Kohlekraftwerk | Bildquelle: dpa

Klimawandel Das CO2-Budget ist fast verbraucht

Stand: 04.11.2017 11:18 Uhr

Etwa 3000 Gigatonnen CO2 darf die Menschheit produzieren, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. 2000 Gigatonnen sind bereits verbraucht. Jahr für Jahr kommen 36 dazu. Für eine Trendwende bleibt nicht mehr viel Zeit.

Von Werner Eckert, ARD-Umweltexperte

Der natürliche Kohlenstoffkreislauf ist einigermaßen ausgewogen, verändert sich nur über lange Zeiträume. Er ist wie ein riesiger Stausee, bei dem Zu- und Ablauf sehr beständig sind. Das hält ihn immer randvoll, lässt ihn aber nicht überlaufen. Ein stabiles aber sehr empfindliches System. Schon kleine Veränderungen lassen das Wasser über die Ränder schwappen. Genau das passiert derzeit, weil die Menschheit in einem Jahr Kohlenstoff-Vorräte freisetzt, die die Natur in einer Million Jahren eingelagert hat. Deshalb steigt der natürliche CO2-Gehalt der Atmosphäre stark an.

Vor der Industrialisierung lag er bei etwa 280 ppm (parts per million), alleine seit 1980 ist er dann von 340 ppm auf über 400 gestiegen. Er liegt damit wahrscheinlich höher als jemals in den vergangenen zehn Millionen Jahren. Und dieser Anstieg ist nur durch Eingriffe des Menschen zu erklären. Neben der Verbrennung von fossilen Rohstoffen spielen dabei auch Eingriffe in die Natur wie trockengelegte Moore und die enorme Abholzung eine Rolle.

So viel Kredit haben wir noch beim CO2-Ausstoß

Dieses CO2 ist nach dem gängigen Modell der Wissenschaft der Grund für, dass die mittlere Temperatur der Erde steigt. In den vergangenen 100 Jahren um etwa ein Grad. Bis zum Ende des laufenden Jahrhunderts könnte sich das - im ungünstigsten Fall - auf fünf Grad Celsius addieren. Das entspricht in etwa dem Unterschied zwischen einer natürlichen Eiszeit und einer Warmzeit. Damit wird deutlich, welche ungeheuren Auswirkungen solche Temperaturveränderungen haben können.

Der Zusammenhang zwischen dem CO2-Gehalt der Atmosphäre und dem Temperaturanstieg ist mindestens grob berechenbar. Daraus leiten Wissenschaftler ab, wie viel CO2 wir noch - zusätzlich zum natürlichen Kreislauf - freisetzen können, um den Anstieg in vertretbaren Grenzen zu halten. Als vertretbar gelten maximal zwei Grad. Demnach blieben noch 800-1000 Gigatonnen (Gt) CO2 als "global carbon budget" - so viel Kredit haben wir noch beim CO2-Ausstoß.

Gut 2000 Gigatonnen haben wir schon freigesetzt - mit extrem stark zunehmender Tendenz. Derzeit kommen jährlich etwa 36 Gigatonnen dazu. Rein rechnerisch ist bei der derzeitigen Entwicklung das Budget in gut 20 Jahren verbraucht. Beispiel Energieversorgung: Nach einer Analyse des Forschungsinstituts "Climate Analytics" müsste ein Viertel der gut 300 Kohlekraftwerke schon bis 2020 abgeschaltet werden, die Hälfte bis 2025 und das letzte Viertel bis 2030. Das Kohlezeitalter wird also nicht enden, weil die Kohle alle ist. Es muss aus Klimaschutz-Gründen enden, weil sonst die Klimagase Überhand nehmen. 80 Prozent der Kohlereserven, 70 Prozent des Öls und die Hälfte der bekannten Erdgasbestände müssen in der Erde bleiben.

Bis 2030 etwa 80 Prozent des Budgets verbraucht

Das Kohlenstoff-Konto ist eine wissenschaftliche Messzahl. Sie muss in Politik übersetzt werden. Das haben die Staaten unter dem Dach der UN zuletzt im Abkommen von Paris 2015 getan. Nimmt man alles zusammen, was sie dort an Klimaschutzmaßnahmen zugesagt haben, dann kommt das Konto längst noch nicht ins Gleichgewicht. Jedenfalls werden unter diesen Vorgaben auch im günstigsten Fall schon 2030 etwa 80 Prozent des Budgets verbraucht sein.

Diese Zusagen genügen also nicht, um das gemeinsam erklärte Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Es gibt zwei Ansätze, das zu ändern: Zum einen sollen alle Staaten ganz schnell nachlegen beim Klimaschutz, zum anderen setzt die Welt darauf, dass man Kohlendioxid auch wieder aus der Atmosphäre herausnehmen kann.

Zwei Wege aus der Misere

Das erste Vorschlag ist ambitioniert: Schon ab 2020 müsste der Ausstoß an zusätzlichen Treibhausgasen weltweit nachhaltig sinken, gegen 2050 nahe Null sein. Das zweite Vorhaben nennt man "negative Emissionen". Aufforstung ist eine Möglichkeit, viel mehr Effekt aber bringt BECCS – das steht für den Anbau von Energiepflanzen, die CO2 aufnehmen. In Verbindung mit Kraftwerken, in denen man sie anschließend verheizt und einer Anlage, die das dann wieder frei werdende CO2 einfängt, so dass man es unterirdisch einlagern kann. Klingt kompliziert und ist auch mit vielen Wenns und Abers belastet. Aber die meisten Prognosen des Weltklimarates IPCC gehen davon aus, dass dieses Verfahren großflächig eingesetzt wird. Und zwar zusätzlich zu starken Klimaschutzmaßnahmen und dem Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen.

Wenn das alles nicht gelingt, dann steigt der CO2-Gehalt der Atmosphäre weiter an. 450 ppm gelten als Grenzwert für maximal zwei Grad höhere Temperaturen. 700 ppm am Ende des Jahrhunderts wären aber auch möglich. Je höher der Wert steigt, desto länger hält die Erwärmung an. Selbst wenn die Menschheit dann aufhört, die Kohlenstoff-Vorräte weiter abzufackeln. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. November 2017 um 12:00 Uhr.

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