Der Import von Erdgas sollte für Israel zum wirtschaftlichen Erfolgskonzept werden - doch die Strategie droht zu scheitern. | Bildquelle: dpa

Folgen des Ölpreisverfalls Erdgas - Israels überschätzte Hoffnung

Stand: 16.03.2016 05:07 Uhr

Mit dem Export von Erdgas will Israel seine Wirtschaft stärken und Investoren anlocken. Darum soll eine zweite Quelle - das Leviathan-Feld - unter hohem Aufwand erschlossen werden. Die hoffnungsvolle Rechnung der Regierung geht wohl nicht ganz auf.

Von Christian Wagner, ARD-Studio Tel Aviv

Lauter Protest junger Israelis flackert seit Jahren immer wieder auf - mal gegen teure Lebensmittel, mal gegen die Wohnungsnot. Inzwischen ist es der Gas-Deal der Regierung, der die Jungen auf die Straße treibt.

"Das Erdgas gehört doch uns, den Israelis. Aber die Regierung hat es einfach einem Unternehmen gegeben", sagt einer der Demonstranten. Und das Unternehmen zahle längst nicht so viel wie es sollte. Im Endeffekt, so sagt der junge Mann weiter, profitierten ein paar ohnehin reiche Leute und nicht die Bevölkerung.

Erst seit drei Jahren ist Israel unabhängig von Erdgas-Importen - seit das Gasfeld Tamar im Mittelmeer erschlossen ist, das 80 Kilometer von der Küste entfernt liegt. Der Aufwand ist enorm: Die Vorkommen liegen in einer Tiefe von fast 7000 Metern unter dem Meeresspiegel.

Zweite Förderquelle soll erschlossen werden

Ein zweites, noch größeres Gasvorkommen im Leviathan-Feld soll jetzt erschlossen werden. Der US-Konzern Noble Energy hat dafür von der Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den Exklusiv-Zuschlag bekommen. Nur so, erklärt Netanjahu, seien Unternehmen und Investoren zu locken. Außerdem will Israels Regierungschef keine Zeit verlieren, eine zweite Förderquelle sei schon allein wegen der militärischen Bedrohung geboten.

Und natürlich spielten auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle: "Viele Länder sind interessiert an unserem Erdgas - nicht nur Griechenland und Zypern, sondern neben anderen auch Jordanien und die palästinensische Autonomiebehörde", sagt Netanjahu. Auch mit Ägypten und der Türkei verhandle Israel. "Selbstverständlich wollen auch eine Reihe von europäischen Staaten Erdgas von uns", sagt der Regierungschef weiter: "Das ist bedeutend viel für uns, für unsere Wirtschaft, für unsere Sicherheit, für die gesamte Gesellschaft, und es ist wichtig für unsere außenpolitischen Beziehungen."

Israel springen die Abnehmer ab

Allerdings sind die Palästinenser vor Kurzem abgesprungen und Ägypten hat eigene Gasvorkommen entdeckt. Die Türkei wäre tatsächlich ein idealer Abnehmer für israelisches Gas, aber die Beziehungen sind noch immer belastet. Zudem ist unklar, wie viel Erdgas die Europäer über Zypern und Griechenland abnehmen würden, wo doch die Wirtschaft in Europa schwächelt.

Gideon Tadmor, Chef des israelischen Ölkonzerns Delek, räumt ein: "Bei der Erschließung des Leviathan-Felds spielen die niedrigen Ölpreise durchaus eine Rolle. Ein Ölpreis, der am Boden ist, wirkt sich auch beim Gas aus." Allerdings werde sein Unternehmen frühestens in zwei Jahren Gas über das Leviathan-Feld fördern. Tadmor rechnet damit, dass sich die Preise bis dahin erholt haben.

Die Hoffnung auf wieder gestiegene Gaspreise allerdings macht der israelische Wirtschaftswissenschaftler Yaron Zelekha zunichte: Darauf dürfe man nicht setzen. Überhaupt gehe die Strategie der Regierung Netanjahu hinten und vorne nicht auf. "Der Staat verschenkt Bodenschätze im Wert von Abermilliarden Schekel ohne Ausschreibung. Dazu hat der Staat selbst ein Monopol konstruiert", sagt Zelekha.

Israelis selbst zahlen beim Erdgas drauf

Die Verbraucher in Israel müssten für ihr Gas schon seit Jahren völlig überhöhte Preisen zahlen. Aber die Regierung entmachte das Kartellamt in diesem Fall für weitere zehn bis 15 Jahre. Der Oberste Gerichtshof bleibe untätig - da solle der Staat doch gleich einpacken.

Angewiesen ist Israels Regierung nur auf ein Unternehmen. Wenn Noble Energy angesichts der niedrigen Energiepreise kalte Füße kriegen sollte und nicht mehr investiert, bleibt das Erdgas erst einmal unter dem Meeresgrund liegen.

Israels Erdgas-Strategie geht nicht mehr auf
C. Wagner, ARD Tel Aviv
16.03.2016 04:36 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 16. März 2016 um 17:17 Uhr im Deutschlandfunk.

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