Eine OP-Schwester zieht sich im OP Handschuhe an. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Krankenhauskeime Jede vierte Klinik ignoriert Hygieneempfehlungen

Stand: 12.01.2017 11:43 Uhr

Jedes Jahr infizieren sich 800.000 Menschen mit gefährlichen Krankenhauskeimen - schuld ist mangelnde Hygiene. Recherchen von Plusminus und dem Recherchezentrum Correctiv zeigen: In jedem vierten Krankenhaus wird geschlampt, vielerorts mangelt es an Personal.

Von Gudrun Engel, WDR

Eigentlich war es ein harmloser Haushaltsunfall, der Dirk Buschs Leben veränderte: Der 54-Jährige war von einer Leiter gestürzt, hatte sich dabei den Unterschenkel gebrochen und musste in einer Klinik operiert werden.

Ein Routine-Eingriff. Keine große Sache. Doch dann befielen noch im Krankenhaus Keime die Wunde. "Innerhalb von vier Wochen wurde das Bein zehnmal operiert, die Wunde gespült, mit Schwämmen abgetupft, mit Vakuumpumpen abgesaugt", erinnert er sich an das Martyrium.

Doch alle Behandlungen schlugen fehl, Dirk Buschs Gesundheitszustand verschlechterte sich dramatisch. Die einzige Chance, sein Leben zu retten: Sein Bein musste amputiert werden.

800.000 Patienten infizieren sich mit Keimen

Dirk Busch ist damit einer von etwa 800.000 Patienten, die sich jedes Jahr mit gefährlichen Keimen in Kliniken und Krankenhäusern anstecken. Genaue Zahlen werden nicht veröffentlicht. Die Dunkelziffer liegt womöglich deutlich höher.

Experten wie Walter Popp von der Gesellschaft für Krankenhaushygiene gehen davon aus: Die Gefahr sich anzustecken, wächst von Jahr zu Jahr, weil vor allem multiresistente Keime mit Antibiotika überhaupt nicht mehr zu behandeln sind. Gleichzeitig habe sich die Reinigung in den Kliniken verschlechtert, so Popp.

Ein Hygieniker für 400 Betten

Laut Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) muss eine Klinik pro 400 Betten einen festangestellten Hygieniker haben. Diese Hygieniker sind dafür zuständig, Keiminfektionen in einer Klinik zu vermeiden. Das bedeutet ein breites Aufgabenspektrum: Sie müssen die Kontrolle und Schulung von Mitarbeitern übernehmen, etwa von Reinigungskräften.

Sie müssen die richtige Desinfektion zum Beispiel von Patientenbetten überwachen sowie Infektionsstatistiken führen. Das alles ist wichtig, um die Ursachen von Keimausbrüchen zu finden.

Situation in Bremen und Thüringen dramatisch

Das ARD-Magazin Plusminus und das Recherchezentrum Correctiv haben jetzt herausgefunden: Jedes vierte Krankenhaus erfüllt die RKI-Empfehlungen nicht. Besonders dramatisch ist die Situation demnach in Bremen, wo 43 Prozent aller Kliniken die Vorgaben nicht erfüllen.

Auf dem vorletzten Platz liegt Thüringen mit 42 Prozent. Darauf folgt Berlin, wo in weit über einem Drittel der Kliniken Hygienepersonal fehlt. Am besten schneidet Hamburg ab, wo nur zehn Prozent der Kliniken die Hygienevorgaben verfehlen.

Hygiene-Empfehlungen werden missachtet

Denn Anfang 2015 hatte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe einen Zehn-Punkte-Plan zur Bekämpfung multiresistenter Keime in Kliniken aufgestellt, mit dem Ziel bis Ende 2016 mehr Hygienepersonal einzustellen. Bislang hat das nicht funktioniert. Finanzielle Unterstützung soll die Kliniken jetzt "motivieren", sich um Hygienepersonal zu bemühen. Etwa 460 Millionen Euro stehen dafür bereit.

mehr

Erklärungsversuche von Gröhe

Gröhe erklärt die verfehlten Ziele so: "Aufgrund des hohen Bedarfs waren auf dem Arbeitsmarkt trotz erfolgter Qualifizierungsmaßnahmen nicht ausreichend Hygienefachkräfte verfügbar. Grund hierfür war unter anderem, dass die Aus- und Fortbildung zeitintensiv ist."

Das Erreichen der Vorgaben sei deshalb "auf Bitten der Länder zwischenzeitlich bis Ende 2019 verlängert" worden, teilte das Gesundheitsministerium mit.

Patienten sterben an Keimen

"Die Krankenhäuser haben die Initiative ausgesessen", kritisiert Hygiene-Experte Popp das mangelnde Durchgreifen des Ministers. Und Dirk Janssen, Vizechef des Landesverbandes Nord der Krankenkasse BKK, hält die aktuell herrschenden Zustände für alarmierend: "Wenn sich nichts ändert, kostet das jedes Jahr Tausende Patienten das Leben."

Person desinfiziert sich die Hände | Bildquelle: dpa
galerie

Viele Krankenhäuser ignorieren die Hygienevorschriften.

Datenbank mit Informationen zu Hygienestandards

Plusminus und Correctiv haben erstmals eine frei zugängliche Datenbank erstellt, in der man nachschlagen kann, welche Zustände im Krankenhaus um die Ecke herrschen. Auf einer Deutschlandkarte sind alle Krankenhäuser mit einer Postleitzahl zu finden. Dort finden Sie Informationen darüber, ob das Krankenhaus die RKI-Empfehlungen erfüllt und wie viel Personal dort eingestellt ist.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war von gesetzlichen Vorgaben die Rede. Es handelt sich jedoch bislang nur um Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, die als Grundlage für die Gesetze dienen. Wir haben den Beitrag entsprechend geändert und bitten um Ihr Verständnis. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Januar 2017 um 14:00 Uhr.

Darstellung: