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22.03.2010

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Wirtschaft
USA: Ein Ex-Finanzminister über den Sturz in die Krise
Ex-US-Finanzminister Paulson über den Sturz in die Krise

Angst und Gebete am Rande des Abgrunds

Als die US-Bank Lehman Brothers zusammenbrach, stockte selbst hart gesottenen Investmentbankern der Atem. Einer von ihnen saß zu der Zeit im US-Finanzministerium: Henry Paulson, früherer Chef von Goldman Sachs. Heute gesteht er in seinen Memoiren: "Ich hatte Angst".

Von Klaus Kastan, BR-Hörfunkstudio Washington

US-Finanzminister Henry Paulson plädiert für unterschiedliche Lösungen in den einzelnen Ländern (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Der ehemalige US-Finanzminister Paulson spricht heute offen darüber, wie er die Bankenkrise erlebte. ]
Er war die rauchige Stimme der USA während der weltweiten Finanzkrise. Ein bisschen John Wayne, ein wenig Humphrey Bogart. Verwegen, unbeugsam. Aber das ist nur die eine Seite des Henry Paulson. Als am 15. September 2008 die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, hatte er Angst, viel Angst. Wie außergewöhnlich die Situation damals war, beschreibt der ehemalige Finanzminister der Bush-Regierung jetzt in einem Buch.

"Bete für mich"

"Normalerweise verschwindet die Angst, wenn ich in die Offensive gehe, weil ich weiß, was zu tun ist. Aber in dem Augenblick damals, wusste ich nicht, was wir hätten tun können. Und jeder sah mich an, alle erwarteten Antworten von mir", erzählt Paulson. Als ihn die Nachricht vom Lehman-Brothers-Kollaps während einer Sitzung erreichte, habe er schnell den Raum verlassen. "Ich rief meine Frau Wendy mit dem Handy an. Ich sagte ihr: 'Die Situation ist dramatisch. Ich habe Angst. Bete für mich!'"

Im Kampfanzug

Hank Paulson, wie ihn in den USA alle nennen, ist tief gläubig, er gehört der Glaubensgemeinschaft der Christlichen Wissenschaft an. Offensichtlich hat seine Frau damals erfolgreich für ihren Mann gebetet. Denn schon kurze Zeit später ging er gestärkt in die Sitzung zurück: "Nach dem Gespräch habe ich mich zusammengerissen, meinen Kampfanzug übergestreift und habe so getan, als ob ich wüsste, was zu tun ist. Meine Botschaft war: Gemeinsam schaffen wir das!"

"Abgezockt von den Briten"

Das Lehman-Brothers Hauptquartier in New York (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Das Ende von Lehman Brothers wird allgemein als Auslöser für den globalen Absturz der Finanzmärkte betrachtet. ]
"On The Brink" heißt sein soeben auf dem US-Markt erschienenes Buch – übersetzt: "Am Rande des Abgrunds". Im Zusammenhang mit seinen Memoiren tritt Paulson jetzt in vielen Talkshows auf und erzählt die Finanzkrise aus seiner Sicht. Offen und ehrlich. Für den Zusammenbruch von Lehman Brothers macht er dabei vor allem die britische Regierung verantwortlich. Der britische Schatzkanzler Alistair Darling habe die Übernahme der angeschlagenen Investmentbank durch die britische Bank Barclays im September 2008 verhindert. Dies sei der Anfang vom Ende gewesen, beklagt Paulson und schreibt in seinem Buch: "Die Briten haben uns abgezockt."

In der Krise dazugelernt

Auf die eigenen Fehler geht der frühere Chef von Goldman Sachs, dem mächtigsten Finanzinstitut der Wall Street, nur indirekt ein. Immerhin setzt sich auch Paulson heute für strenge Regularien auf dem internationalen  Finanzmarkt ein. Weit vor der großen Finanzkrise, als beispielsweise der frühere deutsche Finanzminister Steinbrück auf Konferenzen solche Vorschriften anmahnte, hatte Paulson dies immer strikt abgelehnt. Auch der Ex-Minister hat inzwischen offensichtlich dazugelernt.

Argwohn der Amerikaner

Trotzdem ist Paulson für viele Amerikaner heute immer noch einer der Hauptverantwortlichen für die Finanzkrise. Dies zeigt auch die folgende Begegnung, von der Paulson berichtet. "Auf dem Höhepunkt der Krise kam auf einem Flughafen einmal ein Mann auf mich zu und sagte: 'Sie sind doch Hank Paulson, der Finanzminister. Sagen Sie mal, ist das nicht schlimm für Sie, dass alle Sie erkennen und dumm anreden?' Ich antwortete: 'Nein, die Leute sagen eigentlich lauter nette Sachen zu mir.' Darauf schaute  mich der Mann erstaunt an und meinte: 'Ja, ich glaube, die Leute sind sehr höflich.'"

Interessant ist noch eine andere Beobachtung, die Paulson in seinem Buch schildert: die Rolle, die John McCain, der damalige republikanische Präsidentschaftskandidat, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gespielt hat. McCain sei bei Gesprächen damals immer schlecht vorbereitet gewesen und hätte von Finanzpolitik nicht die geringste Ahnung gehabt, schreibt Paulson über den Parteifreund. Im Gegensatz zu Barack Obama, der ihn, Paulson, mit seiner Analyse und seinem Weitblick überzeugt habe.

Verluste im Privatvermögen

Republikanische Politiker in den USA werden das nicht gerne lesen. Aber das kann dem Ex-Finanzmanager und ehemaligen Minister egal sein. Paulson ist absolut unabhängig. Sein Privatvermögen wird auf 700 Millionen Dollar geschätzt – vor der Finanzkrise sollen es übrigens noch einige Millionen mehr gewesen sein.

Stand: 08.02.2010 14:31 Uhr
 

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