vom Zoll sichergestellte gefälschte Medikamente

Pharmafälschungen Fehler im System

Stand: 17.05.2017 09:57 Uhr

Nach Schätzungen der WHO sind bis zu ein Prozent der Medikamente in Europa Fälschungen. Diese erreichen auch auf legalen Wegen die Patienten in Deutschland. Ein Grund: die nach Indien und China ausgelagerte Produktion.

Von Tobias Bönte und Patricius Mayer, BR

"Es wird letztendlich alles gefälscht: von Antibiotika bis zur Antibabypille, selbst teure Krebsmedikamente werden gefälscht", sagte ein Pharma-Sicherheitsexperte der ARD. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit zehn Prozent aller Medikamente gefälscht sind. Besonders betroffen ist Afrika: Bis zu 80 Prozent der im Umlauf befindlichen Medikamente dort gelten als Fälschungen, insbesondere teure Malaria- und HIV-Arzneimittel.

Für Europa und die USA schätzt die WHO zwar, dass nur bis zu ein Prozent der auf dem Markt befindlichen Arzneimittel Fälschungen sind. Das geht aus dem WHO-Bericht aus dem Jahr 2011 hervor - aktuellere Zahlen gibt es nicht. Aber bei jährlich 1,4 Milliarden verkauften Arzneimitteln allein in Deutschland ist auch ein Prozent ein nicht zu vernachlässigender Wert. Zudem zeigten die letzten Jahre, dass Fälschungen auch in Europa längst die legalen Handelswege und Apotheken erreichen.

Pharmafälschungen in Deutschland

August und September 2013: Fälschungen des Krebsmittels Sutent tauchen in deutschen Apotheken auf.
September 2013: Zum wiederholten Mal in diesem Jahr müssen Pharmahersteller Fälschungen des Magenmittels Omeprazol aus den Apotheken zurückrufen.
Juni 2014: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte warnt vor Fälschungen des Krebsmittels Sutent.
Juni 2014: Nach Arzneimitteldiebstählen in Italien warnen die Aufsichtsbehörden vor Fälschungen teurer Krebsmedikamente, HIV-, Multiple Sklerose- und Rheumaarzneien sowie Blutdoping-Produkte.
Oktober 2014: Das Paul-Ehrlich-Institut, zuständig für die Kontrolle der Impfstoffe und Biopräparate, warnt vor Fälschungen des Krebsmittels Avastin.

Die Auswirkungen gefälschter Medikamente sind immens: Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich eine Million Menschen an gefälschten, minderwertigen oder gepanschten Arzneimitteln. Das heißt im Klartext: Alle 30 Sekunden verliert ein Mensch durch Pharmafälschungen sein Leben.

Fälschung nicht gleich Fälschung

Bei den Fälschungen gibt es zahlreiche Unterschiede. Bis heute gibt es keine einheitliche Definition für gefälschte Arzneimittel. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Fälschungen als "Arzneimittel, bei dem vorsätzlich und arglistig falsche Angaben über die Identität und/oder den Lieferanten gemacht werden. Fälschungen können Markenmedikamente und Generika betreffen, es kann sich um Produkte mit richtigen Wirkstoffen, mit falschen Wirkstoffen, mit gar keinen Wirkstoffen, zu wenig Wirkstoffen oder gefälschter Verpackung handeln."

Unabhängig von der Definition eint alle Fälschungen, dass sie dem Patienten nicht die Hilfe geben, die dieser und der behandelnde Arzt erwarten. Die Folgen können lebensbedrohlich sein. Günther Verheugen, der ehemalige Vizepräsident der EU-Kommission, bezeichnete Medikamentenfälschung deshalb als "versuchten Massenmord".

Vom Zoll aufgegriffene gefälschte Medikamente
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Immer wieder greift der Zoll gefälschte Medikamente auf.

Auslagerung der Produktion

Internationale Pharmakonzerne wie Pfizer, Novartis oder Roche haben in den letzten Jahren zunehmend Teile ihrer Medikamentenproduktion in Billiglohnländer wie Indien oder China ausgelagert, wo die Produktionskosten nur etwa ein Zehntel betragen. Das Resultat: 80 Prozent der Generika und fast 90 Prozent der Antibiotika, die in Deutschland zum Einsatz kommen, stammen aus Asien.

Laut Professor Harald Schweim, Pharmakologe an der Universität Bonn, senken die Firmen mit der Produktion im Ausland auch ihre Standards ab: "Wenn man früher nach Arzneibuch eine Qualität zwischen 93 und 100 Prozent verwenden konnte, dann hat eine normale Pharmafirma 95- bis 98-prozentige Qualität verwendet. Die ist aber teurer! Wenn sie die dreckigere, 94 prozentige chinesische oder indische Ware kaufen, dann produzieren sie billiger."

Rückrufaktionen wegen Verunreinigungen

Regelmäßig kommt es in deutschen Apotheken zu Rückrufaktionen von Medikamenten, die in Indien und China produziert wurden und Verunreinigungen aufweisen. Säubert der Zulieferer seine Produktionsanlage nicht ausreichend, gelangen entweder Bakterien in das Medikament oder Reste anderer Wirkstoffe, die zuvor in der Anlage produziert wurden. In beiden Fällen besitzt das Medikament nicht die Spezifikation, die es einst im Rahmen seiner klinischen Zulassung erworben hatte. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) bezeichnet daher auch verunreinigte Medikamente als verfälscht und somit gefälschte Arzneimittel.

Durch die Auslagerung nimmt die Pharmaindustrie Risiken in Kauf. Indem die Firmen das Wissen über Produktzusammensetzungen, Herstellungsverfahrungen und die Verpackungsdaten an die Produktionspartner weitergeben, haben diese die Möglichkeit, zusätzlich zu den abgesprochenen Liefermengen, weitere Medikamenten-Chargen zu produzieren und auf den Markt zu bringen, sei es mit oder ohne Wirkstoff oder in geringerer Konzentration.

Gefälschte Medikamente gefährden Wirksamkeit von Krankheitsbehandlung
Morgenmagazin, 17.05.2017, Claudia Drexel, NDR

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Höheres Risiko durch Re-Importe

Auch die deutschen Gesetze zu Importquoten begünstigen es, dass Medikamentenfälschungen hier auf den Markt gelangen. Seit 2002 gilt für alle Apotheker die Pflicht, fünf Prozent an reimportierten Arzneimitteln zu verkaufen. Hintergrund ist, dass Arzneimittel in unterschiedlichen Ländern zu unterschiedlichen Preisen verkauft werden. In Deutschland kostet etwa die Packung Aspirin (20 Stück) 4,97 Euro, in Frankreich 1,29 Euro, in Griechenland 66 Cent. Großhändler kaufen deshalb Medikamente im Ausland günstiger ein, um sie dann in Deutschland mit Gewinn, aber immer noch unter dem Normalpreis zu verkaufen.

Hierzu müssen die Medikamentenschachteln oft überklebt oder sogar komplett getauscht werden, ähnlich verhält es sich mit dem Beipackzettel. Für Apotheker und Patient ist spätestens jetzt die Herkunft des Medikaments nicht mehr nachvollziehbar. Mögliche Sicherheitsmerkmale, die sich auf der Verpackung befinden, werden zudem durch das Umverpacken oft zerstört.

Die deutschen Krankenkassen sparen jährlich etwa 240 Millionen Euro durch preisgünstiger reimportierte Arzneimittel. Doch diese Einsparmaßnahme ist teuer erkauft: So bezeichnete der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Importgeschäfte als "Einfallstor für Fälschungen".

Ein Themenabend im Ersten widmet sich am Mittwoch, 17. Mai mit dem Spielfilm "Gift" und der anschließenden Dokumentation "Gefährliche Medikamente" der Problematik.

Über dieses Thema berichtete Bayern2 am 11. Mai 2017 um 09:05 Uhr

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