Arbeiter in einer Piaggio-Fabrik in Pisa | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Vor der Parlamentswahl Italiens Wirtschaft hinkt Jahre hinterher

Stand: 26.02.2018 11:58 Uhr

Geringe Produktivität, wenig Wachstum: Italiens Wirtschaft geht es alles andere als gut. Das Ruder ließe sich umreißen, sagen Experten - vorausgesetzt, die Wahlen verunsichern nicht noch mehr.

Von Tassilo Forchheimer, ARD-Studio Rom

Noch immer hat sich Italien nicht von der schweren Krise erholt. Nach Jahren der Schrumpfung und des Stillstands geht es jetzt aber immerhin aufwärts: Bei 1,4 Prozent lag das Wirtschaftswachstum zum Jahreswechsel.

Allerdings verdienen die Italiener heute im Schnitt nicht mehr als 1998. Das Land hinkt der Entwicklung also 20 Jahre hinterher. Umso mehr wundert sich Susanna Camusso, die Chefin der größten italienischen Gewerkschaft CGiL, über den aktuellen Wahlkampf. "Die allgemeine Haltung scheint zu sein: Das Land ist raus aus der Krise, wirtschaftlich-strukturell haben wir keine Problem mehr, deshalb konzentrieren wir uns auf die Ängste der Leute, ohne auf die wirtschaftlichen Probleme einzugehen."

Ein Kleidergeschäft im italienischen Milan wirbt mit Sonderangeboten. | Bildquelle: AFP
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Bei 1,4 Prozent lag zuletzt das italienische Wirtschaftswachstum. Doch Italien hat sich noch lange nicht von der Krise erholt.

Bürokratie - der Gipsverband

Die Themen Migration und Sicherheit prägen die Diskussion, dabei gäbe es in Italien wirtschaftlich tatsächlich einiges zu tun. Zwischen 1998 und 2016 ist hier die Produktivität nur um 3,5 Prozent gestiegen. In Deutschland waren es im gleichen Zeitraum 47 Prozent.

Die Gründe dafür sind zahlreich: Was italienischen Unternehmen besonders zu schaffen macht, ist die ausufernde Bürokratie, sagt die römische Wirtschaftsprofessorin Simona Caricasulo: "Was müsste man ändern? Ganz sicher brauchen wir eine Verschlankung. Das Wirtschaftsleben hat eine sehr schnelle Taktung. Unsere Verwaltung wirkt da wie ein Gipsverband. Es hilft nur noch eine alles umfassende Reform."

Der Hafen von Livorno | Bildquelle: picture alliance / Hauke-Christi
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Die italienische Wirtschaft krankt an der ausufernde Bürokratie.

Kleinteiligkeit als große Schwäche

Als zusätzliches Problem hat sich die Unternehmensstruktur erwiesen: Italien glänzt zwar mit einer ganzen Reihe von durchaus innovativen Top-Unternehmen. Die große Masse der - meist kleinen - Firmen hat aber eine ausgesprochen niedrige Produktivität und Innovationskraft.

Das sieht auch die Gewerkschafterin so. "Große Teile der Politik, von rechts, aber auch in der Mitte und von links, haben immer die schöne Kleinteiligkeit Italiens idealisiert. Die Krise hat uns gelehrt, dass das eine große Schwäche ist. Ein Viertel unseres produktiven Systems ist in die Brüche gegangen", kritisiert Camusso.

Steuerflucht, Korruption, Geburtenrückgang

Darüber hinaus wird es die künftige italienische Regierung mit vielen alten Problemen zu tun bekommen: Steuerflucht, Korruption und die langsame Justiz gehören ebenso dazu wie der massive Bevölkerungsrückgang. Angesichts vieler prekärer Arbeitsverhältnisse und einer hohen Jugendarbeitslosigkeit ist die Geburtenrate inzwischen auf einem historischen Tiefstand.

Die Abgeordnetenkammer des italienischen Parlaments | Bildquelle: dpa
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Welche Weichen wird die künftige italienische Regierung für die Wirtschaft stellen?

"Wir sind Arbeitnehmer auf Abruf. Das ist in Ordnung, wenn es darum geht in den Arbeitsmarkt einzutreten, wenn das die Möglichkeit einer Ausbildung bedeutet. Wir brauchen aber auch eine Politik, die wieder Hoffnung auf die Zukunft gibt", fordert die Expertin Caricasulo. Denn nur, indem man Hoffnung gebe, könne man Vertrauen und Stabilität schaffen.

Italien steht an einem Scheideweg. Noch lässt sich das Ruder herumreißen, meinen Experten, wichtig sei allerdings, dass die Wahlen nicht noch mehr Verunsicherung schaffen.

Italiens Wirtschaft vor der Parlamentswahl
Tassilo Forchheimer, ARD Rom
26.02.2018 11:25 Uhr

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