Jugendarbeitslosigkeit in Schweden Brennende Autos, schlechte Chancen

Stand: 03.07.2013 05:39 Uhr

Seit den Unruhen von Stockholm ist klar: Auch das "Musterland" Schweden hat massive Probleme mit arbeitslosen Jugendlichen. Es fehlen Jobs und Perspektiven, viele junge Menschen aus den Vororten Stockholms fühlen sich ausgeschlossen und chancenlos.

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

Krawalle in Stockholm | Bildquelle: AP
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Krawalle Ende Mai im Stockholmer Vorort Husby

Als in Stockholm Ende Mai Autos brannten, rieb Europa sich verwundert die Augen: So eine Gewalt, ausgerechnet im sonst doch so kreuzbrav wirkenden Schweden? Für Camila Salazar Atias kommen die Unruhen im Stockholmer Stadtteil Husby alles andere als überraschend. Sie kennt die Kids aus den Vororten nur allzu gut. Kreuzbrav ist das Leben hier nun wirklich nicht. Man hätte, sagt sie, damit rechnen können. "Seit acht Jahren brennt es immer mal wieder in den Vorstädten, jeweils vor oder nach dem Sommer", sagt sie. "Der Unterschied dieses Mal lag nur darin, dass es so lange anhielt. Wir erleben das Jahr für Jahr und nie tut sich was."

Atias ist eine der Leiterinnen des Fryshuset in Stockholm. Von der Hausaufgabenhilfe bis zum Schulabschluss - es gibt eigentlich nichts, was es hier nicht gibt. Zwischen Skaterpark und Basketballhalle findet man eine Arbeitsvermittlung, sogar eine reguläre Polizeistation, und mittendrin ein Gymnasium mit fast 1000 Schülern.

Das Fryshuset ist die letzte Chance

Das Fryshuset ist für die meisten hier die allerletzte Chance.  "Es gibt eine Untersuchung aus Lund, die belegt, dass die Arbeitgeber unter Bewerbern mit gleichwertigen Zeugnissen doppelt so oft jemanden mit einem schwedischen Namen auswählen", erklärt Atias. "Außerdem geht es immer wieder um Kontakte und Beziehungen. Viele Jugendliche hier haben aber keine schwedischen Freunde. Sie kennen nur Behörden, Lehrer oder Polizisten. Sie sind ganz einfach nicht integriert. Und das macht es natürlich umso schwerer.“

85 Prozent der Menschen in Husby haben ausländische Wurzeln. Fast jeder zweite Jugendliche hier geht weder zur Arbeit noch zur Schule. Viele sind schon nach der neunten Klasse der gemeinsamen Grundschule gescheitert, Negativrekord in Schweden. Im Fryshuset sitzt die Arbeitsvermittlung mittlerweile direkt im Haus - also dort, wo die jungen Leute sind. "Unser Projekt richtet sich an die Leute, die sonst durch jedes Register hindurchfallen", sagt Atias. "Sie sollen eine Chance erhalten, trotzdem in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Und es zeigt sich, dass ungewöhnlich viele Schüler vom Fryshuset tatsächlich Arbeit bekommen."

Es kann also klappen, wenn alle Seiten beweglich sind. So schätzt es auch Erik Huldt ein, der Mann der Zahlen beim Stockholmer Arbeitsamt. Huldt hat es nicht leicht im Moment. Erst gestern veröffentlichte das Svenska Dagbladet eine neue Untersuchung. Demnach genießt die Arbeitsvermittlung den mit Abstand schlechtesten Ruf aller schwedischen Behörden.

Trotzdem: Seine Daten rücken einiges gerade. Stockholm einschließlich seiner Vororte hat insgesamt immer noch weniger arbeitslose Jugendliche als der Rest des Landes. Und auch die Zahlen für ganz Schweden, sagt Huldt, könne man nicht einfach so mit den deutschen vergleichen. "Nach der offiziellen Statistik liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Schweden bei 20 bis 25 Prozent. Das ist natürlich eine sehr hohe Zahl. Aber wenn man sich die etwas genauer anschaut, dann stellt man fest, dass es den schwedischen Jugendlichen vielleicht doch nicht so schlecht geht", sagt er. "Das deutsche Lehrlingssystem zum Beispiel bewirkt, dass viele Jugendliche Einkünfte haben und als Arbeitende gerechnet werden. In Schweden würde man diese als 'arbeitslose Studierende' erfassen."

"Arbeitgeber, die ein Risiko wagen"

Ein duales System wie in Deutschland gibt es in Schweden nicht. Es hat sich nie entwickelt. Diese Mischung aus Schul- und Werkbank gilt mittlerweile als großes Vorbild für den Norden. Langfristig könnte das auch den Schweden helfen, davon sind Huldt und seine Chefs in der Behörde überzeugt.

"Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Generation von Jugendlichen besonders faul wäre", sagt Huldt. "Ich würde mir vielmehr Arbeitgeber wünschen, die es auch mal wagen, ein zusätzliches Risiko einzugehen, um einem Jugendlichen zu helfen. Wir stellen nämlich sehr oft fest, dass es zu guten Resultaten führt."

Dieser Beitrag lief am 03. Juli 2013 um 10:50 Uhr auf NDR Info.

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