Regenbogen über Häusern von London

Britische Konjunktur bisher robust Wirtschaft stemmt sich gegen Brexit-Schock

Stand: 27.10.2016 15:26 Uhr

Nach dem Brexit-Votum wurden einige Horrorszenarien für die britische Wirtschaft entworfen. Die Realität zeigt nun: Bisher erweist sich die Konjunktur als robust - vor allem wegen des Dienstleistungssektors. Heute verkündete dann Nissan eine gute Nachricht.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Der arg gebeutelte Pfund-Kurs machte am Londoner Devisenmarkt vor Freude einen kleinen Hüpfer nach oben, legte zum US-Dollar also an Wert zu. Der Grund dafür: Die britische Wirtschaft ist in den drei Monaten von Juli bis September um immerhin 0,5 Prozent gewachsen. Das ist zwar etwas weniger als im Quartal zuvor - da waren es 0,7 Prozent -, aber etwas besser als von den meisten Volkswirten erwartet, Brexit hin oder her.

"Bislang hat der Ausgang des EU-Referendums die Aktivitäten in der Wirtschaft nicht wesentlich beeinflusst", sagt Joe Grice, Chef-Volkswirt beim nationalen Statistikamt ONS. Zu verdanken ist das jüngste Konjunkturplus fast allein dem Dienstleistungssektor, dem wichtigsten Zweig der britischen Wirtschaft. Dagegen schwächelten im vergangenen Vierteljahr die Bauwirtschaft, die Landwirtschaft und das produzierende Gewerbe.

Ökonom Grice wagt keine Prognose, wie sich der Brexit langfristig auswirkt: "Dies ist nur das erste Kapitel in einem Buch, das ziemlich lang wird. Es ist das erste Quartal nach dem Referendum. Noch haben wir nicht Artikel 50 gezogen, noch haben wir nicht verhandelt mit der EU." Noch wisse niemand, wie die Story weitergehe.

Queen Elizabeth II. besuchte einen Supermarkt in Poundbury - einer Modellstadt nahe Dorchester. | Bildquelle: AFP
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Der Dienstleistungssektor ist extrem wichtig für Großbritannien - dazu zählt auch der Handel, den sich Queen Elizabeth II. in Poundbury aus der Nähe anschaute.

Minister verbreiten Optimismus

Optimismus zu verbreiten, ist in diesen unsicheren Brexit-Zeiten oberste Ministerpflicht. Das weiß auch Schatzkanzler Philip Hammond. In seinem Haushaltsentwurf Ende November, wird zumindest in London spekuliert, könnte er die Konjunktur etwa durch Investitionen in die Infrastruktur stützen.

Heute zeigte sich der Finanzminister erst mal zuversichtlich: "Ich bin sehr erfreut, dass sich unsere Wirtschaft mit einem starken Wachstum im dritten Quartal als belastbar erweist. Damit gehen wir aus einer Position der Stärke heraus in die Verhandlungen mit der EU."

"Ein klares Bekenntnis zu Großbritannien"

Hammond dürfte noch mehr gestrahlt haben, nachdem er die Nachricht von Nissan gehört hat: Der japanische Autobauer hat just versprochen, zwei neue Pkw-Modelle in seinem Werk in Sunderland im Nordosten Englands herzustellen. Diese Fabrik steht für ein Drittel der britischen Automobilproduktion. Die Entscheidung sichert etwa 7000 Arbeitsplätze.

Ein Nissan-Arbeiter im britischen Sunderland | Bildquelle: AFP
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Nissan sichert Tausende Stellen in Sunderland.(Archivbild 2014)

Darüber ist auch Premierministerin Theresa May hoch erfreut: "Diese Investition von Nissan ist ein klares Bekenntnis zum Standort Großbritannien und zeigt die Stärke unserer Wirtschaft. Wir konnten Nissan und anderen demonstrieren, dass wir entschlossen sind, den bestmöglichen Deal in den Verhandlungen mit der EU zu erreichen."

Noch ist offen, ob Großbritannien nach dem Brexit im EU-Binnenmarkt bleibt. Und wenn nicht, wie der Zugang zum europäischen Markt geregelt wird - also ob etwa Zölle auf den Import und Export von Autos anfallen.

Wie wird die Notenbank entscheiden?

Welche Kompensationen die Londoner Regierung Nissan für diesen Fall zugesagt hat, ist unklar. Es komme aber in den Verhandlungen mit der EU nicht allein auf die Industrie an, sagt Angus Armstrong vom Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung: "Entscheidend ist, welche wirtschaftlichen Beziehungen wir künftig mit Europa haben - insbesondere im Dienstleistungssektor, der acht von zehn Menschen hierzulande beschäftigt."

Unwahrscheinlicher wird nach den jüngsten robusten Konjunkturdaten, dass die Bank of England in der kommenden Woche erneut die Zinsschraube lockert. Im August hatte sie den Leitzins noch auf 0,25 Prozent gesenkt, um Banken, Unternehmen und Verbraucher zu stützen. Jetzt aber dürfte Notenbank-Chef Mark Carney erst einmal die Füße still halten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Oktober 2016 um 17:41 Uhr

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Stephanie Pieper, RBB

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