon 2001 beantragte Russland bei der UNO die Festlegung neuer Außengrenzen in der Arktis. Das beanspruchte Gebiet ist 1,2 Millionen Quadratkilometer groß und umfasst auch den Nordpol. Die Vereinten Nationen haben bis heute nicht über den Antrag entschieden, sondern empfahlen Nachforschungen. Das Tauziehen um die Arktis ist in vollem Gange.
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