Hintergrund

Tassen mit Kampagnenslogans zur Leiharbeiterbezahlung | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Leiharbeiter in Deutschland Ausgenutzt und schlecht bezahlt

Stand: 20.02.2013 18:24 Uhr

Nicht erst durch Amazon ist Leiharbeit in Verruf geraten. Die Mitarbeiter auf Zeit werden oft ausgenutzt, schlecht bezahlt und mit der Hoffnung auf den "Klebeeffekt" hingehalten. Von dem Instrument, das ursprünglich ein "Wiedereinstieg ins Berufsleben" sein sollte, profitiert meist nur eine Seite.

Von Florian Pretz, tagesschau.de

Leiharbeit ist eine boomende Branche in Deutschland. Möglich gemacht hat das 2003 die damalige rot-grüne Bundesregierung im Zuge der Hartz-Arbeitsmarktreformen. Arbeitsminister Wolfgang Clement nannte Leiharbeit damals ein Instrument, "um den Arbeitsmarkt in Bewegung zu bringen".

Und in der Tat hat sich auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen zehn Jahren einiges verändert. Waren 2003 noch 328.000 Menschen als Leiharbeiter beschäftigt, ist ihre Zahl seitdem auf 908.000 (Stand Juni 2012) gestiegen. Im europäischen Vergleich ist das eine überdurchschnittliche Steigerung. Laut Bundesagentur für Arbeit sind etwa drei Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Leih- oder Zeitarbeiter. Knapp 70 Prozent von ihnen sind männlich.

Der Klebeeffekt als Motivation

Leiharbeiter werden meist auf Grundlage des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) beschäftigt, das seit 1972 in Kraft ist. Im Zuge der rot-grünen Arbeitsmarktreformen wurden die Regelungen gelockert, um kurzfristige Beschäftigung als Wiedereinstieg für Arbeitslose in den Job möglichst attraktiv zu machen. Der Plan dahinter: Wer als Leiharbeiter beschäftigt ist, kann sich im Unternehmen für einen festen Job empfehlen - der sogenannte Klebeeffekt.

Arbeitsbedingungen beim Online-Versandhaus Amazon
nachtmagazin 01:06 Uhr, 13.02.2013, Diana Löbl/ Peter Onneken, HR

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18.500 Vermittlungsagenturen

"Dieses Instrument hat nie funktioniert", sagt ver.di-Arbeitsmarktexperte Gerd Denzel. Weniger als jeder zehnte Leiharbeiter wird laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen. "Der Kleber klebt nicht richtig", so Denzel. Das liegt auch daran, dass die etwa 18.500 Vermittlungsagenturen mit Leiharbeitern gutes Geld verdienen. Sie sind häufig nicht daran interessiert, ihre Mitarbeiter zu verlieren.

Die größten Vermittler wie Randstad oder Adecco beschäftigen bis zu 65.000 Leiharbeiter. Packer, Sekretärinnen, aber auch Ingenieure werden von ihnen an andere Unternehmen "verliehen". Neben den Branchengrößen gibt es zahlreiche kleine Verleihbetriebe - rund 35 Prozent aller Verleiher haben weniger als 100 Mitarbeiter.

Arbeitsagenturen - Kontrolleur und Profiteur

Kontrolliert werden die Vermittler von der Bundesagentur für Arbeit (BA). Durch Stichproben sollen faire Arbeitsbedingungen garantiert werden. Doch laut ver.di-Arbeitsmarktexperte Denzel finden zu wenige Kontrollen statt. Er plädiert dafür, dem Zoll die Kontrollen zu übertragen. Denn die Arbeitsagenturen sind nicht nur dafür zuständig, die Verleihbetriebe zu überprüfen, sondern arbeiten oft auch mit ihnen zusammen. Die Vermittler sitzen meist in der Nähe der Agenturen, um Arbeitssuchende möglichst schnell zu erreichen.

Für Jobvermittler sei der Anreiz groß, in Zeitarbeit zu vermitteln, kritisiert deshalb auch BA-Personalrat Eberhard Einsiedler. Die Integration eines Arbeitslosen in die Zeitarbeit zähle genauso als Erfolg wie die direkte Vermittlung in ein Unternehmen. Zudem werde der Erfolg der einzelnen Agenturen auch an der Zahl der Integrationen gemessen.

Arbeitnehmerüberlassung Zeitarbeit Leiharbeit Werkverträge

Arbeitnehmerüberlassung wird auch Leiharbeit oder Zeitarbeit genannt. All diese Begriffe bezeichnen den Vorgang, dass ein Arbeitnehmer von seinem Arbeitgeber einem dritten Unternehmen zur Arbeitsleistung überlassen wird. Seit Dezember 2011 gilt ein neues Gesetz zur Arbeitsüberlassung, das die Ausbeutung der Leiharbeiter verhindern soll. Die Arbeitnehmerüberlassung im Rahmen der wirtschaftlichen Tätigkeit ist seitdem grundsätzlich erlaubnispflichtig und braucht eine Lizenz.

"Leiharbeit - ein Phänomen des Niedriglohnsektors"

In der Kritik steht jedoch nicht nur die Organisation der Leiharbeit, sondern auch einzelne Arbeitsverhältnisse. "Leiharbeit ist in hohem Maße im Niedriglohnsektor angesiedelt", sagt Professor Klaus Dörre von der Uni Jena. Der Arbeitssoziologe beschäftigt sich wissenschaftlich mit prekären Arbeitsverhältnissen. Leiharbeit begegnet ihm dabei jeden Tag.

Demonstration für faire Leiharbeit in der Metallindustrie | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Auch die Metall- und Elektroindustrie beschäftigt viele Leiharbeiter.

Besonders in der Logistikbranche und dem Dienstleistungsgewerbe hat er eine "strategische Nutzung" von Leiharbeit festgestellt. Das bedeutet, dass Leiharbeiter "dauerhaft im Betrieb sind, fast das Gleiche machen wie die Stammbelegschaft, dafür aber schlechter bezahlt werden und von heute auf morgen vor die Tür gesetzt werden können", erklärt Dörre.

Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass für viele Menschen eine Beschäftigung auf Zeit die einzige Alternative zur Erwerbslosigkeit ist. Nahezu jeder dritte Leiharbeiter hat keine abgeschlossene Berufausbildung und damit wenig Chancen auf ein reguläres Arbeitsverhältnis. Die im Vergleich zu Festangestellten oft schlechtere Bezahlung nehmen Leiharbeiter daher meist klaglos hin.

Für die leihenden Unternehmen ist die prekäre Ausgangssituation lohnend. Arbeitssoziologe Dörre hat einen Fall untersucht, bei dem die Auswirkungen deutlich werden.

Einsatz ohne Sicherheit

Bei einem Solarproduzenten arbeitete eine Gruppe von Festangestellten und eine Gruppe von Leiharbeitern in zwei verschiedenen Schichten im Akkord. Durch die hohe Arbeitsmotivation der Leiharbeiter erreichten sie ein höheres Soll. Die Festangestellten zogen nach, der Arbeitsdruck stieg. Am Ende der wissenschaftlichen Erhebung lag das Schichtergebnis beider Gruppen bei 170 Prozent.

"Der enorme Leistungsdruck ist auch mit Resignation verbunden", sagt Dörre. Denn im untersuchten Fall wurden die Leiharbeiter in der Absatzkrise entlassen - trotz ihres hohen Engagements. Durch die fehlende Perspektive hat Leiharbeit für Dörre deshalb Klassenbildungseffekte.

Ohne gesetzliche Gegenmaßnahmen hält er Leiharbeit mit fairer Bezahlung und einer Perspektive auf feste Beschäftigung für Wunschdenken. Zu groß sei die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte aus Ost- und Südeuropa, die mit großer Motivation auf den deutschen Arbeitsmarkt strömen.

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