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Wirtschaft
Milch
Lieferboykotts sorgen für erste Milch-Engpässe
Bauern boykottieren Molkereien

"Lieferengpässe nehmen stündlich zu"

Protest der Milchbauern (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Kein Rein- und kein Rauskommen: Milchbauern blockierten gestern die Zufahren zu Europas größte Molkerei Sachsenmilch in Leppersdorf bei Dresden ]
Im eskalierenden Streit über die Milchpreise drohen schon in dieser Woche die ersten Versorgungsengpässe. Vertreter der Milchverarbeiter rechnen damit, dass dem deutschen Handel bereits heute oder spätestens Mittwoch die Milch ausgehen wird. "Dann ist Schicht. Es gibt Lieferengpässe, und die nehmen stündlich zu", sagte Eckhard Heuser, Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbands (MIV), der "Financial Times Deutschland".

Erste Lücken in den Regalen

Und erste Engpässe in den Supermärkten sind bereits zu sehen: Betroffen waren unter anderem einige Real-Märkte, wie eine Sprecherin der zur Metro-Gruppe gehörenden Kette erklärte. Es handele sich aber um Schwierigkeiten in einzelnen Regionen und Märkten, nicht um großflächige Probleme. Auch bei einigen Filialen des drittgrößten deutschen Discounters Plus gab es zeitweise Engpässe. Grundsätzlich seien aber ausreichend Milch und Molkereiprodukte vorhanden, betonte eine Sprecherin. Nur kurzfristig habe es in einigen Märkten "verringerte Mengen" gegeben. Diese habe man aber zwischen den Filialen ausgleichen können, hieß es bei der Tengelmann-Tochter. Der Edeka-Konzern spürt ebenfalls erste Auswirkungen des Lieferboykotts. "Die Versorgung ist noch gewährleistet, aber mit regionalen Unterschieden", sagte ein Sprecher der Hamburger Edeka-Zentrale, Alexander Lüders.

Angespannt sei etwa die Lage im Norden Bayerns. Dort gebe es teilweise Lücken in den Regalen. Es zeige sich aber kein einheitliches Bild. Bislang hatten Industrie und Handel Warnungen der Bauern vor Engpässen zurückgewiesen.

Fragen und Antworten:

Noch steht in den Supermärkten Milch (Foto: dpa)
Weitere Meldungen Geht uns jetzt die Milch aus? Ein Teil der Milchbauern liefert keine Milch mehr an die Molkereien. Was für Folgen hat das für die Verbraucher? [mehr]

Spitzengespräch ohne Ergebnis

Gestern Abend war ein Spitzengespräch der Bauernverbände und des Einzelhandels ohne greifbares Ergebnis zu Ende gegangen. Beide Seiten schwiegen nach dem Treffen zum Gesprächsverlauf. Bei dem Treffen sollte es nach Angaben des Vorsitzenden des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber, um die Auflösung von im April abgeschlossenen Verträgen gehen. Diese sollten neu verhandelt werden. Der BDM fordert statt der derzeit pro Liter Milch gezahlten 27 bis 35 Cent mindestens 43 Cent. Dies sei ein absolutes Muss, sagte Schaber.

Bilder:

Bauernprotest vor Edeka Hamburg (Foto: dpa)
Bilderstrecke Lieferstopp Der tagelange Streik der Bauern für höhere Milchpreise [mehr]

Schweizer Milchbauern erstreiken mehr Geld

In der Schweiz haben derweil die Milchbauern mit ihren Lieferstreiks eine Preiserhöhung für das Kilogramm Milch durchgesetzt. Nach fast zehnstündigen Verhandlungen mit den Molkereien hätten die Milchviehhalter in der Nacht eine Erhöhung um sechs Rappen (etwa vier Euro-Cent) je Kilogramm erreicht, meldete die Schweizer Nachrichtenagentur SDA.

Bundesweite Blockaden teilweise aufgehoben

Protest der Milchbauern (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Bauern schütten Milch vor das Gebäude des Verbands der deutschen Milchwirtschaft (VDM) und des Milchindustrie-Verbands (MIV) in Berlin. ]
Gestern hatten die Milchbauern ihren Boykott verschärft und bundesweit zahlreiche Molkereien blockiert. Polizisten räumten Straßensperren. [mehr] Inzwischen lösten die protestierenden Bauern die Blockaden zum Teil wieder auf. Andere Betriebe wurden aber weiter von der Milchlieferung abgeschnitten, etwa Deutschlands größte Molkerei Sachsenmilch in Leppersdorf bei Dresden. Einige Betriebe mussten die Produktion einstellen, darunter die rheinland-pfälzischen Großmolkereien Hochwald und Milch-Union Hocheifel (MUH).

In Schleswig-Holstein wurden die Blockaden vor den 14 Molkereien beendet. Auch in Niedersachsen zogen die Milchbauern vor den Toren dreier Molkereien in der Nacht ab. Allerdings nicht ganz freiwillig: Am Nordmilch-Werk in Edewecht sei ihnen eine Schadensersatzforderung in Höhe einer halben Million Euro angedroht worden, sagte Protest-Organisator Heinrich Rauert. Die Milchbauern Sachsen-Anhalts weiteten ihren Kampf um höhere Preise hingegen aus.

Bauern drohen Klagen

Der Milchindustrieverband drohte den protestierenden Bauern mit einer Klage. Der Boykott sei illegal, sagte MIV-Hauptgeschäftsführer Eberhard Hetzner der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Eine blockierte Molkerei in Mecklenburg-Vorpommern erstattete bereits Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Schwerin. Sie wirft den Bauern Nötigung und schwere Eingriffe in den Straßenverkehr vor. Auch die Bremer Nordmilch erstattete Anzeige.

Kartellamt beobachtet Bauern

Ärger droht den Milchbauern auch von Seiten des Bundeskartellamts. Es prüft, ob der Boykottaufruf rechtswidrig ist. Eine Behördensprecherin sagte dem "Tagesspiegel", ein Boykottaufruf sei nach Paragraf 21 des Wettbewerbsgesetzes rechtswidrig. Sollte sich der Verdacht bestätigen, drohten dem Verband Bußgelder in Millionenhöhe, schreibt die Zeitung.

Stand: 03.06.2008 13:10 Uhr

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