Interview

Die britische Flagge nehmen der Flagge der EU. | Bildquelle: dpa

Gespräch mit Finanzwissenschaftler Otte "Ich freue mich über den Brexit"

Stand: 24.06.2016 18:43 Uhr

Europa in der Brexit-Krise? Mitnichten, meint der Finanzwissenschaftler Max Otte im Interview mit tagesschau.de. Ohne die Briten gebe es die Chance, mit Kerneuropa schneller voranzukommen. Auch die Gefahren für die Finanzmärkte seien handhabbar, für Deutschland böten sich neue Chancen.

tagesschau.de: Was bedeutet der Brexit für Europa?

Max Otte: Ich bin sehr überrascht, aber ich freue mich über den Brexit. Wir haben jetzt die Chance, mit den anderen Nationen Europas, die etwas ähnlicher ticken, schneller voranzukommen. 1994 hat Wolfgang Schäuble ein Kerneuropa vorgeschlagen und diese Chance haben wir jetzt. Natürlich haben wir in vielen Nationen auch viele sehr europaskeptische Parteien. Aber dadurch, dass wir jetzt ein homogeneres, also gleichartigeres Resteuropa haben, werden die Skeptiker vielleicht auch ein wenig beruhigt.

alt Professor Max Otte | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Zur Person

Max Otte unterrichtet als Professsor für allgemeine und internationale Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Worms und Professor für quantitative und qualitative Unternehmensanalyse und –diagnose an der Universität Graz. 2006 veröffentlichte er das Buch "Der Crash kommt", das sich monatelang auf den Bestsellerlisten hielt.

tagesschau.de: Welche Rolle hatten denn die Briten in ihren Augen bislang?

Otte: Großbritannien war nie wirklich Teil von Europa, zumindest nicht des Kontinents. Das sehen die Briten so und haben es jetzt ja auch bestätigt. Sie haben sich immer viele Sonderrechte herausgenommen, Entscheidungsprozesse verzögert und waren oftmals die Bremser in Europa.

tagesschau.de: Welche Auswirkungen sehen Sie für Deutschland?

Otte: Für Deutschland ist dieser Brexit zunächst einmal auch eine Belastung, unser Handel wird natürlich etwas zurückgehen. Aber letztlich wird es Deutschlands Rolle in der Europäischen Union weiter stärken: Bisher war der Finanzplatz Frankfurt ausgetrocknet, die Deutsche Bank hat einen Engländer als Chef und ihr Investment-Banking sitzt in London. Gerade für den Finanzplatz Frankfurt ist das eine Riesenchance, wieder zur alten Stärke zurückzufinden.

tagesschau.de: Welche Marktreaktionen erwarten Sie? Steuern wir auf eine weitere Finanzkrise zu?

Otte: Ich glaube, dass die Gefahren in Bezug auf Finanzmärkte und Finanzkrise übertrieben sind. Die Notenbanken tun alles, damit keine neue Finanzkrise kommt. Wir haben das unter Kontrolle, aber es könnte einige Unsicherheit und einige Unruhe an den Märkten geben.

tagesschau.de: Für wie groß halten Sie das Risiko des Domino-Effekts?

Otte: Die Europäische Union war in den vergangenen Jahren eigentlich schon immer erpressbar, ob es durch Griechenland war oder jetzt durch England oder Nachahmerländer. Aber ich glaube, die Tatsache, dass tatsächlich mal jemand geht, heisst auch, dass man seine Karten überreizen kann und irgendwann raus ist aus dem Club. Und das kann auch eine Warnung sein.

Das Interview führte Verena Bünten, WDR, für tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Juni 2016 um 20:00 Uhr.

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