Interview

Ein Jahr nach der Insolvenz Wie die Schlecker-Pleite den Markt verändert hat

Stand: 23.01.2013 16:34 Uhr

Vor genau einem Jahr beantragte Schlecker Insolvenz. Die Pleite die Drogeriemarktkette hat den gesamten Markt verändert, sagt Boris Hedde vom Institut für Handelsforschung. Im Interview mit tagesschau.de erklärt er, wie die Konkurrenten reagiert haben - und wer am meisten profitiert hat.

tagesschau.de: Wie hat die Schlecker Pleite den Drogeriemarkt in Deutschland verändert?

Boris Hedde: Die Schlecker-Pleite hat ein Riesenloch in den Markt hineingeschlagen. Es gibt wahrscheinlich wenige Branchen, die in den letzten Jahren so eine große Veränderung durchgemacht haben. Man muss sich vorstellen: Es werden ungefähr 25 Milliarden Euro insgesamt mit Drogeriewaren in Deutschland umgesetzt - und davon ist etwa jeder zehnte Euro bei Schlecker über die Ladentheke gegangen. Das ist ein Riesenpfund, das plötzlich im Markt fehlt.

alt Boris Hebbe | Bildquelle: ifhkoeln.de

Zur Person

Boris Hedde ist seit Ende 2009 Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung in Köln. Er beschäftigt sich seit fast zehn Jahren mit Marktforschung im Bereich Marke und Kommunikation.

tagesschau.de: Wer hat denn am meisten von der Schlecker-Pleite profitiert, wohin sind die Kunden abgewandert?

Hedde: Vor allen zu den direkten Wettbewerbern, die haben sich als erstes positioniert. DM, Rossmann, Budnikowsky und Co. sind sicherlich die größten Gewinner. Ungefähr 80 Prozent der Summe, die Schlecker umgesetzt hat, sind in diese Kanäle gewandert.

tagesschau.de: Und die anderen 20 Prozent?

Hedde: Die anderen 20 Prozent verteilen sich über den Markt. Es gibt ja verschiedene Vertriebskanäle: angefangen mit Supermärkten, Discountmärkten, Kaufhäusern, Apotheken bis hin zu Parfümerien oder Fachhändlern wie Naturkosmetikhändler. Sie alle wollen natürlich ihren Teil vom Kuchen abbekommen.

Aus diesem Kreis heraus hat sich neben den Drogeriemärkten ein zweiter großer Gewinner ergeben, das ist der Lebensmittel-Einzelhandel. Gerade Edeka, Rewe und andere selbstständige Unternehmer haben die Chance erkannt und ihr Sortiment und ihre gesamte Warenpräsentation in den Geschäften optimiert, um von den Kunden zu profitieren. Am Ende des Tages hat das gut geklappt.

tagesschau.de: Die Lebensmittel-Einzelhändler haben also aktiv versucht, sich einen Teil der Kundschaft zu sichern?

Logo der Drogeriekette Schlecker | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Um die Schlecker-Kunden in ihre Läden zu ziehen, entwickelten Einzelhändler eigene Taktiken.

Hedde: Absolut. Man hat sich überlegt: Wie gehe ich am besten strategisch vor? Das ist wie Schachspielen, könnte man fast sagen. Die Händler haben überlegt: Gut, ich bin in der Nähe von einem Schlecker-Laden, wie kann ich nun Kunden, die sonst immer zu Schlecker gegangen sind, an mich binden. Einige sind so vorgegangen, dass sie Manager von anderen Drogeriemärkten abgeworben haben. Andere haben eigene Marken gegründet. So sind spezielle Handelsmarken für Drogeriewaren entstanden, die nur der jeweilige Händler exklusiv anbietet. Eine Reihe Händler hat überlegt, wie sie das Sortiment zusammensetzen und in den Märkten anders präsentieren können. Bei diesem Schachspiel haben im Foodbereich bisher vor allem die selbstständigen Einzelhändler profitiert.

tagesschau.de: Schrumpft dann der Drogeriemarkt, weil ein Teil der Kunden zu Lebensmittel-Einzelhändlern abwandert?

Hedde: Das kann man nicht sagen. Zum einen wächst der Markt für Drogeriewaren nach Berechnungen unseres Instituts seit dem Jahr 2000 um jährlich 1,3 Prozent. Das entspricht in etwa derselben Wachstumsrate wie im Bereich der Ernährungsprodukte. Nun wird unsere Gesellschaft immer älter, hat einen großen Single-Anteil und insbesondere Männer beschäftigen sich heute - anders als bei früheren Generationen - immer intensiver mit Fragen der Kosmetik. Deswegen ist davon auszugehen, dass der Markt für Drogeriewaren in den nächsten Jahren weiter wachsen wird.

Das bedeutet wiederum Expansionschancen für alle Vertriebsformen und Händler. Am Ende werden jene Formate am erfolgreichsten sein, die die Kundenerwartungen am besten bedienen. Der Drogeriemarkt ist - ironischerweise auch gerade wegen Schlecker - heute fester Bestandteil der vom Durchschnittsdeutschen aufgesuchten Einkaufsstätten. Rein rechnerisch begibt sich der durchschnittliche Deutsche 15-mal im Jahr in einen Drogeriemarkt. Das wird sich so schnell nicht ändern.

Boris Hedde (Institut für Handelsforschung) zu den Auswirkungen der Schlecker-Pleite
tagesschau24 09:30 Uhr, 23.01.2013

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tagesschau.de: Mit Schlecker ist nun ein großer Wettbewerber vom Markt. Erwarten Sie auf dem Drogeriemarkt eine weitere Konzentration?

Hedde: Genau genommen sind mit der Insolvenz ja sogar zwei Wettbewerber vom Markt verschwunden: Schlecker und die dazugehörige Tochter IhrPlatz. Wir wissen, dass einige Investoren sich die Frage stellen, mit welchen Strategien in Deutschland am Drogeriemarkt verdient werden kann und wir sind sicher, dass sich weitere Formate ergeben werden - gerade auch im zunehmend wichtigen E-Commerce-Markt. Drogeriewaren werden im Vergleich zu Lebensmitteln weniger schnell schlecht und bieten sich deshalb gut für E-Commerce-Anbieter an.

IhrPlatz-Filiale | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Auch die Schlecker-Tochter IhrPlatz verschwand vom Markt.

Generell ist zu sagen, dass mit Schlecker nicht nur ein Drogerieanbieter verschwunden ist, sondern ein Händler, der in stadtfernen Standorten eine Nahversorgungsfunktion übernehmen wollte. Hier hat am Ende einfach eine unternehmensspezifische Strategie nicht funktioniert, so dass weniger ein Markteffekt als vielmehr ein unternehmensspezifischer Effekt zu diagnostizieren ist und schlussendlich damit nicht unbedingt von einem Konzentrationsprozess ausgegangen werden muss.        

tagesschau.de: Sie haben sich auch mit dem Image von Drogeriemärkten in Deutschland beschäftigt. Wie hat sich denn der Untergang der Marke Schlecker hier ausgewirkt?

Hedde: Das ist sehr spannend. Wir analysieren das schon seit Jahren, wie die Verbraucher die Drogeriemärkte bewerten. Man kann da fast eine Kurve sehen, die läuft konträr zueinander. Je schlechter es Schlecker beim Image ging und je mehr negative Nachrichten da auftauchten, umso mehr war natürlich auch die Marke vom Image her verloren. Und umso besser haben sich aber alle anderen entwickelt.

Man hätte ja unterstellen können: wenn der Branchenprimus vom Image her verliert, schlägt sich das auf die komplette Branche nieder. Wir sahen aber einen komplett anderen Effekt. Nämlich den, dass die Wettbewerber sich vom Image her umso besser positionieren konnten, je schlechter es Schlecker ging. Das ist sicherlich auch ein Grund, warum die direkten Wettbewerber danach so stark profitieren konnten.

Das Interview führte Katrin Prüfig, tagesschau24

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