VW-Logo | Bildquelle: dpa

Jahresrückblick 2015 US-Abgas-Tests bremsen VW aus

Stand: 25.12.2015 10:54 Uhr

Volkswagen war auf Erfolgskurs, weltweit. Doch dann kam der September und für VW eine Vollbremsung. US-Behörden deckten Abgas-Manipulationen bei VW-Diesel-Fahrzeugen auf, Millionen Autos weltweit sind betroffen.

Von Thorsten Hapke, ARD-Studio Hannover

Was hatte sich Volkswagen nicht alles vorgenommen für das Jahr 2015. "2015 wird ein Jahr der großen Schlagzeilen", hatte Konzernchef Martin Winterkorn bei der Autoshow in Detroit zu Jahresbeginn noch vorausgesagt und dabei natürlich ganz etwas anderes gemeint, als hinterher geschah. Neue Verkaufsrekorde, neue Gewinnrekorde, neue Produktideen - damit wollte VW punkten. Tatsächlich aber beschäftigte man das Publikum mit einem Machtkampf und einer beispiellosen Betrügerei.

Kampf der VW-Granden

Die ersten Schlagzeilen machte der Konzern im Frühjahr. Mit wenigen Worten stellte Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch seinen Ziehsohn Winterkorn infrage. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", so ließ sich Piëch im "Spiegel" zitieren. Normalerweise wäre so ein Satz aus Salzburg einer Kündigung gleichgekommen, doch dieses Mal war alles anders; denn Piëch stand im Aufsichtsrat alleine. Weder die Arbeitnehmer, noch das Land Niedersachsen folgten ihm. Und was seinen Vorstoß endgültig ins Leere laufen ließ, war die Weigerung von Cousin Wolfgang Porsche, Winterkorn abzulösen.

Als Piëch trotz eines anders lautenden Beschlusses des Aufsichtsratspräsidiums weiter versuchte, Winterkorn auszutauschen, wurde er selbst aus dem Unternehmen gedrängt. Das unrühmliche Ende einer Ära, Piëch war als Aufsichtsratschef bei Volkswagen damit Geschichte und Winterkorn mächtiger als je zuvor. Denn er hatte als erster einen Machtkampf mit Piëch gewonnen.

Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch | Bildquelle: AFP
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Gut 30 Jahre lang arbeiteten Winterkorn und Piëch eng zusammen. Das gegenseitige Vertrauen gehört nun der Vergangenheit an.

Manipulationsvorwürfe aus den USA

Doch lange konnte sich Winterkorn über diesen Erfolg nicht freuen, denn am 3. September musste der Konzern gegenüber den US-Umweltbehörden einräumen, Abgastests durch eine spezielle Motorsoftware manipuliert zu haben. Das war das Aus für Winterkorn und dabei half ihm auch seine Aussage nichts, von alldem nichts gewusst zu haben. Denn die mächtigen Aufsichtsräte analysierten kühl: Entweder hat der Konzernchef seinen Laden nicht im Griff, sodass ihm so etwas entgehen konnte, oder er hat doch etwas gewusst - gehen muss er so oder so. Winterkorns wohl entscheidender Fehler war, dass er nicht sofort nach dem Eingeständnis in den USA den Aufsichtsrat informiert hatte. Die Kontrolleure erfuhren von der unglaublichen Affäre über die Medien und fielen aus allen Wolken.

Produktion von Dieselmotoren bei VW in Salzgitter | Bildquelle: dpa
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Produktion von Dieselmotoren bei VW in Salzgitter

VW-Chef Matthias Müller | Bildquelle: dpa
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Matthias Müller übernahm zu Beginn der Krise den Chef-Posten bei VW

Seitdem bemüht sich der neue VW-Chef Matthias Müller, den Schaden zu begrenzen. Schon bei ganz einfachen Vorhaben fällt das nicht leicht. Gleich zu Beginn der Affäre hatte Volkswagen vor allem eines versprochen: Transparenz. Doch danach verschanzten sich die Vorstände hinter dem Werkszaun und waren nicht zu sprechen. Stattdessen gab es hin und wieder Pressemitteilungen, in denen neue Probleme eingestanden wurden. Etwa der Verdacht, dass auch bei CO2- und Verbrauchswerten manipuliert worden sein könnte. Ein Verdacht, der sich dann doch nicht bestätigte. Auch auf das zweite Ermittlungsverfahren in den USA wegen eines 3,0-Liter-Diesel-Motors reagierte Volkswagen nur via Pressemitteilung - allerdings auch noch widersprüchlich. Erst wurde der Verdacht rundum zurückgewiesen, später räumte man ein, Motorsoftware, die man für legal halte, nicht korrekt den US-Behörden zur Genehmigung vorgelegt zu haben.

Wie konnte es zu dem Betrug kommen?

Wer wann was bei Volkswagen beschlossen hat, sodass es zu dem Betrug kommen konnte, liegt weiterhin im Dunkeln. Die Entscheidungsprozesse wurden offenbar nicht so dokumentiert, wie man sich das bei einem Weltkonzern vorstellen würde.

Das Unglaubliche an der Affäre ist ihr Ausmaß, das von Tag zu Tag größer wurde. Zu Beginn war von 480.000 betroffenen Fahrzeugen in den USA die Rede, eine eher überschaubare Zahl. Kurz darauf gestand Volkswagen, weltweit seien 11 Millionen Fahrzeuge betroffen, bei den meisten sei die Software zwar vorhanden, aber nicht aktiv gewesen. Damals glaubte man noch, die Software sei nur zur Einhaltung der besonders strengen Grenzwerte in den USA erforderlich gewesen - aktiv nur in Fahrzeugen in den USA, in allen anderen Teilen der Welt vorhanden, aber irrelevant. Inzwischen ist aber klar, dass es viele Motorvarianten mit unterschiedlichsten Katalysator-Systemen gab, auf die die Software immer wieder neu abgestimmt worden war. Mitnichten also ein einmaliger Vorgang, sondern ein systematischer fortgesetzter Betrug.

Angst vor US-Prozessen

Dies herauszufinden war für Journalisten eine Tortur. Über lange Zeit waren die vielen Pressesprecher bei Volkswagen telefonisch gar nicht erreichbar. Kommuniziert wurde per E-Mail. Und selbst hier ließen Antworten zu einfachsten Fragen manchmal tagelang auf sich warten. Jede Antwort musste von den Juristen geprüft werden, ob in ihr Angriffspunkte für Anwälte in den USA steckten. Denn vor deren Prozessen hat VW eine Heidenangst. Das führte zu der abenteuerlichen Folge, dass bei den beiden Pressekonferenzen, die Volkswagen in der Krise gab, PowerPoint-Präsentationen gezeigt wurden, die die Journalisten hinterher nicht zur Verfügung gestellt wurden - unter Verweis auf das Veto der Juristen. Etwas bereits Veröffentlichtes wurde im Nachhinein wieder zur Verschlusssache erklärt.

VW-Pressekonferenz in Wolfsburg | Bildquelle: dpa
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VW-Pressekonferenz in Wolfsburg

Am Ende des Jahres, für das sich Volkswagen so viele gute Schlagzeilen vorgenommen hatte, steht der Konzern schlechter da als in den Jahren zuvor. Die beiden prägenden Manager, Piëch und Winterkorn, haben die Brücke verlassen. Das Unternehmen kämpft mit Imageproblemen. Volkswagen wirkt, als sei es vom vertrauenswürdigen, seriösen Premium-Unternehmen zu einer Fälscherwerkstatt verkommen. Es wird eine gewaltige Aufgabe, die Scherben zusammenzukehren und den Konzern neu aufzustellen. Für das Jahr 2016 sagt vorsichtshalber kein Manager irgendwelche Schlagzeilen vorher. Die Erfahrungen aus diesem Jahr sind zu unangenehm.

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