Gesundheitskarten | Bildquelle: ARD-aktuell / Weiss

Defizit bei Krankenversicherern Kassen oder Versicherte - wer zahlt?

Stand: 15.10.2015 16:26 Uhr

Wachsende Arzthonorare, eine kostspielige Krankenreform - allesamt Gründe für den steigenden Zusatzbeitrag der Krankenkassen. Die müssen nun entscheiden: Die Lücke mit Rücklagen ausgleichen? Oder die Versicherten zahlen lassen? Beides birgt Risiken.

Von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist ein jährliches Ritual: Immer im Herbst sitzen in Bonn Fachleute des Bundesversicherungsamtes, des Bundesgesundheitsministeriums und der Krankenkassen im sogenannten Schätzerkreis zusammen, um eine Prognose für das kommende Jahr abzugeben. Das Ergebnis: 2016 fehlen den gesetzlichen Krankenkassen voraussichtlich drei Milliarden Euro. Und das, obwohl dank der guten Konjunktur die Kassen der Krankenkassen eigentlich gut gefüllt sind. Doch wachsende Arzthonorare, eine kostspielige Krankenreform und rasant steigende Arzneimittelausgaben belasten die Krankenkassen zunehmend.

Allein die Versicherten tragen die Mehrkosten

Schon seit längerem hatten sie gewarnt, dass sie die Reformen der Bundesregierung mehrere Milliarden Euro kosten würden. Mit dem Flüchtlingsstrom hat die Schieflage dagegen nichts zu tun. Die Gesundheitskosten von Asylbewerbern werden vom Staat bezahlt, nicht von den Krankenkassen.

Der Schätzerkreis geht davon aus, dass der durchschnittliche Beitragssatz für die gesetzliche Krankenversicherung im kommenden Jahr um 0,2 Prozentpunkte steigen muss. Endgültig wird dieser Wert jedoch vom Bundesgesundheitsministerium festgelegt. Eines steht aber jetzt schon fest: Die Mehrkosten müssen allein die Versicherten zahlen. Die Große Koalition hatte vor zwei Jahren entschieden, dass der Anteil, den die Arbeitgeber für die Krankenversicherung eines Mitarbeiters zahlen, bei 7,3 Prozent eingefroren wird. Der Arbeitnehmer zahlt ebenfalls 7,3 Prozent plus einen Zusatzbeitrag, der von Krankenkasse zu Krankenkasse verschieden ist. Im Schnitt liegt dieser Durchschnittsbeitrag derzeit bei 0,9 Prozent. Es gibt aber auch Kassen, die einen niedrigeren Satz verlangen, einige wenige verlangen auch etwas mehr.

Rücklage anzapfen oder Beitrag erhöhen?

Jetzt müssen die einzelnen Krankenkassen entscheiden, wie sie mit der Prognose aus Bonn umgehen. Können oder wollen sie die Finanzierungslücke mit Rücklagen ausgleichen? Reicht das, um den Zusatzbeitrag stabil zu halten? Dann riskieren sie allerdings, dass der Beitragssprung 2017 noch höher ausfallen müsste. Oder bitten sie die Versicherten jetzt schon zur Kasse und riskieren, dass sie zu einem günstigeren Mitbewerber wechseln? Hinzu kommt: Wer seinen Zusatzbeitrag über den Wert des durchschnittlichen Zusatzbeitrags von voraussichtlich 1,1 Prozent (0,9 plus 0,2 Prozent) anhebt, der muss seine Kunden sogar ausdrücklich auf die Wechselmöglichkeit hinweisen.

Für die Kassen ist es also eine schwierige Entscheidung. Und auch in der Politik hat die Nachricht über den steigenden durchschnittlichen Zusatzbeitrag für Diskussionen gesorgt. Opposition, Sozialverbände und Gewerkschaften fordern eine Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung. Das würde bedeuten, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer den gleichen Beitragssatz zahlen. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagt: "Das ist eine Diskussion, die wir jetzt in der Großen Koalition führen müssen." Die Kosten für politisch gewollte Reformen dürften nicht allein die Versicherten tragen. Die Union wird dabei jedoch kaum mitmachen. Somit dürfte das Thema spätestens im Bundestagswahlkampf 2017 wieder auftauchen.

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