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Lauter kleine Euro-Zeichen schmücken die Homepage des "Hamburger Abendblatts". Die Zeitung hat als erstes größeres Online-Medium in Deutschland die Gebührenschranke für viele seiner aktuellen Berichte heruntergelassen: Wer Nachrichten aus Hamburg und Norddeutschland sucht, muss bezahlen. Viele Leser sind erzürnt, der Verlag hält den Schritt für "alternativlos".
Von Fiete Stegers, tagesschau.de
Es soll endlich Schluss sein mit der lästigen Kostenlos-Kultur im Internet. Dass die allermeisten Inhalte bei Online-Medien gratis zugänglich sind und die Nutzer nicht erst eine Gebühr entrichten müssen, halten viele Verlagsmanager für ein Grundübel des Internets. Wer sich am Kiosk eine Zeitung holt, bezahlt schließlich auch. So ist es nun auch beim "Hamburger Abendblatt" online: Wer dort die regionalen Berichte aus Hamburg und Norddeutschland lesen will, muss dafür 7,95 Euro monatlich bezahlen - Abonnenten der gedruckten Zeitung ausgenommen. Die Berichte aus den anderen Ressorts des "Abendblatts" sind weiterhin für alle zugänglich.
Die Argumente des "Abendblatts" für den Schritt zu Bezahlinhalten sind schlicht, aber einleuchtend: Journalismus kostet Geld, und "abendblatt.de" biete längst viel mehr als nur eine Eins-zu-Eins-Abbildung der Zeitung, argumentiert Vize-Chefredakteur Matthias Iken in seinem Editorial: "Bewegtbilder, ein Archiv bis 1948, Blogs und Videoblogs, die nur für 'abendblatt.de' erstellt werden." Iken beklagt sich über die "Freibier-Mentalität" und fragt, ob denn umgerechnet 30 Cent pro Tag zu viel verlangt seien "in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet."
Iken weiß natürlich, was andere gegen die Entscheidung für Bezahlschranken anführen: "Es ist aussichtslos, spotten Experten. Es ist selbstmörderisch, argwöhnt die Konkurrenz. Es ist unverschämt, denken die Nutzer." Trotz aller Hoffnung der Verlage auf zahlende Kunden konnten sich Abo-Modelle für Online-Medien international bisher nicht durchsetzen. Solange Kunden die gleichen oder zumindest ähnliche Informationen auf einer andere Website kostenlos bekommen, sind sie nicht bereit, dafür zu bezahlen. Zudem schrumpfen die Werbeeinnahmen, wenn durch Bezahlschranken potenzielle Besucher ausgesperrt werden. Viele Medienhäuser haben Bezahlmodelle ausprobiert, die meisten sich längst davon wieder verabschiedet. Sie setzen stattdessen auf möglichst große Werbe-Reichweiten.
Nur wer besonders exklusive oder speziell aufbereitete Inhalte anzubieten hat, ist online mit Gebühren-Modellen erfolgreich: Insofern ist klar, warum das "Hamburger Abendblatt" gerade seine lokalen Berichte gebührenpflichtig macht. Aber dass diese Strategie Früchte trägt, ist zweifelhaft. Mehr als 450 Leser haben online auf die Bezahlankündigung reagiert. Die allermeisten lassen kein gutes Haar daran. So wehrt sich ein Nutzer gegen Ikens "Publikumsbeschimpfung" und krittelt zurück: Die Bezeichnung "Qualitätsjournalismus" sei "für die Lokalberichterstattung des HA etwas zu hoch gegriffen."
Das meint auch der Medienkritiker Stefan Niggemeier. Er erinnert beispielhaft an die Unart von "abendblatt.de", Informationen in unzählige Häppchen aufgeteilt dazubieten - mit dem einzigen Ziel, dass die Leser möglichst oft klicken und so die Abruf-Statistik der "Abendblatt"-Seiten erhöhen.
[Bildunterschrift: Kritisiert die Springer-Strategie: der Medienjournalist Stefan Niggemeier ]
Niggemeier geht mit der Abendblatt-Strategie scharf ins Gericht: "Es ist der verzweifelte Versuch, das alte, für die Verlage komfortable Geschäftsmodell des Abonnements und des Kaufs ganzer Zeitungen, in ein neues Medium zu retten, das die Kunden von den Fesseln solcher Geschäftsmodelle befreit." Damit folge das "Abendblatt" "exakt der tödlichen Strategie der Musikindustrie."
Das "Abendblatt"-Gebührenmodell ist aber Teil einer größeren Versuchsreihe des Axel-Springer-Verlages, seine Internetnutzer stärker zur Kasse zu bieten. Auch bei der "Berliner Morgenpost" sind online die Eurozeichen zu sehen. Die "Welt" schaltet ihr Hamburg-Ressort ab, damit frustrierte "Abendblatt"-Nutzer nicht dorthin ausweichen. Für "Bild" und "Welt" bietet der Verlag spezielle iPhone-Programme an, die monatlich von 1,59 Euro bis 4,99 Euro Abo-Gebühr kosten. Mit ihnen können die Nutzer unter anderem die gedruckte Zeitung schon am Vorabend lesen. Ursprüngliche Pläne, zugleich die Websites der Zeitungen für Zugriffe vom iPhone zu sperren, wurden aber nicht verwirklicht.
Außerdem setzt sich Springer bei der Bundesregierung für die Einführung eines sogenannten Leistungsschutzrechts ein: Das soll die rechtlichen Ansprüche der Verlage an den von ihnen verbreiteten Inhalten ausweiten. Ihre Hoffnung: Immer wenn Google oder andere Suchmaschinen auf Inhalte von Verlagen verwiesen, würden Tantiemen fällig - etwa so, als müsste ein Telefonbuch-Hersteller die eingetragenen Firmen oder ein Landkartenhersteller die darauf verzeichneten Gemeinden an seinen Einnahmen beteiligen.
Ausschließen oder zum Feind machen möchte sich Springer Google aber auch nicht: So sind über die Suchmaschine gefundene "Abendblatt"-Artikel weiter ohne Bezahlung zugänglich, um die Nutzer auf die Homepage zu locken. Nutzer haben außerdem herausgefunden, dass sich Artikel über die Adresse mobil.abendblatt.de und über eine Erweiterung für den Browser Firefox derzeit weiterhin umsonst lesen lassen.
Die gesamte Verlagsbranche wird in den nächsten Monaten genau beobachten, ob und welche der verschiedenen Springer-Experimente Früchte tragen und bei Erfolg gegebenenfalls nachziehen. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich die Bezahlschranken im Fall des "Abendblatts" wieder öffnen - selbst die für ihren Online-Auftritt hochgelobte "New York Times" hat trotz des vielen Hin und Her noch kein befriedigendes Modell für Bezahlinhalte gefunden.
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