Interview

Nobelpreisträger Krugman zur Krise Star-Ökonom drängt Merkel zu Abkehr vom Sparkurs

Stand: 01.08.2012 16:22 Uhr

Mitten in der Finanzkrise setzt Deutschland auf ausgeglichene Haushalte und geringe Ausgaben. Nach Ansicht des US-Ökonomen Paul Krugman eine falsche Entscheidung. Im ARD-Interview sagt er: Deutschland sei zwar nicht Schuld an der Krise, hindere angeschlagene Staaten aber daran, sich über den Export zu erholen.

tagesschau.de: In Europa reden alle über die Absicht der Europäischen Zentralbank (EZB), alles daran zu setzen, den Euro zu retten. Der Ankauf von Staatsanleihen schwächelnder Staaten wie Italien oder Spanien durch die EZB bleibt aber umstritten. Die deutsche Regierung hat sich bereits dagegen ausgesprochen. Was sagen Sie dazu? Liegt EZB-Chef Mario Draghi mit seiner Strategie richtig?

Paul Krugman: Wir wissen eigentlich nicht, wie seine Strategie genau aussieht. Er sagt, er will alles daran setzen, den Euro zu retten, hat aber nicht klar gemacht, was er im Detail vorhat. Er hat angedeutet, dass der Ankauf von Staatsanleihen südeuropäischer Länder eine Maßnahme sein könnte. Das ist natürlich eine notwendige Voraussetzung, wenn man den Euro retten will. Aber ich denke, das allein wird nicht ausreichen, es ist nur ein erster Schritt. Erfolgt er aber nicht, wird man den Euro kaum retten können. Die Antwort aus Deutschland darauf war etwas rätselhaft.

Interview mit Nobelpreisträger Paul Krugman
31.07.2012, Anja Bröker, ARD New York

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tagesschau.de: Und wer, würden Sie sagen, wird sich durchsetzen?

Krugman: Das ist die Eine-Billionen-Euro-Frage. Wir wissen es nicht. Es gibt zwei Szenarien: Entweder wird Deutschland zustimmen müssen, alle Mittel zu ergreifen, um den Euro zu retten. Oder aber man lässt den Euro scheitern. Beide Szenarien sind unrealistisch, und doch wird eines von beiden eintreten. Ich weiß nur nicht, welches. Niemand möchte derjenige sein, der den Euro scheitern lässt. Diese Angst kann eine wirksame Waffe sein, zum Beispiel für Draghi. Er kann den Deutschen sagen: 'Möchten Sie, Herr Weidmann, oder Herr Schäuble, die Person sein, die das europäische Projekt scheitern lässt?'

Zum Euro-Befürworter gewandelt

tagesschau.de: In den 90er-Jahren waren Sie einer der großen Euro-Skeptiker. Sie haben gesagt, wenn es keine "Vereinigte Staaten von Europa" gebe, dann sollte man auch keine gemeinsame Währung haben. Jetzt verteidigen Sie den Euro und möchten nicht, dass er scheitert. Warum hängen Sie so sehr an ihm?

Krugman: Da der Euro nun einmal eingeführt wurde, würde es nun massive Konsequenzen haben, wenn der Euro auseinander bricht - und das über viele Jahre hinweg. Die Menschen haben sich verschuldet - was wird aus diesen Schulden, wenn es keinen Euro mehr gibt? Starke Erschütterungen und wahrscheinlich eine schwere Rezession dürften die Folge sein, wenn der Euro scheitert.

Maastricht (dpa)
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7. Februar 1992: Bundesfinanzminister Waigel (re.) und Bundesaußenminister Genscher bei der Unterzeichnung des Maastricht-Vertrags

Noch wichtiger aber ist: Bei dem "Projekt Europa" ging es stets um mehr als nur um Wirtschaftsfragen. Die wirtschaftliche Integration sollte doch im weiteren Sinne nur die Grundlage sein für eine engere politische Integration, für Demokratie und Frieden. Dieses "Projekt Europa" würde in Verruf geraten, wenn der Euro nicht überlebt. Wenn ich die Uhr auf 1992 zurückdrehen könnte, würde ich in den Saal in Maastricht eilen und sagen:'Tut das nicht!' Aber da der Euro nun einmal eingeführt worden ist, würde ich alles dafür tun, um ihn zu retten.

tagesschau.de: Aber möchten Sie nicht manchmal sagen: 'Ich habe Euch gewarnt, Ihr wolltet nicht auf mich hören - und jetzt habt Ihr die Bescherung'?

Krugman: Andere waren damals mit ihrer Kritik noch viel schärfer als ich. Natürlich würde ich als Wissenschaftler sagen: Unsere Voraussagen, dass der Euro als Einheitswährung nicht geeignet ist, haben sich also bewahrheitet. Aber es hat sich auch herausgestellt, dass noch viel mehr schief gehen kann, als wir dachten. Es ist schon frustrierend, weil die Risiken vor zwanzig Jahren doch ziemlich eindeutig waren. Die Entscheidung der europäischen Elite, die Warnungen zu ignorieren und sich nur auf das Positive zu konzentrieren, hat nun Konsequenzen. Aber das ist alles Vergangenheit. Die Frage ist nun: Was macht man jetzt? Ich glaube, es wäre ein schrecklicher Fehler, nicht alles zu versuchen, um den Euro zu retten.

alt Paul Krugman

Zur Person

Professor Paul Krugman gilt als einer der einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler der Gegenwart. Er lehrt an der Princeton University und erwarb sich zunächst einen Ruf als Außenhandelsexperte. Für seine Forschung auf diesem Gebiet wurde ihm 2008 der Wirtschaftsnobelpreis zuerkannt.

Der 59-Jährige beschäftigt sich zudem seit langem mit der Verschuldung der Staaten und Währungsfragen. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er als scharfer Kritiker der Wirtschaftspolitik von Präsident George W. Bush bekannt. In seinem neuesten Buch "Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen" beschäftigt sich Krugman mit der internationalen Finanzkrise.

tagesschau.de: Sie sagten unlängst, Spanien stehe sinnbildlich für die Euro-Krise. Meinen Sie, dass Spanien ein neues Rettungspaket braucht?

Krugman: Ein Rettungspaket wie Griechenland ist das, was Spanien am wenigsten braucht. Das hat den Griechen am Ende auch nicht viel geholfen. Das Problem Spaniens ist nicht seine Verschuldung - die ist gar nicht mal so hoch. Spanien hat aber eine irreale Wirtschaftsprognose, und die wiederum stellt ein großes Risiko für die Verschuldung dar. Das Land muss vor allem verhindern, dass die Zinsen in die Höhe schnellen. Es muss eine unmittelbare Kreditkrise vermeiden, und es braucht Hoffnung. Spanien muss ermöglicht werden, mit Exporten wieder auf die Beine zu kommen. Am Ende ist es in beiden Punkten auf die EZB angewiesen. Sie muss die Zinssätze in Grenzen halten, indem sie die Anleihen kauft. Und die EZB muss eine starke Expansionspolitik für ganz Europa betreiben - das gäbe Spanien die Möglichkeit, sich wieder aufzurappeln. Nur ein weiteres Darlehen an die spanische Regierung wird nicht helfen. Das haben wir schon gesehen, als die Märkte sich gegen Spanien gestellt haben, obwohl es ein erstes Darlehen zu einem niedrigen Zinssatz erhalten hatte.

tagesschau.de: Sehen Sie Griechenland in der Zukunft innerhalb der Euro-Zone?

Griechenlands Premier Antonis Samaras
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Kaum Chencen auf Verbleib in der Euro-Zone? Griechenlands Premier Samaras

Krugman: Das ist nur sehr schwer vorstellbar. Das Land ist tief verschuldet, und die Griechen haben ein Problem mit ihrer Glaubwürdigkeit, denn sie haben sich nicht korrekt verhalten. Obwohl sie seither enorme Anstrengungen unternommen haben, wird es sehr schwierig für sie sein, wieder auf die richtige Bahn zu kommen. Vielleicht gibt es eine Chance von zehn Prozent, dass sich ein Weg finden lässt, dass Griechenland in der Eurozone bleibt. Vielleicht aber wäre es für alle Beteiligten besser, wenn Griechenland aussteigen würde, auch wenn es anfangs sehr schmerzhaft sein wird. Doch da hören die Probleme ja nicht auf. Der Euro kann den Ausstieg eines kleinen Landes wie Griechenland, das von vorneherein nicht in der Eurozone hätte sein sollen, verkraften. Aber den Ausstieg Spaniens und Italiens kann der Euro nicht verkraften. Man muss also eine Brandmauer errichten, und das kostet sehr viel Geld.

tagesschau.de: Sie haben also die Hoffnung für Griechenland aufgegeben?

Krugman: Ich habe niemals wirklich geglaubt, dass Griechenland es schaffen würde. Von Anfang an sahen die Zahlen nicht danach aus. Ich stehe damit nicht allein da - viele von uns haben mittlerweile akzeptiert, dass Griechenland verloren ist - jedenfalls innerhalb der Eurozone. Um Griechenland im Euro zu halten, wären extreme Maßnahmen nötig, die kein Land leisten kann. 

tagesschau.de: Wann, glauben Sie, wird der Austritt stattfinden?

Krugman: Sie sind dem Absturz sehr nah. Griechenland lebt jetzt sprichwörtlich von der Hand in den Mund. Sie sind abhängig von ständig neuen Krediten. Sie können also innerhalb weniger Wochen pleite gehen, falls die nächste Tranche des Kredits nicht freigegeben wird. Sobald die EZB den griechischen Banken kein Geld mehr leiht, könnte eine Bankenkrise entstehen: Die EZB akzeptiert keine griechischen Staatsanleihen mehr als Sicherheit. Das einzige Geld, das jetzt noch zur Verfügung gestellt wird, fließt an die griechische Nationalbank, die es an die Banken weiterleitet. Und wenn die EZB sagt, dass das nicht mehr geht, ist alles vorbei. Oder vielleicht halten sie noch ein paar Monate durch, und dann gibt es wieder Wahlen. Und dann werden die Wähler diese verheerende Politik den Parteien der Mitte zur Last legen und es kommt zu einer Koalition der Linken, was am Ende zu einem Ausstieg aus der Eurozone führen wird. Es würde mich wundern, wenn sie im kommenden Jahr noch in der Eurozone wären.

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