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[Bildunterschrift: ARD-Korrespondent Thomas Rautenberg ]
Nach den Handelsketten Real und Lidl ist in Polen nun auch Media Markt in die Negativ-Schlagzeilen geraten. Der Konzern kündigte aus "disziplinarischen Maßnahmen" einem Gewerkschafter. Dabei wollte dieser nur einen Betriebsrat gründen.
Von Thomas Rautenberg, ARD-Hörfunkstudio Warschau
Andrzej Rosinski hat gern im Danziger Media Markt gearbeitet. Ein guter Job, eine renommierte Firma. Im vergangenen Monat jedoch bekam Rosinski seine Kündigung: "Am 15. September wurden mir die Papiere in die Hand gedrückt – wie es hieß: aus disziplinarischen Gründen."
Dabei hatte sich Rosinski nichts zu Schulden kommen lassen – außer dass der Gewerkschafter in seinem Media Markt einen Betriebsrat gründen wollte. Eine Arbeitnehmervertretung sei aber nicht gern gesehen, ließ die Unternehmensspitze Rosinski wissen. Als der nicht einknickte und auf das polnische Arbeitsrecht verwies, wurde ihm kurzerhand der Stuhl vor die Tür gesetzt.
Rosinskis Kollegen protestierten vor der Danziger Filiale und die Unternehmensführung kam, wie Pressesprecherin Wioletta Bartog, in sichtliche Erklärungsnöte: "Die Entlassung des Angestellten hat nichts mit unserem angeblichen Widerwillen gegenüber den Gewerkschaften zu tun. Wir haben nichts gegen die Gewerkschaften. Der Betroffene wurde aus disziplinarischen Gründen entlassen und ich denke, das kam für den Betroffenen auch nicht unerwartet."
[Bildunterschrift: Flachbildschirme ]
Unerwartet kam der Rauswurf für Andrzej Rosinski tatsächlich nicht. Denn er legte einen Mitschnitt des Gespräches vor, in dem ihn der Media-Markt-Chef ultimativ zum Verzicht auf die Gründung einer Arbeitnehmervertretung drängte: "Vor solcher Dummheit sollte euch euer gesunder Verstand schützen. Dabei verliert das ganze Team. Das muss klar sein. Das ganze Team, ohne Ausnahme."
Media Markt ist aber bei weitem nicht die einzige Handelskette in Polen, die wegen der Missachtung von Arbeitnehmerrechten in die Schlagzeilen geriet. Bei Lidl, Real oder Auchan, überall würden die polnischen Angestellten im Grunde wie Leibeigene behandelt, und das ganze für durchschnittlich umgerechnet rund 500 Euro im Monat, kritisiert die Gewerkschaft Solidarnosc.
Am Schlimmsten trieb es dabei die portugiesische Kette Biedronka, die ihre Angestellten häufig 20 Stunden pro Tag, und das sieben Tage die Woche, schuften ließ, obwohl die Mitarbeiter nur einen Sechs-Stunden-Vertrag hatten. Überall also ein ähnliches Bild, meint Magdalena Zawislak, die kürzlich erst von einem Lidl-Markt entlassen worden war und seitdem den gewerkschaftlichen Protest organisiert: "Wir erhalten jeden Tag Anrufe von Mitarbeitern aus ganz Polen, die sich freuen, dass endlich mal jemand sein Schweigen gebrochen hat. Das einer mal den Mut dazu hatte. Wir geben zwar Unterstützung soweit wir können, aber wenn bekannt wird, wer sich gemeldet hat, wird der Mitarbeiter noch mehr schikaniert."
Bei Kontrollen der polnischen Arbeitsbehörde waren die Inspektoren in landesweit 123 Großmärkten auf zum Teil haarsträubende Zustände gestoßen. In 35 Prozent der Märkte gab es keinerlei Arbeitszeitkonten, Überstunden wurden nicht registriert und in der Hälfte die Läden hatten die Verkäuferinnen nicht einmal ihren gesetzlichen Urlaub erhalten.
Der polnische Senator Maciej Plazynski will den rüden Umgang der Media-Markt-Kette mit gesetzlich garantierten Arbeitnehmerrechten nun zum politischen Thema machen. Auch Solidarnosc-Landeschef Janusz Sniadek fordert ein unmissverständliches Zeichen der polnischen Regierung gegenüber dem, wie er es nennt, modernen Raubrittertum: "Heute ist dieser Umgang der Konzerne die Schande für Polen am Anfang des 21. Jahrhunderts. Inzwischen werden mehr aktive Gewerkschafter entlassen als damals im Kriegszustand."
Klagen über Verstöße gegen grundsätzliche Arbeitnehmerrechte registriert die polnische Gewerkschaft Solidarnosc bei nahezu allen internationalen Handelsketten. Doch die Wachsamkeit der Gewerkschafter gegenüber der deutschen Metro-Gruppe ist derzeit besonders groß: Denn mit der Übernahme der französischen Kette Geant werden sich auch die Realmärkte künftig an 49 polnischen Standorten etablieren. Die deutsche Metro-Gruppe befindet sich also auf dem Weg zur polnischen Nummer Eins unter den internationalen Handelsketten.
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