Ein Flugzeug fliegt vor der untergehenden Sonne | Bildquelle: REUTERS

Luftfahrt in China Himmelsstürmer mit Verspätungsproblem

Stand: 30.10.2017 12:08 Uhr

China wird schon bald der größte Luftfahrtmarkt der Welt sein. Allein Airbus hat in den vergangenen Jahren fast 1500 Maschinen nach China verkauft - Tendenz steigend. Doch das schnelle Wachstum hat seinen Preis.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Anfang Mai dieses Jahres am Flughafen Pudong in Shanghai: Eine weiß-blau-grün lackierte Maschine steigt in den Himmel. Es ist der Jungfernflug der C919, dem ganzen Stolz der chinesischen Flugzeugindustrie. Die zweistrahlige Maschine wurde vom staatlichen Comac-Konzern entwickelt und gebaut.

"Natürlich ist es wichtig für China, eigene Flugzeuge zu entwickeln", sagt Zhang Wuan von der privaten chinesischen Fluglinie Spring Airlines. "Es kann ja nicht angehen, dass im chinesischen Luftraum nur ausländische Fabrikate wie Airbus und Boeing unterwegs sind. Wir brauchen eigene Maschinen. Aber der Weg dorthin ist lang."

Trommeltänzer vor der Einweihungsfeier des neuen Airbis A330 | Bildquelle: AFP
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Trommeln für Airbus: chinesische Musiker weihen den neuen A330 in Tianjin, China ein

Boeing-Pläne nach Trump-Wahl gestoppt

In wenigen Jahren soll die C919 in Serie gehen und der Boeing 737 und der Airbus-A320er-Baureihe Konkurrenz machen. Viel wichtiger aber sind die technischen Erfahrungen, die die chinesischen Flugzeug-Ingenieure beim Bau der neuen Maschine sammeln, sagen Experten wie Jeffrey Lowe von der Luftfahrt-Beratungsfirma "Asian Sky Group" in Hongkong.

"Vor der C919 müssen Airbus und Boeing noch keine Angst haben. Aber vor dem Modell, das danach kommen wird! Dann werden sie ihre Lektionen nämlich gelernt haben. Alle gehen davon aus, dass das nächste chinesische Flugzeugmodell den Durchbruch bringen wird für die heimischen Hersteller."

Bisher teilen Airbus und Boeing den chinesischen Flugzeugmarkt unter sich auf. Der europäische Flugzeugkonzern steht etwas besser da als die Amerikaner: Denn Airbus betreibt im nordchinesischen Tianjin ein Auslieferungszentrum für Maschinen vom Typ A320 und A330. Der Regierung in Peking, die letztlich über alle Flugzeugkäufe der chinesischen Gesellschaften entscheidet, gefällt das natürlich.

Auch Boeing plant seit längerem ein Auslieferungszentrum in China. Seit aber Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, hat Boeing die Pläne gestoppt. Ein vermeintliches Verlagern von Arbeitsplätzen aus den USA nach China gilt als nicht mehr politisch korrekt.

Pünktlichkeit ist Glücksache

Zurück in Shanghai. Eine Ansage lärmt durch die Halle. Sie verheißt nichts Gutes: Die Maschine, die aus der südwestchinesischen Provinz Yunnan nach Shanghai fliegen sollte, ist verspätet. Um wieviel sich der Flug genau verzögern wird, ist noch nicht klar. Aber alle Passagiere, die am Abfluggate warten, wissen, dass es locker drei, vier oder fünf Stunden werden können. Inlandsflüge in China gleichen in Sachen Pünktlichkeit einem Glücksspiel.

Dass ein Flugzeug in China pünktlich abhebt, komme quasi nie vor, sagt Lowe. Wenn man einen wichtigen Termin hat, muss man das von vornherein mit einplanen.

Von den zehn am schlimmsten von Verspätungen betroffenen Flughäfen weltweit liegen acht in China, sagen Studien. So starten zum Beispiel am Flughafen Hangzhou statistisch gesehen sechs von zehn Maschinen verspätet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen arbeiten Flughäfen und Airlines an den Grenzen ihrer Kapazitäten. Die Flugpläne sind deswegen besonders eng getaktet. Bleibt irgendwo eine Maschine wegen technischer Probleme am Boden oder spielt das Wetter nicht mit, kommt es zu einer Kettenreaktion von Verspätungen. Dazu kommt ein typisch chinesisches Problem.

Chinesische Arbeiter überwachen die Baustelle eines neuen Terminals am Flughafen von Peking. | Bildquelle: REUTERS
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China investiert in die Luftfahrt - und in den Bau neuer Flughäfen und weiterer Terminals wie hier in Peking

"Die USA in spätestens fünf Jahren abgehängt"

"In China kontrolliert nach wie vor das Militär den Luftraum. Man kann also nicht einfach von einem Punkt zu einem anderen fliegen. Zwischen den großen Städten gibt es fest vorgegebene Flugrouten. Die müssen eingehalten werden. Wenn man sich eine andere Route genehmigen lassen möchte, erfordert das viel Bürokratie."

Diese starren, vom Militär vorgegebenen Flugrouten führen dazu, dass bestimmte Teile des chinesischen Luftraums regelmäßig verstopft sind. Andere Abschnitte wiederum sind fast leer. Auch dieses Missverhältnis führt zu Verspätungen. Trotz aller Probleme: Chinas Luftfahrtmarkt wächst weiter überdurchschnittlich und wird die USA in spätestens vier bis fünf Jahren überholt und abgehängt haben.

Luftfahrt in China: Innovation, Wachstum und Verspätungs-Wahnsinn
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
30.10.2017 10:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info, in der Wirtschaft, am 30. Oktober 2017 um 10:40 Uhr.

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