Interview: "Die Medien müssen die Euro-Krise besser erklären"

Interview

Medienwissenschaftlerin im Interview

"Die Medien müssen die Euro-Krise besser erklären"

Seit Monaten kommt der Euro nicht aus den Schlagzeilen: Doch obwohl es bei den Hilfen um Milliardensummen geht, interessieren sich viele nicht mehr für die Entscheidungen. Die Medien müssten das Thema verständlicher erklären, fordert die Medienwissenschaftlerin Goderbauer-Marchner im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Der Bundestag hat der Aufstockung des Euro-Rettungsschirms zugestimmt. Wieder geht es um unvorstellbare Milliardensummen, für die im Ernstfall die Steuerzahler aufkommen müssen. Aber das Interesse der Menschen an der Euro-Krise lässt nach. Woran liegt das?

Gabriele Goderbauer-Marchner: Das Thema ist so sperrig, dass einige Menschen leider nur noch plakativen Thesen zugänglich sind - und das machen sich vor allem Boulevardmedien zu nutze. Übertriebene Schlagzeilen wie "Müssen wir Griechenland überhaupt helfen?", "Brauchen wir die Griechen überhaupt innerhalb der EU?" oder "Merkel ist in Griechenland schon ein Schimpfwort" kommen vielleicht gerade noch an. Aber darauf beschränkt sich das Interesse oft schon. Und hinzukommt: Themen, die sich über einen langen Zeitraum in den Medien halten, stoßen irgendwann auf weniger Interesse. Das gilt nicht nur für den Euro-Rettungsschirm.

 

alt Gabriele Goderbauer-Marchner (Bildquelle: Goderbauer-Marchner)

Zur Person

Gabriele Goderbauer-Marchner ist Professorin für Print- und Onlinejournalismus an der Bundeswehr-Uni München. Dort arbeitet sie im Studiengang Wirtschaft und Journalismus. Nach einem Zeitungsvolontariat war sie als Redakteurin tätig, ehe sie Politik- und Geschichtswissenschaft sowie Amerikanistik studierte.

tagesschau.de: Hängt dies auch damit zusammen, dass sich die Euro-Krise für die meisten ohne Bezug zu ihrem Leben abspielt? Schließlich geht es der "realen Wirtschaft" ja gut.

Goderbauer-Marchner: Sicherlich spielt es eine Rolle, dass Deutschland wirtschaftlich noch gut dasteht. Doch es gibt Prognosen, wonach sich in den kommenden anderthalb bis zwei Jahren das Blatt wirtschaftlich auch bei uns wieder wendet. Das schwindende Interesse an der Euro-Krise ist aus meiner Sicht vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das sich auch bei anderen Krisen zeigt. "Wir können ja ohnehin nichts machen" lautet eine weit verbreitete Meinung. Und das hat zur Folge, dass manche beschließen, nicht mehr zur Wahl zu gehen - oder aus Frust über die etablierten Parteien mit der Piratenpartei liebäugeln.

tagesschau.de: Wie können die Medien dann überhaupt die Menschen für komplexe Themen interessieren?

Goderbauer-Marchner: Indem sie die Kunst beherrschen, Kompliziertes einfach zu erklären. Das fällt vielen Wirtschaftsjournalisten schwer, weil sie in der Fachwelt beheimatet sind - und auch die entsprechenden Begriffe zu schnell übernehmen. Aus dieser Beengtheit müssen Wirtschaftsjournalisten - aber auch die Politikjournalisten - herauskommen. Es kann nicht sein, dass hier Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleibt, weil man die Distanz nicht wahren will.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass manche Fachjournalisten eher für die hauseigene Community oder das Konkurrenzmedienhaus schreiben. Aber das ist falsch. Man muss in erster Linie an die Verbraucher denken - dann wird es auch verständlich. Die Medien müssen die Euro-Krise besser erklären - und stärker herausarbeiten, was sich hier überhaupt abspielt.

tagesschau.de: Woran denken Sie?

Goderbauer-Marchner: Ein Beispiel im visuellen Bereich wäre, viel stärker als bisher Infokästen oder Grafiken aufzubereiten, wo klar gemacht wird, worüber im Bundestag abgestimmt wird. Am wichtigsten ist es aber, den Mut zu haben, auch mal wieder in Ruhe nachzudenken, wie sich ein Thema so verständlich wie möglich erklären lässt.

tagesschau.de: Halten Sie das Tempo der Berichterstattung für zu schnell, sodass die Menschen den Überblick verlieren?

Goderbauer-Marchner: Es kann nicht sein, dass um 12.50 Uhr eine Meldung veröffentlicht ist, fünf Minuten später schon die ersten Kommentare dazu auf der Homepage sind - und nach weiteren drei Stunden womöglich alles schon wieder relativiert wird. Der Trend zu diesem irren Tempo, den die Medienbranche antreibt, wird bumerangmäßig ins Negative umgekehrt, weil sich die Nutzer irgendwann abwenden.

Gleichzeitig sind aber immer mehr Menschen in sozialen Netzwerken unterwegs, die sie als Chance begreifen, mitreden zu können. Etwa über Twitter machen sie sich dann im Austausch mit anderen ihr eigenes Bild - jenseits der klassischen Medien.

Euroscheine und Münze
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Der Euro kommt nicht aus der Krise.

tagesschau.de: Reden Journalisten durch das Tempo der Berichterstattung die Schuldenkrise erst herbei?

Goderbauer-Marchner: Das kann man so nicht sagen. Es gibt bestimmt Themen, die heute durchs Dorf getrieben werden und von denen morgen kein Mensch mehr spricht. Der Journalismus neigt zum Superlativ. Bei der Euro-Krise ist das meiner Meinung nach aber anders. Die Frage, wie es innerhalb der EU ökonomisch weitergeht, wird uns noch über Jahre begleiten. Deshalb sollte man diesem Thema mehr Platz, mehr Sendeminuten einräumen - und nicht einfach schnell eine knackige Schlagzeile suchen.

tagesschau.de: Wer ist für die von ihnen skizzierten Entwicklungen - vor allem in den klassischen Medien - mitverantwortlich?

Goderbauer-Marchner: Das ganze Thema Qualitätsjournalismus hängt natürlich mit denjenigen zusammen, die die Medien wirtschaftlich lenken - Verleger, Herausgeber, Manager - und oft nur auf die finanzielle Seite schauen. Doch die Verantwortlichen müssen erkennen, wie wichtig es ist, dass zum wirtschaftlichen Erfolg eine glaubwürdige und seriöse Berichterstattung gehört. Es kann nicht sein, dass einige Redaktionen personell so heruntergefahren werden, dass Themen nur schlecht recherchiert werden. Der Rotstift trägt nicht zum Qualitätsjournalismus bei.

Das Interview führte Jörn Unsöld, tagesschau.de

Stand: 29.09.2011 18:06 Uhr

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