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[Bildunterschrift: Die Preise für Getreide sind in den vergangenen Monaten stark gestiegen. ]
Das Welternährungsprogramm der Uno (WFP) schlägt Alarm: Wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise seien weltweit 100 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Bereits in wenigen Tagen müssten Nahrungsmittellieferungen an Bedürftige eingestellt werden, teilte das WFP mit. "Dies ist das neue Gesicht des Hungers - Millionen Menschen, die vor sechs Monaten noch nicht unter akutem Hunger leiden mussten, tun es nun", sagte WFP-Exekutivdirektorin Josette Sheeran.
EU-Entwicklungshilfekommissar Louis Michel warnte vor dem Europaparlament in Straßburg vor einem "humanitären und wirtschaftlichen Tsunami". "Was sich in den Industrieländern als Beunruhigung über die Kaufkraft bemerkbar macht, bedeutet in den Entwicklungsländern Hungersnöte." Michel kündigte eine Erhöhung der EU-Lebensmittelhilfen für Entwicklungsländer an. Sheeran forderte jedoch mehr als eine Erhöhung der Hilfsgelder. Erforderlich sei eine umfassende Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf höchster Ebene, die sich auf den akuten Notfall und auf langfristige Problemlösungen beziehe.
Doch echte Lösungen sind nicht in Sicht. Politik und Verbände sehen das größer werdende Problem, streiten aber noch über die Ursachen der Krise. Boliviens Präsident Evo Morales machte für die hohen Lebensmittelpreise die wachsende Produktion von Biokraftstoff als Grund aus. Der zunehmende Anbau von Biosprit-Pflanzen auf Ackerflächen führe zu einem starken Anstieg der Nahrungsmittelpreise, sagte Morales bei einem Besuch der Vereinten Nationen in New York. Besonders betroffen von dieser Entwicklung seien Getreide und damit die Brotpreise.
[Bildunterschrift: Die Produktion von Biosprit trägt zur Verschärfung der Lebensmittelkrise bei. ]
Die Konkurrenz von Nahrungsmitteln mit Agrartreibstoffen ist auch nach Ansicht des International Food Policy Research Institut (IFPRI) "einer der stärksten Preistreiber". Nach Berechnungen des Washingtoner Instituts trägt die Agrarenergieproduktion je nach Szenario und Produkt zwischen 26 und 72 Prozent zu den Preissteigerungen bei Lebensmitteln bei. Darüber hinaus geht der Weltklimarat IPCC bei einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen davon aus, dass sich die klimatischen Bedingungen für die Landwirtschaft weiter verschlechtern und die Preise für Nahrungsmittel um zusätzlich 30 Prozent steigen könnten.
Der britische Premierministers Gordon Brown forderte ebenfalls, die Auswirkungen des Anbaus von Biotreibstoffen neu zu überdenken. In London warnte er, dass der Preisanstieg für Nahrungsmittel die erzielten Fortschritte bei der Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern zunichte mache.
Auch der Geschäftsführer des Verbraucherverbandes Foodwatch, Thilo Bode, hatte in der ARD die Biosprit-Produktion als eine der Ursachen für hohe Lebensmittelpreise benannt. Die aktuellen Preissteigerungen hätten nichts mit der steigenden Nachfrage in China und Indien zu tun, sondern seien darauf zurückzuführen, dass die USA einen Großteil der Maisernte für Biosprit verwendet hätten. "Die EU hat dieselben Pläne, und wenn diese Pläne umgesetzt werden, wird es in der Tat weltweit zu Preissteigerungen bei Getreide kommen", so Bode.
[Bildunterschrift: Während weltweit die Lebensmittelpreise steigen, fallen in Deutschland die Preise für Milch. ]
Bode kritisierte zudem die Agrarpolitik der Industrieländer. Mit Strafandrohungen werde beispielsweise das Angebot von Milch und Zucker klein gehalten. Auch die Subventionspraxis führe zu Marktverzerrungen. Jährlich förderten die Industrieländer ihre Agrarwirtschaft mit 350 Milliarden Euro. Besonders wenn es darum gehe, den Export von Lebensmitteln zu subventionieren, zahle der Verbraucher doppelt. Zum einen würden aus Steuergeldern Anreize für Bauern finanziert, damit sie ihre Produkte ins Ausland verkaufen. Zum anderen zögen durch diese Angebotsverknappung im Inland die Preise an, weshalb Schweinefleisch im Supermarkt teurer sei, als es sein müsste.
[Bildunterschrift: In Deutschland werden Lebensmittel im Durchschnitt voraussichtlich nur zwei bis drei Prozent jährlich teurer. ]
Auch die Grünen, die eine Aktuelle Stunde zum Thema Lebensmittelpreise für diese Woche im Bundestag beantragten, kritisierten die EU-Exportsubventionen. "Denn nur, wenn wir die Nahrungsmittel nicht auf dem Weltmarkt künstlich verbilligen, haben Kleinbauern in Entwicklungs- und Schwellenländern eine Chance, ihre eigenen Lebensmittel selbst anzubauen", sagte Fraktionschefin Renate Künast der "Münsterschen Zeitung".
Tatsächlich haben die über Subventionen verbilligten Exporte der Industrieländer dazu geführt, dass in einigen Entwicklungsländern die Landwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig ist. In einer Statistik zählt die UN-Agrarorganisation FAO insgesamt 82 Länder auf, in denen es gravierende Defizite bei der Nahrungsmittelproduktion gebe. Laut Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer wird an dem Thema Subventionen bereits gearbeitet. "Im Jahr 2010 soll der wesentliche Teil der Agrarsubventionen in der Europäischen Union bereits abgebaut sein", sagte der CSU-Politiker in der ARD.
[Bildunterschrift: In Chicago ist die weltweit größte Warenterminbörse für Nahrungsmittel-Rohstoffe. ]
Doch die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Subventionspolitik, auch die Spekulationen an den Warenterminbörsen werden hinterfragt. In einem fünfseitigen Positionspapier fordern Künast und ihre beiden Stellvertreter an der Fraktionsspitze, Jürgen Trittin und Bärbel Höhn, die Bundesregierung solle sich international für eine "wirksamere Regulierung der Warenterminbörsen und die Einführung einer Börsenumsatzsteuer einsetzen".
Der Fraktionschef der Sozialdemokraten im EU-Parlament, Martin Schulz, wirft Spekulanten ebenfalls eine erhebliche Mitverantwortung für die steigenden Lebensmittelpreise vor. "Der Kasino-Kapitalismus hat an den Tischen der Armen dieser Welt Platz genommen", kritisierte der SPD-Politiker im Europaparlament. Die Krise sei ein weiterer Beleg dafür, "dass es eine internationale Kontrolle der Finanzmärkte geben muss", erklärte Schulz.
Auch der Präsident des deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, sah in den Geschäften an den Warenterminbörsen eine Ursache für die Preissteigerungen. "Die Heuschrecken richten sich nun auch auf Agrarrohstoffe", sagte Sonnleitner in der ARD. Bei den Nahrungsmitteln trieben Spekulanten genauso ihr Unwesen wie bei den Banken.
[Bildunterschrift: Sonnleitner: "Der deutsche Verbraucher wird sich am preisgünstigsten von der ganzen Welt ernähren." ]
Aber in Deutschland fallen die Auswirkungen dieser Spekulationen nach Sonnleitners Ansicht anders ins Gewicht als in vielen Ländern der Welt. Er sagt eine jährlich Preissteigerung von zwei bis drei Prozent im Jahr voraus. "Der deutsche Verbraucher wird sich immer noch am billigsten, am preisgünstigsten von der ganzen Welt ernähren." Die Entwicklung hin zu steigenden Lebensmittelpreisen sei jedoch aufgrund der steigenden Energiekosten "unumkehrbar".
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