Befragung von Piloten

Müde im Cockpit? Für viele normal

Stand: 22.11.2016 13:02 Uhr

Übermüdete Kollegen im Cockpit? Jeder zweite Pilot beobachtet dies häufig, bei Billigairlines sind es sogar 75 Prozent. Das zeigt eine Studie, die für die EU-Kommission erstellt wurde und dem WDR vorliegt.

Von Thomas Kramer und Georg Wellmann, WDR

Noch nie haben so viele Piloten an einer Sicherheitsstudie teilgenommen: Mehr als 7000 beantworteten die umfangreichen Fragebögen. Auch wenn die Piloten die Sicherheitskultur in europäischen Flugzeugen generell positiv beurteilen, enthüllt der Report doch alarmierende Schwächen. So zeigen vor allem Piloten, die unter atypischen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, deutlich mehr negative Einschätzungen als ihre Kollegen.

Als atypisch beschäftigt werten die Autoren der Studien all jene, die nicht unbefristet festangestellt bei einer Airline fliegen. Ein Beschäftigungsmodell, das in der Luftfahrtbranche immer mehr zunimmt, vor allem bei sogenannten Billigairlines. Diese Entwicklung sollte sorgfältig beobachtet werden, schreiben die Autoren.

Sehr positiv beurteilten die Piloten vor allem die Unterstützung durch ihre Crewkollegen beim Sicherheitsmanagement. Sie berichten auch, dass Unfallberichte ihrer Meinung nach von ihren Pilotenkollegen genau analysiert werden. Vom Management hingegen fühlen sich weniger Piloten in Sicherheitsfragen ausreichend unterstützt. So hat mehr als die Hälfte der Piloten das Gefühl, dass vor allem Übermüdung in ihrer Firma nicht ernst genug genommen werde und weniger als 20 Prozent haben das Gefühl, dass sich die Firma ausreichend um ihr Wohlergehen kümmere.

"Signifikante Unterschiede" zwischen den Fluggesellschaften

Andreas Adrian vom Deutschen Fliegerarztverband begrüßt die Studie. "Das, was alle in der Luftfahrt Beschäftigten schon seit Jahren predigen, dass es so nicht geht, ist nun endlich dokumentiert." Der Flugmediziner fordert, "dass Piloten in einem leistungsgerechten Modus arbeiten können und dass Airlines so aufgestellt sind, dass sie nicht den Piloten alleine lassen".

Um welche konkreten Fluggesellschaften es sich bei der Studie handelt, bleibt im Verborgenen. Sämtliche Namen der mehr als 30 beteiligten europäischen Fluggesellschaften wurden anonymisiert. Wohl nicht ohne Grund: Denn laut Studie gibt es "signifikante Unterschiede" bei der Beurteilung von Sicherheitsaspekten, je nachdem für welche Airline ein Pilot fliegt. Bei den Linienfluggesellschaften, in der Regel große Staats-Fluglinien, stimmten 48,8 Prozent der Piloten der Aussage zu, dass Piloten im eigenen Unternehmen oft müde im Cockpit sitzen. Beim Flugpersonal von Billigairlines waren es dagegen 75,6 Prozent. Den Autoren zufolge werfen die Ergebnisse die Frage nach möglichen Auswirkungen auf die Sicherheitskultur bei atypischen Arbeitsverträgen auf.

Die Piloten verschiedener Fluggesellschaften berichten von deutlichen Unterschieden beim Umgang mit dem Thema Müdigkeit im Cockpit.

Ruf nach gesetzlichen Konsequenzen

Flugmediziner Adrian wundert das nicht. Er sieht einen klaren Zusammenhang zwischen prekärer Beschäftigung und vermehrtem Stress im Cockpit. Deshalb fordert er: "Seitens der Gesetzgebung sollte sehr schnell darauf reagiert und sollten solche Arbeitsverhältnisse einfach eliminiert werden." Die Londoner Studie wurde von der Europäischen Kommission finanziert und entstand in Kooperation mit Eurocontrol, der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt. Die größte Gruppe der Befragten, mit knapp einem Viertel der Piloten, stammt aus Deutschland.