Heparin

Gefälschte Medikamente "Der Patient ist der Dumme"

Stand: 17.05.2017 10:32 Uhr

Jedes zehnte Medikament weltweit ist nach Schätzung der WHO gefälscht, in Europa bis zu jedes hundertste. Grund ist laut Experten die nach Asien ausgelagerte Produktion und ein völlig intransparentes System.

Von Patricius Mayer, BR und Caroline Ebner, tagesschau.de

Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge sterben jedes Jahr etwa eine Million Menschen weltweit durch die Folgen gefälschter Medikamente. Jedes zehnte Medikament weltweit ist nach der WHO-Schätzung gefälscht. Zwar ist die Lage in Europa und Deutschland besser, doch auch hier geht die WHO immerhin von bis zu einem Prozent Fälschungen aus. Das geht aus einem WHO-Bericht aus dem Jahr 2011 hervor - aktuellere Zahlen gibt es nicht. Als Fälschungen gelten Medikamente, die entweder keinen oder einen falschen Wirkstoff enthalten oder in geringerer Konzentration. Auch verunreinigte Medikamente gelten als Fälschungen.

Fakt ist, dass die Hersteller in Deutschland regelmäßig Medikamente zurückrufen müssen. Teils sind sie verunreinigt, teils wirken sie nicht. Die Apotheken werden darüber entsprechend informiert. Doch wie viele Fälschungen nicht entdeckt werden, ist völlig ungewiss. Denn wenn ein Medikament bei einem Patienten nicht wirkt, kann die ausbleibende Heilung nur schwer allein auf das Arzneimittel zurückgeführt werden. Experten gehen aber von einer höheren Dunkelziffer aus.

Völlig intransparentes System

"Der Patient ist der Dumme", sagt Hans-Joachim Mill, der mehrere Jahre im Sicherheitsbereich eines großen Pharma-Konzerns tätig war. Selbst Apotheker hätten inzwischen keine Chance mehr zu erkennen, ob ein Medikament echt oder falsch sei. Denn der Weg vom Produzenten bis in die Apotheke ist lang: Bis zu 30 Firmen können es Mill zufolge zumindest auf dem Papier sein.

Ausgewiesen werden muss auf der Verpackung oder dem Beipackzettel jedoch lediglich der Auftraggeber, der eigentliche Produzent und der Herstellungsort bleiben Patienten und Apotheker dabei verborgen.

Und der liegt inzwischen meist in Indien oder China: So stammen 80 bis 90 Prozent der Antibiotika, die in Deutschland zum Einsatz kommen, aus indischer Produktion. In Europa werden kaum noch Antibiotika hergestellt. Auch bei anderen Arzneimitteln ist ein großer Teil der Produktion inzwischen nach Asien ausgelagert.

Erklärvideo: Das intransparente Pharmasystem
04.05.2017, Patricius Mayer und Daniel Harrich, BR

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Einfallstor für Fälschungen

Der Pharmakologe Harald Schweim, Pharmakologie-Professor an der Universität Bonn, hält das für den Ursprung des Problems: Dadurch hätten Pharma-Konzerne ihr Knowhow exportiert. Sub-Unternehmen haben durch die Auslagerung vielfach Zugriff auf die Original-Formeln der Konzerne, teils auch auf die Original-Verpackungsdaten. Durch die lange Kette an weiteren Sub-Unternehmen gelangen immer wieder auch unseriöse Unternehmen an diese Daten – und produzieren auf deren Grundlage weitere Chargen an Medikamenten, die von den echten kaum zu unterscheiden sind. Die Gewinnmargen sind dabei extrem hoch: Mit gefälschten Medikamenten verdienen Kriminelle deutlich mehr als etwa mit Drogen.

Kontrollen durch deutsche und europäische Behörden existieren zwar, Experten halten sie in der Praxis aber für nicht ausreichend. Die Sondereinheit von Interpol, die für die Ermittlungen im Bereich Medikamentenfälschungen zuständig ist, wurde von den großen internationalen Pharma-Konzernen selbst finanziert.

Verbesserung durch securPharm

In den kommenden Jahren ist zumindest im Hinblick auf die Verpackungen Besserung in Sicht: 2019 soll das so genannte securPharm-Projekt gestartet werden. Hierzu wird jedes verschreibungspflichtige Medikament einen eindeutigen Code erhalten, der in der Apotheke gescannt und mit einer Datenbank abgeglichen wird. Wurde die Seriennummer schon einmal verkauft oder gar nie vergeben, warnt das System den Apotheker, und die Packung wird nicht abgegeben.

Ein Themenabend im Ersten widmet sich am Mittwoch, 17. Mai mit dem Spielfilm "Gift" und der anschließenden Dokumentation "Gefährliche Medikamente" der Problematik.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 17. Mai 2017 um 21:45 Uhr in der Dokumentation "Gefährliche Medikamente – gepanscht, gestreckt, gefälscht".

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