Apothekenregal

Gefälschte Medikamente Begünstigen Pharma-Konzerne Fälschungen?

Stand: 17.05.2017 06:04 Uhr

Wichtige Unterlagen für Produktion und Handel von Medikamenten sind seit Jahren online abrufbar. ARD-Recherchen zeigen, dass die Pharma-Branche davon weiß, aber wenig dagegen unternimmt - und damit Fälschungen begünstigt.

Von Daniel Harrich und Patricius Mayer, BR

Mehrere Jahre lang waren die Verpackungsdaten von 349 Medikamenten der 22 weltweit größten Pharma-Firmen auf einem Server in Kolumbien abrufbar. Befinden sich gefälschte Medikamente in Originalverpackungen, haben Patienten und sogar Apotheker kaum eine Chance, Fälschungen von Originalen zu unterscheiden.

Bereits 2014 machte das ARD-Magazin "Plusminus" vor allem Pfizer und Bayer auf die Problematik aufmerksam. In einer Stellungnahme bestritt Bayer damals die Qualität der Druckvorlagen. Experten jedoch attestieren weiterhin, dass es sich bei diesen um hochauflösende Original-Druckdaten der Hersteller handelt, mit Hilfe derer Medikamentenfälscher Original-Verpackungen erstellen können. Pfizer behauptete gegenüber dem Magazin Plusminus in einer Stellungnahme Juli 2014: "Wie bereits telefonisch besprochen, hatte Pfizer keine Kenntnis davon, dass diese Dateien im Internet abrufbar sind."

Doch wie sich nun herausstellt, war Pfizer mutmaßlich seit 2011 über das Ausmaß der freien Verfügbarkeit hochsensibler Firmendaten im Internet informiert. Dokumente, die der ARD exklusiv vorliegen, legen den Schluss nahe, dass sogar die oberste Führungsriege von Pfizer über die immensen Datenlecks informiert war.

Streng vertrauliche Daten abrufbar

Der US-Pharma-Konzern Pfizer war mit den meisten Medikamenten - insgesamt 105 - auf dem kolumbianischen Server vertreten. Die betroffenen Medikamente sind etwa für zwei Drittel des Jahresumsatzes des amerikanischen Konzerns verantwortlich.

Darüber hinaus waren bei nahezu sämtlichen Pfizer-Medikamenten editierbare Zollunterlagen sowie das "Certificate of Analysis" abrufbar. Bei Letzterem handelt es sich um die Laborunterlagen der betreffenden Medikamente, die - chemisch aufgeschlüsselt - die Reinheit und den korrekten Wirkstoffgehalt attestieren. Die Dokumente sind mit dem Vermerk "streng vertraulich" gekennzeichnet und gelten als Geburtsschein eines Medikaments. Großhändler weisen mit solchen Unterlagen die Echtheit ihrer Medikamente bei ihren Abnehmern nach. Fälscher können umso leichter ihre illegalen Medikamente in Umlauf bringen, wenn sie die notwendigen Dokumente besitzen.

In einer Stellungnahme verweist Pfizer darauf, in vielen Ländern verpflichtet zu sein, "den Zulassungsbehörden solche Dateien der Verpackungen bereit zu stellen, um die Zulassungs-Erlaubnis für Medikamente zu bekommen". Auf die Frage, wieso sich neben den Verpackungsdaten auch streng vertrauliche Laborberichte und Zolldokumente befanden, schweigt Pfizer.

Keine Reaktion

Das umfangreiche Datenleck wurde bereits am 20. November 2011 von Fälschungsexperte Andreas Schneider aufgedeckt und an Pfizer gemeldet. Ein halbes Jahr lang kontaktierte Schneider eine Vielzahl von Abteilungen bei dem Pharma-Riesen. Doch der Konzern reagierte nicht. Der der ARD exklusiv vorliegende E-Mail-Verkehr zwischen der Detektei und dem Konzern zeigt, dass sogar die Führungsebene rund um den heutigen Vice Executive President Doug Lancler, der damals Chief Compliance Officer war, über die Dimensionen des Datenlecks und die enorme Gefahr, die von diesem ausgeht, informiert war.

E-Mail-Verkehr zwischen der Detektei und dem Konzern Pfizer
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Der E-Mail-Verkehr zwischen der Detektei und dem Konzern liegt der ARD vor.

E-Mail-Verkehr zwischen der Detektei und dem Konzern Pfizer
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Er zeigt, dass die Führungsebene um Lancler über das Datenleck informiert war.

Sensible Datensätze auf israelischem Server

Mitte 2015 verschwanden die Daten auf dem kolumbianischen Server plötzlich. Ein Großteil der Datensätze jedoch ist weiterhin auf einem israelischen Server zugänglich und war dort noch bis Redaktionsschluss abrufbar.

Da es sich bei sämtlichen auf den Servern vertretenen Firmen um börsennotierte Unternehmen handelt, wandte sich Schneider 2015 an die Börsenaufsicht in New York. Sein Anwalt Michael C. Spencer arbeitete sämtliche Daten von Schneider auf und kam zu dem Schluss, dass "die Informationen, die sich auf diesen Websites befinden, Arzneimittelfälschern den Zugang zu Original-Dokumenten ermöglichen". Spencer zufolge können sie damit die Fälschungen auf der ganzen Welt vertreiben und verkaufen. "Das ist, als würde man der Fälscherwelt den direkten Zugang zu Informationen geben, die eigentlich unter Verschluss gehören."

Gefälschte Medikamente gefährden Krebsbehandlung
tagesthemen 22:15 Uhr, 17.05.2017, T. Reutter/ K.Kerzdörfer/ D.Harrich, SWR

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Komplexe Pfizer-Datensätze

Der kolumbianische wie auch der israelische Server werfen Fragen auf: Sämtliche Medikamente, die mit ihren Datensätzen vertreten sind, sind entweder aus dem hochpreisigen Segment oder preisgünstige Massenware. Andreas Schneider ist überrascht, insbesondere von der Komplexität der Pfizer-Datensätze, die aus allen Kontinenten zusammengesammelt, auf einzelnen öffentlich zugänglichen Servern ihren Niederschlag finden: "Das ist ein Unternehmen mit einer Größenordnung weltweit aufgestellt, quer durch alle Divisionen, quer durch alle Kontinente tauchen plötzlich da Daten auf diesem Server auf, so Schneider. "Das muss ja abgestimmt im Haus in irgendeiner Form koordiniert worden sein, sonst kommen die ja da gar nicht hin, die fliegen da ja nicht von alleine hin."

So finden sich dort neben teuren Krebsmedikamenten auch Immunsuppressiva oder Rheumamittel (wie Enbrel von Pfizer) sowie Datensätze zu weltweit beliebten Schmerzmitteln wie Cardio-Asprin der Firma Bayer. Allein 2015 hat Pfizer mit Enbrel einen Jahresumsatz von 7,68 Milliarden Euro gemacht. Das Medikament liegt auf Platz fünf der bestverkauften Pfizer-Präparate weltweit. Zu der auf den Servern sich befindenden Auswahl von Medikamenten und ihren streng vertraulichen Datensätzen bezieht Pfizer keine Stellung.

Neben den Verpackungsdaten finden sich auf dem israelischen Server bei vielen Medikamenten auch die Druckvorlagen der Beipackzettel, ein weiterer wichtiger Bestandteil, um gefälschten Medikamenten den Anschein von Authentizität zu verleihen und in den Markt zu bringen.

Zusammenarbeit mit Interpol

16 der 22 auf beiden Servern vertretenen Firmen unterstützen Interpol offiziell im Kampf gegen die Fälschermafia. Mit mehreren Millionen US-Dollar finanzieren die 22 weltweit größten Pharma-Unternehmen Interpol.

Fälschungsexperte Andreas Schneider findet es verwunderlich, "dass 22 Unternehmen dieses Problem haben. Und interessant finde ich auch, dass eben 16 dieser 22 Unternehmen Interpol finanziell im Kampf gegen Fälschungen sponsern und zwar mit mehreren Millionen Dollar, was natürlich schon die Frage aufwirft, warum die Firmen, die quasi Geld aufwenden für Fälschungsbekämpfung, ihre sensiblen Verpackungsdateien nicht besser unter Kontrolle haben." Schneider sieht einen Interessenskonflikt: "Mir kann keiner erzählen, dass Interpol ernsthaft gegen die Unternehmen ermittelt, die mehrere Millionen an sie überweisen, um die Arbeit im Pharmafälschungsbereich zu finanzieren."

Auf die Frage, wie Pfizer sicher stellt, dass es bei einer solchen Zusammenarbeit mit Interpol nicht zu Interessenskonflikten kommt, hat der Konzern nicht reagiert.

Ein Themenabend im Ersten widmet sich am Mittwoch, 17. Mai mit dem Spielfilm "Gift" und der anschließenden Dokumentation "Gefährliche Medikamente" der Problematik.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Mai 2017 um 12:00 Uhr.

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