Arbeitsmigranten auf dem Flughafen in Kathmandu, Nepal

Gastarbeiter aus Nepal "Arbeit gibt es hier nicht"

Stand: 05.08.2017 13:36 Uhr

Jährlich schicken nepalesische Arbeiter im Ausland rund 20 Milliarden Euro in die Heimat - knapp ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung. Für die Vermittlung der Jobs zahlen sie oft hohe Gebühren - obwohl das gesetzlich verboten ist.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Südasien

Es ist ihr herzliches Lachen, das an Miruna Tarang sofort auffällt. Dabei ist es ein trauriger Moment: Miruna nimmt Abschied von ihrer Familie.

"Jetzt fliege ich nach Saudi-Arabien", erzählt sie. Miruna wird in einem Krankenhaus in Riad als Putzfrau arbeiten. "Mir bleibt nichts anderes übrig. Meine Eltern sind alt und verdienen nichts mehr. Arbeit gibt es hier in Nepal nicht."

400 Euro wird Miruna in Saudi-Arabien verdienen. Einen großen Teil will die 28-Jährige nach Hause überweisen.

Miruna (2.v.re.) steht mit ihrer Familie am Flughafen von Kathmandu
galerie

Miruna (2.v.re.) will als Putzfrau in Saudi-Arabien die ganze Familie in Nepal versorgen.

Ein Terminal für Gastarbeiter

Am Flughafen der nepalesischen Hauptstadt gibt es ein eigenes Terminal für Gastarbeiter. Es ist voll an diesem Abend. Beamte kontrollieren die Arbeitsvisa der Passagiere, bevor diese zum Check-in dürfen.

Im Schnitt reisen 1600 Nepalesen täglich aus, um ihre Jobs im Ausland anzutreten. Umgerechnet rund 20 Milliarden Euro schicken sie pro Jahr nach Hause - das ist knapp ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung Nepals.

Die Monitore im Terminal zeigen acht Flüge an: Es geht nach Dubai, in den Oman, nach Saudi Arabien oder nach Malaysia.

Wenn das Lehrergehalt nicht reicht

Kardaga ist auf dem Weg nach Kuala Lumpur. Er lässt seine Frau und die sechs Jahre alte Tochter zurück.

"Ich habe hier zwar eine Arbeit als Lehrer, aber der Verdienst reicht nicht", erzählt er. "Ich werde jetzt als Wachmann arbeiten. Eine Vermittlungsagentur hat mir den Job beschafft. Ich habe dafür 130.000 Rupien bezahlt. Für den Medizin-Check und für das Visum."

130.000 Rupien, umgerechnet etwas mehr als 1000 Euro, das ist sehr viel Geld im armen Nepal. Kardaga hat es sich geliehen und ein Stück Land verkauft.

Kardaga arbeitete bisher als Lehrer in Nepal.
galerie

Kardaga hat sich Geld geliehen und Land verkauft, um einen Job vermittelt zu bekommen.

Das Gesetz gegen hohe Gebühren ...

Eine Quittung für die 130.000 Rupien bekam er nicht. Der Grund: Seit zwei Jahren sind derart hohe Gebühren in Nepal illegal. Die Jobvermittler dürfen nicht mehr als 10.000 Rupien, also etwa 80 Euro, verlangen. Für Flüge oder Visa müssen die Arbeitgeber aufkommen. Die Regierung hofft, dadurch Gastarbeiter vor Verschuldung und Ausbeutung zu schützen.

Laxman Bishwa betreibt eine der größten Vermittlungsagenturen in Nepal. Nein, er verlange keine hohen Gebühren mehr, betont er gleich zu Beginn des Gesprächs. Er halte hohe Gebühren für unethisch. Bishva schimpft lange auf Mittelsmänner, die Arbeitswillige in Dörfern werben und dann abkassieren würden.

Aber irgendwann platzt es dann doch aus ihm heraus: "10.000 Rupien als Höchstgrenze für die Gebühren? Das ist für mich nicht machbar. Manchmal kommen die Arbeitgeber hierher geflogen. Sie wollen fünf Tage im Fünf-Sterne-Hotel übernachten. Und manche kommen danach noch einmal wieder. Wie soll ich da mit 10.000 Rupien pro Arbeiter auskommen?"

... wird umgangen

Und überhaupt: Die Arbeitgeber würden jetzt Arbeiter aus Bangladesch oder Afrika einstellen, statt Gebühren für Nepalesen zu übernehmen, sagt Laxman mehrfach.

Also umgehen die Vermittler das Gesetz einfach und lassen die Arbeiter für alles zahlen. Wenn überhaupt, quittieren sie nur die gesetzlich erlaubten 10.000 Rupien.

Der Lehrer Kardaga weiß, dass auch er viel zu viel bezahlt hat. "Aber ich hatte keine Wahl. Sonst hätte mir die Agentur am Ende den Job nicht vermittelt."

"Damit wir überleben können"

Miruna, die nach Saudi-Arabien will, lacht die Frage nach den Gebühren einfach weg. Stattdessen antwortet ihr kleiner Bruder. Ja, auch Miruna habe sich verschuldet. Die ersten Monatsgehälter werde ein Geldverleiher bekommen, nicht die Familie. "Aber meine Schwester geht arbeiten, damit wir alle in Nepal überleben können", erzählt er.

Dann verschwindet Miruna im Terminal. Zwei Jahre lang wird sie die Familie nicht sehen. Ihr kleiner Bruder sagt, er werde vor allem Mirunas Lachen sehr vermissen.

Warum Nepals Arbeitsmigranten schon daheim betrogen werden
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
05.08.2017 12:28 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. August 2017 um 07:50 Uhr.

Darstellung: