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Viel Prominenz an Mecklenburg-Vorpommerns Küste: In Lubmin haben Kanzlerin Merkel und Russlands Präsident Medwedjew symbolisch den Hahn der Ostsee-Pipeline aufgedreht. Dann ist Westeuropa direkt mit einem der größten Erdgasfelder der Welt in Sibirien verbunden. Medwedjew würdigte die Pipeline als wichtigen Schritt zur "Festigung der Beziehungen zur EU und zu Deutschland". Das Projekt ist allerdings umstrittenen.
Von Christina Nagel, ARD-Hörfunkstudio Moskau
Von einem Pionierprojekt von strategischer Bedeutung ist die Rede. Von einem Garanten für Stabilität und Energiesicherheit. Beim Thema Ostsee-Pipeline geraten russische Zeitungen regelrecht ins Schwärmen. Nicht einmal vor historischen Vergleichen wird Halt gemacht. In Anlehnung an Peter den Großen, der mit der Stadt Sankt Petersburg ein Fenster zum Westen öffnete, jubelte die Kreml-nahe "Rossijskaja Gazeta", Russland habe nun endlich auch ein entsprechendes "Gas-Fenster".
Mit der Ostsee-Pipeline hat Russland im internationalen Gas-Poker nun einen weiteren Trumpf in der Hand. Sibirisches Gas kann direkt nach Europa geliefert werden. Vorbei die Zeiten der Abhängigkeit von Transitländern wie Weißrussland oder der Ukraine. Entsprechend zufrieden zeigte sich Präsident Dimitri Medwedjew zu Beginn der Verlege-Arbeiten: "Diese Pipeline wird es uns ermöglichen, die westeuropäischen Verbraucher zuverlässig zu versorgen. Und zwar zu einem annehmbaren, vernünftigen Preis. Sie befreit uns von einigen Problemen, zum Beispiel im Transitbereich."
Das war ein Wink in Richtung Ukraine, über die bislang ein Großteil des russischen Gases für Europa transportiert wird. Als es im Winter 2008/2009 zum Gaspreis-Streit zwischen Russland und der Ukraine kam, wurde Europa zur Geisel. Der Transit wurde gestoppt, in einigen Ländern Europas gab es Engpässe. Für diejenigen, die das Projekt protegierten, ein wichtiges Argument, den Bau der Pipeline voranzutreiben.
Denn der war zunächst umstritten - in Deutschland vor allem aus politischen Gründen. Der damalige Kanzler Gerhard Schröder drückte das Vorhaben kurz vor der Bundestagswahl 2005 durch. Als Angela Merkel Kanzlerin wurde, ließ er sich 2006 zum Vorsitzenden des Aktionärsausschusses der Betreibergesellschaft Nord Stream wählen.
Die Menschenrechtler in Russland warfen dem Alt-Kanzler mangelndes Demokratieverständnis vor. Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow sprach von einem fatalen Signal. Erst nenne Schröder Wladimir Putin einen lupenreinen Demokraten, dann lasse er sich in die mafiösen Strukturen des Systems einbinden. Schröder wehrte sich: "Diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Dieser Plan ist ein Projekt dreier unabhängiger privater Gesellschaften. Es liegt im Interesse Deutschlands, und deswegen wird es von jeder deutschen Regierung unterstützt."
Bedenken gab es auch aus ökologischer Sicht. Lange zögerten vor allem die nordeuropäischen Ostsee-Anrainer, durch deren Territorium die Rohre verlegt werden sollten, die entsprechenden Genehmigungen zu erteilen. Polen und die baltischen Staaten machten politisch gegen die Pläne mobil, das an ihren Ländern vorbeiführt. Das Projekt erinnere an den Hitler-Stalin-Pakt, hieß es polemisch.
Dass schließlich doch alle Genehmigungen vorlagen und mit dem Bau begonnen werden konnte, ist aus Sicht Schröders vor allem ein Verdienst des Kreml: "Das Projekt wäre ganz und gar unmöglich gewesen, wenn es nicht das Engagement des Herrn Präsidenten und seines Ministerpräsidenten gegeben hätte. Ohne sie beide wäre es nicht realisierbar gewesen."
Die Röhren des ersten Strangs wurden in rekordverdächtigen 16 Monaten verlegt. Und auch die Arbeiten an der zweiten Röhre liegen im Zeitplan. Beim russischen Gaskonzern Gazprom denkt man deshalb schon weiter. Man träumt von einem dritten Leitungsstrang. Jetzt, wo das Gas-Fenster schon mal da ist.
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