Schizophrenie-Mittel für Demente Pharmariese zahlt Milliardenstrafe

Stand: 04.11.2013 22:46 Uhr

Der US-Pharmahersteller Johnson&Johnson hat durch Schmiergeldzahlungen an Ärzte und Apotheker erreicht, dass seine Medikamente zweckentfremdet verschrieben wurden. Nach der Klage gab es nun eine außergerichtliche Einigung.

Von Silke Hasselmann, MDR-Hörfunkstudio Washington

Johnson & Johnson meldete zuletzt Einnahmen in Höhe von 67 Milliarden Dollar jährlich. Damit liegen die Amerikaner auf Platz eins der weltweiten Liste von Pharma- und Biotech-Konzernen. Weit vor Pfizer, LaRoche und Merck.

Nun zahlt Johnson & Johnson 2,2 Mrd. Dollar an die Staatskasse und an private Kläger, um einen womöglich deutlich teureren Gerichtsprozess zu vermeiden. US-Justizminister Eric Holder gab diese außergerichtliche Einigung persönlich bekannt, was ihre Bedeutung unterstreicht: Es ist die finanziell drittgrößte Einigung in der US-Pharmageschichte.

Weltgrößter Pharmakonzern zahlt 2,2 Mrd. Dollar Entschädigung
S. Hasselmann, MDR Washington
04.11.2013 22:43 Uhr

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Mittel verschrieben, aber nicht getestet

Johnson & Johnson räumte ein, hinter den Kulissen für die Verschreibung zweier Medikamente auch an Kinder, Ältere und Behinderte gesorgt zu haben - und zwar für eine Anwendung, die die Arzneimittelzulassungsbehörde FDA ausdrücklich nicht gestattet. Zum einen warben Johnson & Johnson und die Konzerntochter Janssen Pharmceuticals dafür, Risperdal bei unberechenbarem, sprunghaftem Verhalten von demenzkranken Senioren anzuwenden. Zum anderen drängten sie auf die Vergabe an verhaltensauffällige Kinder und geistig Behinderte. In allen Fällen sollte die Pille als Beruhigungsmittel genommen werden.

Doch die zuständige Arzneitmittelkontrollbehörde FDA hatte Risperdal nie für die Anwendung getestet, geschweige denn zugelassen, sondern als anti-psychotisches Medikament. Ähnliches gilt für ein Arzneimittel, das nur für die Behandlung von Herzversagen zugelassen ist. Doch auch sie hat seditative Nebenwirkungen; warum also nicht als profitables Beruhigungsmittel unter die Patienten bringen? Das dachte Johnson & Johnson jahrelang, ohne freilich mit ihrem Druck offen in Erscheinung zu treten.

Produkte der Firma Johnson&Johnson (Bildquelle: picture alliance / AP Photo)
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Johnson&Johnson stellt neben den abgebildeten Medikamenten auch das umstrittene Schizophrenie-Mittel Risperdal her.

480 Millionen Dollar an Patienten

Vielmehr zahlte der Konzern erhebliche Schmiergelder und nachträgliche Kickbacks an Ärzte und Apotheker, um sie von der zweckfremden Verschreibung oder Empfehlung dieser Mittel zu überzeugen. Auch das gaben Johnson & Johnson und Janssen Pharmaceuticals als Teil der Einigung mit der Anklagebehörde zu. Von den 2,2 Mrd. Dollar, die der Pharmariese nun zahlen muss, gehen ca. 480 Millionen Dollar an Patienten, die durch die unerwünschten Nebenwirkungen des vermeintlichen Beruhigungsmittels geschädigt worden sind.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. November 2013 um 10:30 Uhr.

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