Zweitklassige Ware in Osteuropa? Visegrad-Staaten wollen gleiche Qualität für alle

Stand: 09.03.2017 17:12 Uhr

Eigentlich stehen andere Themen an - beim EU-Gipfel wird es aber auch um Lebensmittel gehen. Das haben die Regierungschefs von Slowakei, Ungarn, Tschechien und Polen durchgesetzt. Der Vorwurf: Lebensmittelkonzerne würden dort qualitativ minderwertige Produkte verkaufen.

Von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Ob Fischstäbchen, nussiger Brotaufstrich vom Marktführer oder das Erfrischungsgetränk eines US-Konzerns: Beim EU-Gipfel geht es auch um die verblüffend ungleiche Zusammensetzung identischer Lebensmittel-und Getränkemarken, je nachdem ob sie nach West-oder Osteuropa geliefert werden.

Der Ruf nach gutem Essen ist Brüssel sehr vertraut, aber noch nie ging es bei einem EU-Gipfel um die Frage, ob Fischstäbchen derselben Marke in allen EU-Staaten gleich viel Gramm Fisch im Stäbchen haben müssen - oder ob es ruhig sieben Gramm weniger Fisch sein dürfen, wenn die Stäbchen in die Tiefkühltruhen der Supermärkte in Osteuropa ausgeliefert werden.

Die Klage: Zweitklassige Ware in Osteuropa

Im Vergleich zu Wohlstands-EU-Ländern wie Deutschland bekämen sie von zahlreichen Lebensmittelmultis zweitklassige Ware geliefert, klagen osteuropäische Staaten. Lebensmittelchemiker einer Prager Universität entdeckten 2015 im Rahmen einer Studie, dass die Ein-Liter-Flasche Sprite künstliche Süßstoffe plus Fruktose und Glycose-Sirup enthielt, in deutschen Supermärkten hingegen nur mit Zucker gesüßt war.

Schlechtere Lebensmittel?

Was ist dran an den Vorwürfen ungleicher Lebensmittelqualität in Ost und West?

Lebensmittelhändler haben wiederholt die Testmethoden im Osten angezweifelt. Milos Lauko vom slowakischen Verbraucherverband ASS ist darüber empört: "Wenn nicht einmal die Testergebnisse staatlicher Labors unserer Länder anerkannt werden, was gilt dann überhaupt?" Produzenten argumentieren häufig, sie würden unterschiedliche Qualität anbieten, weil eben die Geschmäcker je nach Land verschieden seien. Bewohner der slowakischen Hauptstadt Bratislava stürmen aber gerade deshalb die Geschäfte der österreichischen Grenzgemeinden, weil sie dort bessere Qualität erwarten.

Warum hat die EU-Kommission bisher noch nichts gegen diese Praxis unternommen?

Erst 2016 blitzten die Visegrad-Länder mit einer Beschwerde in Brüssel ab. Solange auf der Packung die Inhaltsstoffe richtig angegeben seien, vorstoßen die Verkäufer gegen keine Vorschrift, argumentierte die Kommission. Die vier Regierungschefs wollen das nicht hinnehmen: Wenn Produkte gleichen Namens und in gleicher Verpackung in West und Ost unterschiedliche Qualität aufwiesen, sei das Täuschung. Die Produkte seien auch nicht automatisch billiger.

West-Ostunterschiede gab es angeblich auch beim Palmölgehalt eines haselnussigen Brotaufstrichs. Ein Eistee-Produkt im tschechischen Supermarkt enthielt rund 40 Prozent weniger Teeextrakt als das markenidentische Produkt in der Bundesrepublik.

Die Rechtfertigung: Unterschiedliche Geschmäcker

Die Geschmäcker in der EU seien halt unterschiedlich, erwiderte der Coca-Cola-Konzern nach Informationen des Internetinformationsdienstes Politico auf die Studie aus Prag. Außerdem seien mehr künstliche Süßstoffe nicht gleichbedeutend mit minderer Qualität. Auch Nestlé argumentierte mit unterschiedlichen Geschmacksnerven und Käufererwartungen in der EU.

Doch damit geben sich Bulgarien, Kroatien, Tschechien und die Slowakei nicht zufrieden: Die Slowakei sorgte während ihrer Ratspräsidentschaft Ende vergangenen Jahres dafür, dass das Thema in dieser Woche auf die Gipfelagenda kommt. Eine Nutella-Prüfagentur ist allerdings das Letzte, was Europa zur Zeit braucht - in diesem Punkt sind sich EU-Kommissions- und Ratsmehrheit einig.

EU-Gipfel : Ost-West-Konflikt auch bei Nutella, Sprite und Iglo
Ralph Sina, WDR Brüssel
09.03.2017 15:46 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: