Griechenlands Probleme beim Steuereintreiben Tausende Millionäre sind offiziell bettelarm

Stand: 26.11.2012 14:37 Uhr

17.000 Verdächtige hat die griechische Steuerfahndung im Visier. Sie alle müssen jetzt Rechenschaft darüber ablegen, woher das viele Geld stammt, das sie auf Auslandskonten überwiesen haben. Der Vorgang steht symbolisch für die traditionell schlechte Steuerzahlmoral an der Ägäis.

Von Thomas Bormann, ARD-Hörfunkstudio Istanbul, zurzeit Athen

Die griechischen Steuerfahnder haben bislang nur die Initialen des mutmaßlichen Steuersünders bekanntgegeben: B. I. Er hat in seiner Steuererklärung angegeben, nicht ganz 500 Euro im Monat zu verdienen - das reicht knapp zum Überleben. Gleichzeitig hat er aber fast 20 Millionen Euro auf sein Privatkonto ins Ausland überwiesen.

Bis zum 8. Dezember muss B. I. nun nachweisen, dass all die Millionen aus legalen, versteuerten Quellen kommen, sonst muss er die Steuern nachzahlen und ordentlich Strafe bezahlen, wenn nicht sogar in Haft. B I ist kein Einzelfall: Insgesamt haben die griechischen Steuerfahnder 17.000 Verdächtige im Visier, die ihre hohen Auslandsüberweisungen rechtfertigen müssen.

Teure Jachten im Hafen von Neo Faliro (Bildquelle: picture alliance / ANE)
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Sinnbild für immensen privaten Reichtum, der nicht mit dem Staat geteilt werden will: Jachten im Hafen Piräus

"Steuerverwaltung wirkungslos"

"Das gesamte griechische Problem lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Besteuerung“, sagt Yannis Monogios vom unabhängigen Athener Forschungsinstitut KEPE.

Doch auch wenn die griechischen Steuerfahnder jetzt ernst machen mit der Jagd auf Steuerhinterzieher - sie werden bei weitem nicht alle erwischen, da ist sich Yannis Monogios sicher: "Steuerhinterziehung hat eine gewaltige, ungeheuerliche, enorme Dimension in diesem Land erreicht. Und wissen Sie warum? Weil das Steuersystem nicht funktioniert. Die Steuerverwaltung ist wirkungslos. Die griechischen Bürger haben viel mehr Anreize, Steuergesetze zu umgehen, als sie zu befolgen."

Jedes Jahr Milliarden Euro hinterzogen

Die Steuerehrlichkeit ist in Griechenland in der Tat sehr niedrig. Jahr für Jahr entgehen dem griechischen Staat Dutzende Milliarden Euro, weil vor allem die Wohlhabenden kaum Steuern zahlen. Unternehmer und Freiberufler, Ärzte und Anwälte haben nach wie vor viele Möglichkeiten, Steuern zu umgehen.

Die Arbeitnehmer hingegen zahlen auch in Griechenland ehrlich und pünktlich ihre Steuern, denn bei ihnen wird die Steuer gleich vom Lohn abgezogen und direkt an das Finanzamt überwiesen.

Steuergerechtigkeit schwer herzustellen - wusste schon Platon

Der Experte Monogios hat an der Wand hinter seinem Schreibtisch seinen Lieblingsspruch hängen, in schwarz auf weiß gedruckt auf einem DIN-A5-Blatt im Querformat. Ein Zitat des großen Philosophen Platon aus der Antike, der schon vor 2400 Jahren warnte: Wenn wir eine Steuer auf das Einkommen erheben, dann wird der ehrliche Mann viel zahlen und der unehrliche wenig.

"Die Wahrheit ist: All diese philosophischen Grundsätze, die unsere eigenen Urururgoßväter entwickelt haben, befolgen wir in unserer Zeit nicht. Das ist die wirkliche griechische Tragödie", meint Monogios. "Wir Griechen sind berüchtigt dafür, schneller Geschichte zu schreiben, als aus der Geschichte zu lernen."

Platon-Statue (Bildquelle: picture alliance / ANE)
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Platon ersann nicht nur das Höhlengleichnis, er wusste auch um die Fallstricke der Steuergerechtigkeit.

Steuerverwaltung aufbauen dauert noch

Die Lektion für Griechenland lautet: flächendeckend eine funktionierende Steuerverwaltung aufbauen. Das wird noch Jahre dauern. Und es wird sogar noch Jahrzehnte dauern, all die Milliardenschulden zurückzuzahlen, die sich in Griechenland letztlich wegen nicht gezahlter Steuern aufsummiert haben. Das wird schmerzhaft und teuer - nicht nur für die heute lebenden Griechen, sondern auch für die kommenden Generationen und möglicherweise auch für die Nachbarn in den anderen Euro-Ländern bis hin zu den Deutschen.

Denn falls doch noch ein Schuldenschnitt für Griechenland kommt, dem Land also ein Teil der Hilfskredite erlassen wird, dann müssten auch die deutschen Steuerzahler einspringen und die Lücken schließen helfen, die griechische Steuerhinterzieher in den letzten Jahrzehnten verursacht haben.

Dieser Beitrag lief am 26. November 2012 um 06:35 Uhr im Deutschlandfunk.

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