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Statt Hartmut könnte auch "Bahnchef" sein Vorname sein. So sehr verkörpert er ein Staatsunternehmen, auf das Millionen Menschen angewiesen sind - und verkennt doch oft deren Bedürfnisse. Trotz aller Kritik hat der DB-Vorstandsvorsitzende Mehdorn alle Stürme überstanden und verfolgt unbeeindruckt seinen Weg.
Von Fiete Stegers, tagesschau.de
[Bildunterschrift: Mehdorn vor einem ICE-T ]
Sein Job hat etwas vom Fußball-Bundestrainer - allerdings ohne den Jubel nach einem gewonnenen Spiel. Meistens ist Hartmut Mehdorn schuld, wenn irgendetwas mit der Bahn ist, und Millionen Menschen wissen dann, was er hätte besser machen sollen. Egal ob verspätete Züge oder Probleme mit dem "Damenklo in Wanne-Eickel", wie Mehdorn selbst in einem Interview sagte, der Ärger der Fahrgäste richtet sich gegen ihn.

Mehdorn gibt sich nach außen als Machertyp mit dickem Fell. Er ist einer, der scheinbar unbeirrbar an seinen Plänen festhält, auch wenn ihm der Wind ins Gesicht bläst. Seit seinem Amtsantritt treibt er durch Zukäufe und Beteiligungen im In- und Ausland den Umbau der bisherigen Staatseisenbahn zu einem international tätigen Logistikkonzern voran. Mit einem Ziel vor Augen: die Bahn AG wettbewerbsfähig und fit für eine Privatsierung an der Börse zu machen.
Eines scheint er dabei manches Mal aus den Augen zu verlieren: die Kunde und ihre Bedürfnisse. Die meisten Menschen in Deutschland wollen in erster Linie eine Eisenbahn, die pünktlich, günstig und möglichst oft fahren soll. So setzt Mehdorn auf den Ausbau schneller ICE-Trassen zwischen Großstädten als Knotenpunkten, während anderswo Investitionen ins Schienennetz aufgeschoben und Interregio-Verbindungen abgebaut wurden. Um sein Ziel zu erreichen, die Bahn auf mittleren Strecken zur Konkurrenz für das Flugzeug ausbauen, versuchte er, 2002 den Kunden ein Airline-ähnliches Preissystem aufzuzwingen. Der bisherige Bahncard-Rabatt für Vielfahrer wurde abgeschafft, stattdessen wurden komplizierte gestaffelte Sonderangebote für langfristig vorgebuchte Zügen eingeführt. Der Unmut war groß, nach wenigen Monaten musste die Bahn einen Rückzieher machen. Auch die öffentliche Wirkung des 2008 geplanten Zuschlags für die Bedienung am Schalter war von Mehdorn und seinen Spitzenleuten offenbar unterschätzt worden.
Andererseits ist die Bahn in der Ära Mehdorn auf vielen Strecken schneller geworden, die Verbindungen ins Ausland sind besser. Züge und Bahnhöfe (wo sie renoviert und nicht verkauft wurden) sind komfortabler geworden und bieten zusätzlichen Service an. Die Bahn hat es zur Fußballweltmeisterschaft 2006 sogar geschafft, ihren Zugbegleitern Durchsagen in mehr oder weniger fließendem Englisch beizubringen. Mehdorn hat den Staatsbetrieb verschlankt und bis 2006 rund 100.000 von zuvor 320.000 Stellen ohne betriebsbedingte Kündigungen abgebaut.
[Bildunterschrift: Händedruck der Kontrahenten: Bahnchef Mehdorn (rechts) und GdL-Chef Schell (links) 2006. ]
Die Bahn-Gewerkschaften stützten bisher im großen und ganzen Mehdorns Kurs - auch wenn 2007 der Konflikt mit der kleinen, aber schlagkräftigen Gewerkschaft der Lokführer (GdL) zu wochenlangen, bundesweit spürbaren Streik-Aktionen führte. Mehdorn fand hier mit dem GdL-Vorsitzenden Manfred Schell ein Gegenüber, das ebenso hartnäckig und polterig auftreten konnte wie er selbst: "Rumpelstilzchen" nannte Schell Mehdorn - das blieb hängen.
Mehdorn warf dem Gewerkschaftsführer seinerseits Realitätsverlust vor. Auch Bundestagsabgeordnete bekommen die ruppige Art des DB-Chefs zu spüren. "Es gibt so gut wie keinen Abgeordneten des Verkehrsausschusses, der nicht von Mehdorn angepflaumt, angemacht, eingeschüchtert worden ist", sagt der Grünen−Abgeordnete Winfried Hermann dem "Stern". Dabei vertreten die Abgeordneten eigentlich den Besitzer von Mehdorns Konzerns - den Staat, der nach wie vor Milliarden in das Unternehmen zuschießt.
Dennoch konnte Mehdorn jahrelang auf Unterstützung der Politik für sein Projekt Börsengang bauen und hat alle aufbrandenen Rücktrittsforderungen überstanden. Mehdorn ist inzwischen nicht nur länger im Amt als sein blasser Vorgänger Johannes Ludewig, sondern auch als der erste DB-Chef Heinz Dürr, und hat mehrere Bundesverkehrsminister überlebt.
Allerdings sind die Beziehungen zum Kanzleramt unter Angela Merkel anscheinend nicht mehr so gut wie unter Gerhard Schröder. Im Herbst 2008 musste Mehdorn einen schweren Schlag hinnehmen: Der nach jahrelangen Querelen in Reichweite gerückte Börsengang wurde von der Bundesregierung angesichts der Finanzkrise verschoben. Eine gänzliche Absage des Börsengangs wäre für den Bahnchef wohl die zweitschlimmste denkbare Katastrophe - übertroffen nur von einem Börsengang ohne Mehdorn.
[Bildunterschrift: Mehdorn mit hohen Gästen von der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhof: EU-Kommissar Gunther Verheugen, Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, Kanzlerin Angela Merkel, Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (von links nach rechts). ]Angesichts der Vorwürfe um interne Ausforschung von hunderttausenden Bahn-Mitarbeitern zur Korruptionsbekämpfung wurden die Forderungen nach einem Rücktritt Mehdorns parteiübergreifend laut wie lange nicht mehr. Auch die Gewerkschaften waren empört. Gegen eine rasche Auswechselung des Bahnchefs sprechen allerdings zwei Dinge: Zum einen könnte Kanzlerin Merkel nach Ansicht von Beobachtern damit bis nach der Bundestagswahl warten, um bei der Kandidatenwahl keine Rücksicht auf die mitregierenden Sozialdemokraten nehmen zu müssen - und zum anderen Mehdorns Nehmer-Qualitäten. Regulär läuft sein Vertrag als Vorstandsvorsitzender 2011 aus.
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