Eine riesige katalanische Flagge wird von Menschen getragen. | Bildquelle: AFP

Wirtschaft in Katalonien Aufschwung oder Kollaps?

Stand: 30.09.2017 10:07 Uhr

Katalonien ist eine vergleichsweise reiche Region - sie sorgt für etwa ein Fünftel der Wirtschaftsleistung in Spanien. Die Unabhängigkeit brächte der Region weitere wirtschaftliche Vorteile, sagen die Befürworter. Kritiker warnen dagegen vor einem Kollaps.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Joan Canadell betreibt die wohl berühmteste Tankstelle von Katalonien. Sie liegt in L’Ametlla del Vallès, eine knappe Autostunde nördlich von Barcelona - und man erkennt sie schon von Weitem: An der großen "Estelada", der Flagge der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, die neben dem Firmenlogo abgedruckt ist. Und am riesigen "Si"-Plakat, das vom Dach hängt. Es ist das "Si" der Referendums-Kampagne, das "Ja" auf dem Stimmzettel am 1. Oktober.

Wirtschaftsleistung vergleichbar mit Dänemark

Eine Tankstelle in Katalonien.
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Offen wirbt Canadell an seiner Tankstelle für die Unabhängigkeit.

Unternehmer Joan Canadell kämpft für die Unabhängigkeit Kataloniens. Er sieht nur wirtschaftliche Vorteile und hat darüber schon mehrere Bücher geschrieben:

"Ein eigenständiges Katalonien wäre wirtschaftlich in etwa so stark wie Österreich, Dänemark oder Norwegen. Das sind kleine Länder mit relativ hohen Pro-Kopf-Einkommen. Unser Bruttoinlandsprodukt ist ebenfalls hoch. Ich bin mir sicher, dass wir mit einer katalanischen Regierung, die unsere heimische Industrie unterstützt, außerdem dem katalanischen Tourismus und dem Handel mit dem Ausland, deutlich besser leben würden - besser als jetzt mit einer Regierung in Madrid, die hauptsächlich die Wirtschaft dort unterstützt und ein 'Groß-Madrid' schaffen will."

Joan ist einer der wenigen Unternehmer, die offen für eine Abspaltung Kataloniens von Spanien eintreten. Viele seiner Kollegen befürchten dagegen, dass eine Unabhängigkeit Nachteile für die Wirtschaft bringen würde - vor allem für internationale Konzerne, die ihren Sitz in Katalonien haben und für lokale Firmen, die Geschäfte mit dem Ausland machen.

Gegner malen Schreckensszenario

Josep Bou besitzt eine Bäckereikette in Barcelona und ist Chef des katalanischen Unternehmerverbandes. Er malt ein Schreckensszenario:

"Wenn sich Katalonien am 2. Oktober für unabhängig erklärt, erleidet die Wirtschaft der Region einen totalen Kollaps. Wenn Katalonien Spanien verlässt, verlässt es auch Europa - und verliert sämtliche Vorteile und Verbindlichkeiten, unkomplizierten Handel zu betreiben mit dem Rest Europas. Das gilt auch für den Geld- und Personenverkehr. Deshalb wäre die Unabhängigkeit für uns eine Katastrophe."

Zollschranken würden zurückkehren, Ein- und Ausfuhren damit teurer werden - was katalanische Unternehmen im Vergleich zu ihren Partner im Ausland weniger wettbewerbsfähig machen könnte. Und Josep Bou sieht noch weitere Schwierigkeiten: "Firmen, die Handelsverträge mit Partnern in Europa abgeschlossen haben, zum Beispiel für die Wartung von Maschinen und Geräten, stehen vor folgendem Problem: Wenn sich die juristischen und politischen Rahmenbedingungen in Katalonien ändern, werden diese Verträge automatisch annulliert." Die spanische Regierung geht davon aus, dass die Wirtschaft in Katalonien um 25 bis 30 Prozent einbrechen und die Arbeitslosigkeit sich verdoppeln würde.

Unabhängiges Katalonien müsste EU neu beitreten

Um wieder Teil der EU zu werden, müsste Katalonien den offiziellen Beitrittsprozess von vorne beginnen - möglicherweise ein schwieriger, steiniger Weg. Denn Katalonien könnte nur dann EU-Mitglied werden, wenn alle anderen Staaten zustimmen. Vor allem Spanien dürfte da ein Veto einlegen.

Befürworter bauen auf Wirtschaftskraft

Doch Unabhängigkeits-Befürworter wie Tankstellen-Betreiber Joan sind davon überzeugt, dass die EU Katalonien nach einer Trennung ohne größere Probleme wieder aufnehmen würde - allein wegen seiner Wirtschaftskraft. Damit die schon jetzt möglichst groß wird, unternimmt Joan alles, was in seiner Macht steht: "Wir überweisen unsere Steuer nach Barcelona, nicht nach Madrid. Das ist nicht illegal. Es ist nicht der klassische Weg, aber kein verbotener. Außerdem spenden wir einen Teil unserer Einnahmen an Projekte, die den Unabhängigkeitsprozess voranbringen."

In den vergangenen drei Jahren waren das immerhin 70.000 Euro. Joan hat zum Beispiel Geld für einen Dokumentarfilm über die Unabhängigkeit gespendet; außerdem unterstützt er einen katalanischen Bürgermeister, der eine Geldstrafe zahlen musste, weil an seinem Rathaus die "Estelada" und nicht die spanische Flagge hing. Ein Problem, das der Vergangenheit angehören würde - wäre Katalonien wirklich eine eigene Republik.

Katalonien: Was würde eine Unabhängigkeit wirtschaftlich bedeuten?
Oliver Neuroth, ARD Madrid
29.09.2017 12:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 30. September 2017 tagesschau24 um 11:00 Uhr und NDR Info um 07:20 Uhr.

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