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Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul
Dem griechischen Schuldendrama und der griechischen Finanztragödie muss ein neuer Titel hinzugefügt werden: das europäische Desaster. Nichts anderes bahnt sich gerade an. Griechenland droht der Zwangsabstieg. Das "erfolgreiche Europa" - allen voran Deutschland, die Niederlande und Finnland - wendet sich von Athen ab.
EU-Größen wie Euro-Gruppenchef Jean Claude Juncker und Kommissionsvizepräsidentin Nelli Kroes schließen eine Pleite der Hellenen nicht mehr aus. "Genug ist genug" mahnen deutsche Stammtischpolitiker genauso wie deutsche Spitzenpolitiker. Die verbale Abkopplung Athens findet seit Monaten statt und nimmt gerade gehörig Fahrt auf.
Sie ist die Begleitmusik zur politischen Abkopplung Griechenlands. Die Politik der Troika aus EU, IWF und EZB mag vielleicht dazu geeignet sein, die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Aber ob sie dazu angetan ist, Griechenland wieder auf die Beine zu helfen, wird von Tag zu Tag fraglicher. Das unter immensem Druck der internationalen Geldgeber beschlossene Athener Sparprogramm gleicht eher einem Kamikaze-Unternehmen als einer Rettungsaktion.
Finanziell ist das Land längst klinisch tot. Mit jeder neuen Finanzspritze und den damit verbundenen Auflagen ist Griechenland schwächer geworden. Mit jeder Finanzspritze ist auch die Latte höher gelegt worden, über die Athen springen muss. Die Auflagen für das neue Rettungspaket gleichen einer Operation am offenen Herzen mit sehr grobem Besteck.
Es besteht die Gefahr, dass andere lebenswichtige Organe verletzt werden. Drastische Einkommenseinbußen und Massenentlassungen werden die Kaufkraft von Millionen Menschen sinken lassen. Die Binnenkonjunktur bricht weiter ein, die Wirtschaft wird weiter schrumpfen, die Verarmung nimmt zu.
Das geschieht seit dem ersten Rettungspaket aus dem Jahr 2010 und es wird sich mit den Auflagen des zweiten Rettungspkets noch beschleunigen. Unter den fachkundigen Augen der Experten von EU, EZB und IWF drohen der wirtschaftliche Kollaps und die gesellschaftliche Implosion. Griechenland wird als Land von der Europaliga in die Regionalliga absteigen, großen Teilen der Bevölkerung droht sogar die Kreisklasse.
Eine "geordnete Insolvenz" Griechenlands mag für viele in der politischen Champions League Europas seinen Schrecken verloren haben. Die wirtschaftlichen Folgen mögen zwar drastisch, aber letztlich beherrschbar erscheinen. Die politischen Folgen für die Idee eines geeinten und solidarischen Europas drohen indessen desaströs zu werden. Deutschland, dem größten Gewinner der Gemeinschaftswährung Euro, wird die Rolle des skrupellosen Abwicklers zugeschrieben. Griechenlands Abstieg muss mit allen Mitteln verhindert werden, er wäre ein Menetekel an der Wand der Europäischen Union.
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