Wenn der Treibstoff der Welt versiegt, Teil I Öl - bald ein Luxusgut?

Stand: 03.07.2012 12:40 Uhr

Derzeit werden weltweit rund 81 Millionen Barrel Öl pro Tag gefördert, bis 2035 könnte die Förderung um mehr als 50 Millionen Barrel pro Tag sinken. Mit unabsehbaren Folgen - Experten befürchten neue politische und militärische Konflikte. Tagesschau.de berichtet in der Reihe "Wenn der Treibstoff der Welt versiegt" über die möglichen Konsequenzen.

Kein Öl mehr aus dem Iran: Die EU hofft, dass das Embargo die Regierung in Teheran stärker treffen wird als die Europäer. Doch der Durst nach Treibstoff wächst - weltweit. Vor allem in China und Indien steigt die Nachfrage. Zugleich sinkt das Angebot, die einst ergiebigen Quellen versiegen langsam. Öl wird knapp - und damit teuer.

Von Werner Eckert, SWR-Umweltredaktion

Gestapelte Ölfässer | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
galerie

Das Maß der Dinge: Ölfässer à 159 Liter

90 Millionen Barrel Öl am Tag werden jeden Tag auf dieser Welt verbraucht. Die legendären Fässer à 159 Liter sind das Maß der Dinge. Doch die Lücke zwischen dem wachsenden Durst nach Treibstoff und der Förderung, wird eine zentrale Herausforderung der kommenden Jahrzehnte. Gelassen spricht Fatih Birol einen großen Satz aus: "Die Zeit des billigen Öls ist vorbei." Das erzählt der Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA) jedem - ob er es hören will oder nicht.

Und die Autofahrer und Heizölkunden in ganz Deutschland stöhnen getroffen auf. Die IEA ist sich sicher, denn die Nachfrage nach Öl steigt ständig: Zwölf Millionen Barrel mehr am Tag braucht die Welt in 20 Jahren, sagt Birol. Das heißt: Bis dahin müsste ein Glücksfall wie das größte Erdölfeld der Welt - Gawaahr in Saudi-Arabien - noch dreimal gefunden und erschlossen werden. 

Zeit des billgen Öls ist vorbei
Werner Eckert, SWR
02.07.2012 01:10 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Vor allem der wachsende Verkehr in China und Indien verursacht diesen rasanten Nachfrageanstieg. Die entscheidende Frage lautet: Kann das Angebot da auch nur annähernd mithalten? Deutschlands einziger Erdölgeologe ist sich sicher: Nein, das gelingt nicht. Wolfgang Blendinger war für Ölfirmen im Einsatz und lehrt heute an der Technischen Universität Clausthal. "Bei den ergiebigen Quellen sind wir eigentlich schon leicht auf dem absteigenden Ast", sagt er.

Ergiebige Ölfelder versiegen langsam

Ölförderung im Iran | Bildquelle: dapd
galerie

Aus dem Iran bezieht die EU ab sofort kein Öl mehr.

Das weitaus meiste Öl stammt nach wie vor aus den klassischen und ergiebigen Ölfeldern zwischen Südural und Arabischer Halbinsel. Hier erschließen die Bohrtürme sprudelnde Quellen, deren Öl leicht zu verarbeiten ist. Doch die meisten dieser Felder sind nach Expertenmeinung über ihren Förderhöhepunkt hinaus. Der saudi-arabische Ölminister Ali Al-Naimi kündigt zwar gerne vollmundig an: Im Zweifel könne sein Land statt gut neun auch zwölf Millionen Barrel am Tag fördern. Aber Erdölgeologe Blendinger hält das für bewusste Kundentäuschung: "Dort produzieren sie am Limit. Es gibt da vielleicht Reserven für irgendwelche Ölsorten, die keine Raffinerie verarbeiten kann. Tatsache ist seit mehr als zehn Jahren: Die produzieren auf Teufel komm raus."

Und auch die Energieagentur rechnet damit, dass jedes Jahr drei Prozent weniger Öl aus diesen Quellen kommen werden.

Öl in Teersand - Förderung mit Nebenwirkungen

Wie kann das Angebot trotzdem steigen? Meldungen über Funde in der Arktis und in der Tiefsee vor Brasilien haben der Welt in den vergangenen Jahren immer wieder Hoffnung gegeben. Experte Blendinger ist skeptisch: "Das versorgt die Welt für eine Woche mit Öl. Das sind keine riesigen Vorkommen. Man muss da immer sehr aufpassen und die nackten Zahlen analysieren: Was wird dort tatsächlich gefunden?"

Viel mehr steckt in den Teersanden und Ölschieferböden in Kanada und den USA. Öl für 200 Jahre jubeln die Amerikaner! Unkonventionelles Öl nennt man das. Es kann nur unter hohem Aufwand an Wasser, Energie und Umweltzerstörung gefördert werden. Und: Es bietet nur vorübergehend Entlastung, sagt Blendinger. "Am Anfang kann man einen Teil der zurückgehenden Menge noch mit diesen nichtkonventionellen Kohlenwasserstoffen kompensieren. Wenn die Kurve mal steiler abfällt, gibt es aber ein Riesenproblem. Denn die kanadische Teersandölförderung lässt sich nicht beliebig von drei Millionen Barrel pro Tag auf 6,7, oder acht Millionen Barrel steigern."

Öl - ein Luxusgut?

Das Öl wird nicht von einem Tag auf den anderen ausgehen – es wird nur immer teurer. Wir müssen uns wohl in Zukunft darauf einstellen, mit immer weniger Energie auszukommen. Und der Ökonom der Energieagentur macht es noch konkreter: "Wir müssen unsere Mobilitätsgewohnheiten verändern." Anders gesagt: Mit Diesel und Benzinmotoren wird das nichts.

Darstellung: