Ein Bauer versprüht auf einem Feld ein Pestizid | Bildquelle: dpa

Umstrittenes Pflanzenschutzmittel Glyphosat - krebserregend oder nicht?

Stand: 17.05.2016 12:15 Uhr

Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ist umstritten und fast überall zu finden: in Milch, Getreide und Bier. Die internationale Krebsagentur hält es für wahrscheinlich krebserregend, das Bundesamt für Risikobewertung verneint das. Wie kann das sein?

Von Werner Eckert, SWR

Glyphosat ist die am häufigsten angewendete Chemikalie auf Deutschlands Äckern. 40 Prozent der Flächen werden damit behandelt. Rund 5500 Tonnen des Unkrautvernichters werden jedes Jahr versprüht - überwiegend in der Landwirtschaft, aber auch in privaten Vorgärten, auf städtischen Grünflächen und entlang der Bahngleise.

Der Wirkstoff selbst und einige Stoffe, die dem verkaufsfertigen Spritzmittel zugesetzt werden, sind umstritten. Die internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend ein, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit verneint das. Jetzt entscheidet die EU darüber, ob die Zulassung des Stoffes verlängert wird.

Mehrere gefüllte Bierkrüge.
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Glyphosat ist fast überall nachweisbar: auch in Bier, Wasser und Milch.

Glyphosat findet sich fast überall

In Deutschland gibt es zwei Hauptanwendungen: Zum einen wird damit alles Grün auf Äckern abgetötet, in die ein Bauer ohne zu pflügen Getreide säen will. Zum anderen kann man mit Glyphosat kurz vor der Ernte dafür sorgen, dass alle Halme absterben und die Körner trocken und lagerfähig sind. Beides ließe sich auch anders erreichen, aber unterm Strich würde das laut eigener Auskunft für die Branche fünf bis zehn Prozent Ertragsrückgang bedeuten.

In den vergangenen Jahren wurde die Verwendung allerdings schrittweise eingeschränkt. Das hat vor allem mit dem Streit über die möglichen Gefahren zu tun - aber auch damit, dass der massive Einsatz eines einzigen Wirkstoffes schon zu Resistenzen bei vielen Wildkräutern geführt hat.

Glyphosat ist fast überall nachweisbar: in Wasser, im Urin von Tieren und Menschen sowie in Getreide - und in der Konsequenz auch in Verarbeitungsprodukten wie Bier.

Stichwort: Glyphosat

Glyphosat ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phosphonate. Es ist Hauptbestandteil verschiedener am Markt erhältlicher Unkrautvernichtungsmittel. Pflanzenschutzmittel, die Glyphosat enthalten, gehören zu den weltweit am häufigsten verwendeten Herbiziden. Pflanzen nehmen Glyphosat durch ihre Blätter und andere grüne Pflanzenteile auf. Glyphosat blockiert die Produktion bestimmter Aminosäuren, die wichtig für das Wachstum der Pflanzen sind. Während die Internationale Behörde für Krebsforschung (IARC), eine Unterorganisation der WHO, in einer neuen Bewertung zum Schluss kommt, das Glyphosat für den Menschen wahrscheinlich krebserzeugend ist, ergaben zuvor andere Studien - wie die der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) - keine Hinweise darauf. 2015 kritisierten 96 Wissenschaftler aus 25 Ländern die Ergebnisse der EFSA-Studie, und forderten die Europäische Kommission auf, "das fehlerhafte Ergebnis der EFSA zu Glyphosat bei Ihrer Formulierung der Umwelt- und Gesundheitspolitik in Bezug auf Glyphosat außer Acht zu lassen und eine transparente, offene und glaubwürdige Prüfung der wissenschaft­lichen Literatur zu verlangen".

Häufige Verwendung in Nord- und Ostdeutschland

In Nord- und Ostdeutschland wird die Chemikalie häufiger verwendet als im Süden der Republik. Das scheint sich auch in den Gehalten der Biermarken widerzuspiegeln, wie eine Untersuchung kürzlich gezeigt hat. Allerdings sind die Konzentrationen in allen Fällen sehr niedrig. Der Grenzwert für diesen Wirkstoff in Wasser ist nämlich aus guten Gründen extrem niedrig festgelegt. Im Bier ist eine Milliarde mal mehr Alkohol als Glyphosat drin. Und Alkohol ist definitiv krebserregend.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Agentur für Verbraucherschutz (EFSA) sind der Auffassung, dass Glyphosat - ordnungsgemäß angewandt - keine Gefahr darstellt. Anders sieht das die Internationale Behörde für Krebsforschung, die eine Unterorganisation der WHO ist. Sie stufte den Wirkstoff als "wahrscheinlich krebserregend" ein - so wie Rindfleisch, Mate-Tee oder die ständigen Haarschnipsel, denen Friseure ausgesetzt sind.

Unterschiedliche Herangehensweisen

Ein Widerspruch, der aber zum Teil zumindest durch die unterschiedliche Herangehensweise der Institutionen erklärbar ist. Die IARC beurteilt die grundsätzliche Fähigkeit eines Stoffes oder einer Substanz Krebs auszulösen. Das BfR prüft, ob bei normalem Gebrauch im Alltag mit zusätzlichen Krebsfällen zu rechnen ist. Jetzt hat auch ein gemeinsamer Ausschuss der Weltgesundheitsorgansation (WHO) und der Welt-Ernährungsorganisation (FAO) noch ein Gutachten vorgelegt. Auch er hält Glyphosat für wahrscheinlich nicht krebserregend im Alltag.

Unabhängig vom Risiko für Menschen, ist der flächendeckende Einsatz von Glyphosat ein großes Problem für die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft. Und es besteht auch das hohe Risiko, dass Pflanzen resistent gegen diesen Stoff werden. In den USA gibt es bereits zahlreiche sogenannte "Superweeds", die nicht mehr bekämpft werden können und ein großes Problem für Bauern darstellen.

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