Neues Gesetz in Italien angeschoben Schluss mit dem süßen Nichtstun

Stand: 20.01.2016 06:13 Uhr

Ein Polizist meldet sich in Unterhosen zum Dienst, ohne dort aufzutauchen, Angestellte stempeln die Arbeitszeit für Kollegen ab - das süße Nichtstun wird vielerorts in Italien kultiviert. Blaumachen und Schwänzen soll nun schneller geahndet werden.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

Die Stadt San Remo ist in ganz Italien zu trauriger Berühmtheit gelangt, als Hauptstadt des "Dolce Far Niente", des süßen Nichtstuns im Öffentlichen Dienst. 195 von 528 städtischen Angestellten wurden beim Schwänzen erwischt. Die Videos der Finanzpolizei zeigen Mitarbeiter, die nicht nur die eigene Stempelkarte in das Lesegerät schieben, sondern auch die der abwesenden Kollegen. Ein offenbar alltäglicher Vorgang in San Remo, sagt die zuständige Staatsanwältin Giuseppa Geremia: "Das, was dieses rechtswidrige Verhalten, an das wir uns manchmal schon fast gewöhnt hatten, übertrumpft, ist die Häufigkeit, die Anzahl der überführten Personen und mit welcher Arroganz diese Leute vorgehen."

Noch so ein grobkörniges Überwachungsvideo aus San Remo: Ein Polizist, der in einer Wohnung über seiner Dienststelle wohnt, aktiviert kurz die Zeiterfassung und verschwindet wieder in den eigenen vier Wänden. Er macht sich nicht einmal die Mühe, Hosen anzuziehen und meldet sich in Unterhosen zum Dienst. Andere Angestellte werden in Sportklamotten erwischt, wie sie während der Dienstzeit ein Rudertraining absolvieren.

San Remos Bürgermeister Alberto Biancheri will gegen die Blaumacher in den Behörden entschlossen vorgehen. "Da wurde eine schlechte Gewohnheit, die sich in der Gemeinde eingebürgert hatte, an den Tag gebracht", erklärt er. "Wir haben viele, viele Fälle bereits aufgeklärt. Bei vielen anderen Fällen werden wir die Sache mit eiserner Hand  zu Ende führen."

Entlassen nach drei Monaten - ein Rekord

Gegen die Betrüger wurden Straf- und Disziplinarverfahren eingeleitet. Vier städtische Angestellte aus San Remo wurden nun entlassen - drei Monate, nachdem man sie beim Betrug erwischt hatte. Rekordtempo für italienische Verhältnisse, wo sich Arbeitsrechtsprozesse oft jahrelang hinziehen mit ungewissem Ausgang, selbst bei eindeutiger Beweislage. Von 7000 Disziplinarverfahren, die pro Jahr im Öffentlichen Dienst eingeleitet werden, enden nur 200 mit einer Kündigung.

Italiens Regierung bringt deshalb ein Gesetz auf den Weg, mit dem die Absenz vom Arbeitsplatz schnell und konsequent geahndet werden soll. "Wenn ich sehe", sagt Ministerin Marianna Madia, "wie jemand für jemanden anderes stempelt oder stempelt und dann zu einer anderen Arbeit geht oder nach Hause - bei einer erdrückenden Beweislage also - verlangt es die Ethik, dass diese Leute sofort, innerhalb von 48 Stunden ohne ein Gehalt nach Hause geschickt werden. Auch zum Schutz der Mehrheit der Angestellten im öffentlichen Dienst, die jeden Tag mit Hingebung und Kompetenz ihrer Arbeit nachgehen."

"Angriff auf Arbeitnehmer allgemein"

Innerhalb von 48 Stunden nach dem Vergehen sollen überführte Angestellte beurlaubt werden, gleichzeitig wird die Kündigung eingeleitet. Vorgesetzte, die das versäumen, werden selbst zur Rechenschaft gezogen. Das Maßnahmenpaket der Regierung gefällt den Gewerkschaften überhaupt nicht. Susanna Camusso, die Vorsitzende des größten italienischen Gewerkschaftsbundes, hält es für überflüssig. "Die Regeln gibt es schon", sagt sie. "Wenn nun neue Regeln verlangt werden, ist das Heuchelei und damit ein Angriff auf die Arbeitnehmer allgemein. Da wir Probleme haben, schießen wir uns auf irgendjemanden ein und lenken von unseren Problemen ab."

Wie sehr die Italiener das Thema beschäftigt, zeigt ein Blick ins aktuelle Kinoprogramm. Im Film "Quo Vado" werden die Unsitten der Verwaltungsangestellten sehr unterhaltsam, aber auch ziemlich schonungslos offengelegt. Es ist der erfolgreichste italienische Kinofilm aller Zeiten.

Italiens Regierung will gegen Faulpelze im öffentlichen Dienst vorgehen
T. Kleinjung, ARD Rom
20.01.2016 08:05 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Beitrag lief am 21. Januar 2016 um 10:26 Uhr auf NDR Info.

Darstellung: