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Umstrittene Erdölfördermethode
Ölrausch in Texas - Fluch oder Segen?
100 Jahre nach dem ersten Ölrausch in Texas gibt es jetzt wieder viel Geld zu machen, mit den riesigen Ölreserven, die im Schiefergestein des sogenannten "Eagle Ford Shale" im Süden und Osten des Bundesstaates stecken. Dass man sie an die Oberfläche holen kann, ist dem sogenannten Fracking zu verdanken, einer umstrittenen Fördermethode, gegen die es viele Umweltbedenken gibt. Doch wo Landbesitzer zu Multi-Millionären werden und Jobs locken, stört das die meisten wenig.
Von Sabine Müller, HR, ARD-Hörfunkstudio Washington
Es ist laut geworden in Cuero, Yoakum und Gonzalez im Südosten von Texas. Vor kurzem waren dies noch verschlafenen Örtchen, jetzt wälzen sich täglich hunderte Lastwagen durch die Orte, die mit Pipeline-Rohren, Bohrturm-Teilen und Öl beladen sind. Öl, das zum Beispiel unter dem Land von T. R. Marshall gefördert wird. Er ist 66, besitzt eine kleine Rinder-Farm und hat sein ganzes Leben in Yoakum verbracht.
Vor drei Jahren kam der Ölkonzern EOG zu ihm und wollte auf einem seiner Grundstücke bohren. Marshall war skeptisch, schließlich hatte es genau dort vor 35 Jahren schon einmal Probebohrungen gegeben, die keinen Tropfen Öl zutage beförderten.
Wasser und Chemie werden in den Boden gepumpt
Aber inzwischen treten die Firmen mit neuen Methoden an. Mit horizontalen Bohrungen kilometertief unter der Erdoberfläche und mit dem sogenannten Fracking. Dabei werden mit viel Druck große Mengen Wasser vermischt mit Sand und Chemikalien in den Boden gepumpt, der harte Schieferstein bekommt dadurch Risse und gibt seinen Öl- oder Gas-Schatz frei.
"Manche machen richtig Geld"
T.R. Marshall hat eines seiner zwei Grundstücke für 120.000 Dollar verpachtet. Dazu kommen 20 bis 25 Prozent Gewinnbeteiligung an den Öl-Einnahmen. Wie viel genau der Rancher jeden Monat einnimmt, sagt er nicht, nur so viel: "Wir sind keine Multi-Millionäre, auch wenn das viele meiner alten Freunde glauben." Aber er fügt hinzu: "Wenn die Bohrungen überall auf Öl stoßen, dann machen einige richtig Geld. Sie verdienen jeden Monat hunderttausende Dollar aus den Öleinnahmen – aber die meisten wollen nicht darüber reden", so der Farmer.
Experten schätzen, dass aus dem Schiefergestein im Süden und Osten von Texas bald bis zu 420.000 Barrel Öl am Tag gefördert werden können, in den nächsten Jahren sollen bis zu 68.000 neue Arbeitsplätze entstehen.
Sieben neue Jobs gibt es zum Beispiel schon bei Knox Oil Field Supplies, einem Laden für Ölbohr-Bedarf in Cuero, der vor einem Jahr aufgemacht hat. "Öl hat die Welt verändert, die Welt dreht sich ums Öl", philosophiert Geschäftsführer James Bendele, "und solange wir kein anderes Produkt haben, das seinen Platz einnehmen kann, haben wir das Öl."
Pipeline-Netz wird aufgebaut
Auf dem Hof von Knox Oilfield Supplies lädt ein Gabelstapler Pipeline-Stücke auf einen Tieflader. Sie werden bald in einem der vielen Gräben liegen, die sich frisch ausgehoben durch die Landschaft ziehen, denn um den Ölboom zu bewältigen, muss erstmal ein riesiges Pipeline-Netz aufgebaut werden. Überall in der Region wird gebaut. Bürokomplexe und Apartmenthäuser, Wohnwagen-Parks für die Ölarbeiter und eine riesige Verladestation. Der Boom hat aber auch Nachteile: aus manchen Gegenden im "Eagle Ford Shale" berichten die Leute, dass das Stromnetz ständig zusammenbricht, weil es überlastet ist und dass die Regale im Supermarkt dauernd leergekauft sind, weil die Händler unter den neuen Bedingungen Angebot und Nachfrage noch nicht richtig koordiniert bekommen.
Geldsegen für die Gemeinden
Aber der Ölboom bringt Geld - viel Geld. Bezirksrichter Daryl Fowler, der auch für die Finanzen des DeWitt-County verantwortlich ist, hat ausgerechnet, dass die Ölfirmen allein in seinem Landkreis jeden Monat 200 Millionen Dollar für ihre Bohraktivitäten ausgeben. Und das ist nicht alles: Zwei der großen Ölfirmen zahlen der Gemeinde freiwillig 8000 Dollar für jedes Bohrloch, das sie fertigstellen. Für die Gemeindekasse heißt das 20 Prozent mehr Einnahmen als bisher.
Umweltaktivisten warnen vor drastischen Folgen
Manche vermuten, dass die Ölfirmen versuchen, sich die Gunst der Menschen im "Eagle Ford Shale" zu erkaufen - in der Hoffnung, dass die keinen Ärger machen. Sister Elizabeth Riebschlaeger, Nonne und Umweltaktivistin, hat allerdings nicht vor, den Mund zu halten. Sie fürchtet, dass dieser Ölboom unumkehrbare Umweltschäden mit sich bringt. Denn beim Fracking werden Chemikalien zusammen mit Wasser in den Boden gepumpt.
Sister Elizabeth hat Angst, dass das Grundwasser verseucht werden könnte, so wie in Pennsylvania, wo nach Fracking-Aktivitäten Methan-Gas das Trinkwasser vergiftete. Es gibt verstörende Videos von Einwohnern, die das Wasser aus dem Hahn anzünden konnten, weil es so viel Methangas enthielt.
Geld ist wichtiger als die Umwelt
Es ist ein riesiges Experiment, sagt Sister Elizabeth. "Manchmal denke ich, das hier ist ein großes Labor und wir sind die Versuchskaninchen. Aber wo Landbesitzer zu Multi-Millionären werden und Jobs locken, stört das die meisten Einwohner wenig", so die Aktivistin.
Die rostige Eisenkette rasselt, das Metall-Tor schwingt auf und der 67-Jährige Mike Green fährt auf das Stück Land, das ihn reich machen soll: es ist nicht besonders groß, 70 Morgen, knapp 0,3 Quadratkilometer, aber darunter liegt ein wertvoller Schatz: Öl im Wert von mindestens 100 Millionen Dollar, glaubt der 67-Jährige. Und deshalb hat er alle bisherigen Angebote von Ölfirmen als zu niedrig abgelehnt. "Pokere ich?", fragt Green. "Ich denke nicht, ich will nur einen fairen Preis für mein Grundstück und den haben sie mir bisher nicht angeboten."
Er setzt darauf, dass sich Warten lohnt, schließlich hat dieser Boom gerade erst begonnen und wird vermutlich noch 20 Jahre oder länger andauern. Und James Bendele aus dem Ölladen in Cuero sagt voraus, dass sich die Region noch auf einiges einstellen kann. Ob es den Menschen hier gefällt oder nicht, sagt er, alles wird sich ändern.
Stand: 26.09.2011 14:03 Uhr
