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Lehramt-Studenten (Bildquelle: dpa)

Generation Y krempelt Arbeitsmarkt um Spaß, Selbstverwirklichung und Yoga

Stand: 06.09.2013 16:52 Uhr

Eine neue Generation revolutioniert den Arbeitsmarkt. Sie wollen sich im Job nicht langweilen, ein bisschen die Welt verbessern, und das Gehalt soll auch stimmen. Die Generation Y stellt Arbeitgeber vor Herausforderungen - und kann es sich leisten.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Dass eine junge, karriereorientierte Frau im Vorstellungsgespräch lieber nicht über ihren Kinderwunsch spricht, ist doch klar. In der Arbeitswelt von gestern. Katrin Fröbisch, 30 Jahre alt, gehört aber einer neuen Arbeitswelt an. Und in der ist für junge, qualifizierte Bewerber so ziemlich alles möglich. Für die Personalreferentin der Audi AG war es deshalb selbstverständlich, bei ihrer Bewerbung abzuklären, wie es um Teilzeitmodelle und flexible Arbeitszeiten steht. Sie will Karriere machen, sich weiterentwickeln, ins Ausland gehen - und sie will Familie.

Katrin Fröbisch
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Katrin Fröbisch will Karriere und Familie unter einen Hut bekommen.

Katrin Fröbisch gehört einer Generation von hochqualifizierten Nachwuchskräften an, die fordernder und selbstbewusster auftreten als frühere Generationen. Jugendforscher und Soziologen haben ihnen das Etikett "Generation Y" gegeben. Der Buchstabe Y klingt englisch ausgesprochen wie das Wort "Why", zu deutsch: "Warum?" Denn der Generation Y, den zwischen 1980 und 2000 Geborenen, sagt man nach, sie würden alles hinterfragen und in ihrem Beruf in erster Linie nach Sinn suchen.

Eine Reihe von Studien belegt das. Vor allem das Thema Work-Life-Balance rangiert ganz oben: 60 Prozent der jungen Akademiker sieht eine gesunde Balance von Freizeit und Beruf als wichtigstes Karriereziel, wie die Universum Young Professional Survey herausgefunden hat. Die Umdiedreißigjährigen sind nicht mehr bereit, für die Karriere ihr Leben zu opfern. Spaß an der Arbeit, intellektuelle Herausforderung, Verantwortung und Gestaltungsspielräume stehen ganz oben auf ihrer Prioritätenliste. Auch soziale und gesellschaftliche Verantwortung ihres Arbeitgebers ist ihnen wichtig. Weit abgeschlagen: Status und Prestige, wie eine Studie des Berliner Trendence-Instituts ergab.

Keine "Null-Bock-Generation"

"Das heißt aber nicht, dass sie weniger leisten", sagt der Audi-Personalvorstand Thomas Sigi. Während die Ypsiloner in manchen Medien als "Generation Weichei" oder "Null-Bock-Generation" betitelt wurden, stellt er genau das Gegenteil fest: "Diese jungen Leute sind zwar sehr anspruchsvoll, aber auch sehr engagiert. Wenn sie merken, dass man sich ihrer Themen annimmt, sind sie zu sehr hohem Einsatz für das Unternehmen bereit." Die Audi AG nimmt sich des Themas schon seit längerem an: Es gibt rund 200 verschiedene Arbeitszeitmodelle, unternehmenseigene Kinderbetreuung, Auszeiten für die Pflege von Angehörigen, Sabbaticals und vieles mehr.

Und das zahlt sich aus: Wenn es keine Teilzeitmodelle für junge Eltern gäbe, hätte Katrin Fröbisch sich vermutlich nicht für Audi entschieden. Vorher arbeitete sie für eine Unternehmensberatung in München. Doch die Unternehmenskultur dort gefiel ihr nicht: Arbeiten am Wochenende war keine Seltenheit, hinzu kam das Gefühl, ihr Arbeitsplatz sei nicht sicher, weil ihre Arbeitsbereiche nach und nach ins Ausland verlagert wurden. Grund genug, sich nach einem neuen Arbeitgeber umzusehen. "Im Vergleich zu früheren Generationen ist die Generation Y heute wählerischer", sagt der Headhunter Sebastian Rattunde von Alto Partners Deutschland. "Wer unzufrieden mit seinem Job ist, sagt sich nicht mehr, 'da muss ich halt jetzt durch'. Wenn ein Job nicht hält, was er verspricht, sucht man sich heute schneller etwas anderes." Denn die Ypsiloner wüssten ja, dass sie sich nicht mit dem erstbesten Job zufrieden geben müssen. Das hebt die Ansprüche.

Unter Personalern herrscht Verunsicherung

Thomas Sigi
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"Auf die Anforderungen der Generation Y einzuegehen, zahlt sich aus", sagt Audi-Vorstand Sigi.

Um beim Kampf um den qualifizierten Nachwuchs nicht ins Hintertreffen zu geraten, versuchen die Audi AG und andere Großkonzerne, sich auf die Anforderungen der Generation Y einzustellen. Das könnte die Arbeitswelt nachhaltig verändern. Beim Chemiekonzern BASF entsteht gerade ein eigenes Zentrum für Work-Life-Management, in dem es Kinderbetreuung, Yoga-Kurse und Sozialberatung geben wird. Konzerne wie Daimler, Siemens oder KPMG spendieren Sprachkurse, veranstalten Bewerbermessen im Internet und verbessern ihre Arbeitszeitmodelle.

All das sei eine Herausforderung für ein Unternehmen, die auch nicht ganz ohne Reibung ablaufe, räumt Audi-Vorstand Sigi ein. Bei allen Angeboten, die Audi seinen Mitarbeitern mache, müssten natürlich auch die Unternehmensinteressen berücksichtigt werden. "Der richtige Zeitpunkt für ein Sabbatical ist sicher nicht mitten in einem laufenden Projekt." Dennoch zahle es sich für sein Unternehmen aus, auf die Ansprüche der neuen Generation einzugehen, sagt Sigi. "Schließlich bleiben wir dadurch für den Nachwuchs attraktiv."

Doch unter den Personalern herrscht auch eine große Verunsicherung. "Sie sind irritiert vom Auftreten dieser selbstbewussten Generation, der es in ihrer Wahrnehmung vor allem um die eigenen Freiräume geht", sagt Sebastian Rattunde. Seine Unternehmensberatung arbeitet mit vielen mittelständischen Unternehmen zusammen. "Gerade diesen Firmen macht die neue Entwicklung Sorge. Denn die Bewerber, die jetzt auf den Arbeitsmarkt strömen, erscheinen ihnen unberechenbar." Die Personaler seien noch geprägt von der Auffassung 'Lehrjahre sind keine Herrenjahre' und reagierten mitunter perplex auf hohe Gehaltsforderungen von Berufsanfängern, die gerade frisch von der Uni kämen. "Gleichzeitig befürchten sie, hier eine wichtige Entwicklung zu verschlafen. Für ein Familienunternehmen mit 1000 Angestellten ist es eben nicht so leicht, Unternehmenskitas oder Fitnessräume anzubieten."

Rosige Zeiten für den Nachwuchs

Junge Menschen (Bildquelle: a (Dölling))
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Nicht mehr Bewerber, sondern Unternehmen sind nun Bittsteller.

Für den Nachwuchs scheinen rosige Zeiten angebrochen zu sein. Das Verhältnis auf dem Arbeitsmarkt kehrt sich allmählich um: Nicht mehr die Bewerber sind Bittsteller, sondern die Unternehmen. Wegen des demografischen Wandels wird das Angebot an Arbeitskräften immer kleiner. In vielen Branchen herrscht schon jetzt Fachkräftemangel. Nach einer Modellrechnung des staatlichen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung werden sich bis 2025 die Arbeitskräfte zwischen 15 und 65 Jahren um 6,7 Millionen verringern. Schon ist die Rede von künftiger Vollbeschäftigung. Und auch um den schlecht qualifizierten Nachwuchs werden sich Firmen künftig stärker bemühen, prognostizieren Wirtschaftswissenschaftler.

Doch es gibt auch Skeptiker. Klaus Dörre, Professor für Arbeitssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, glaubt noch nicht an die schöne neue Arbeitswelt. "Sicherlich ist in all dem eine Spur von Wahrheit." Aber die Entwicklung treffe sicher nicht auf eine ganze Generation zu. "Es mag sein, dass sich Ingenieure oder Informatiker den Arbeitsplatz aussuchen können. Aber bei hochqualifizierten Geisteswissenschaftlern herrschen nach wie vor prekäre Zustände." Gerade beim Übergang von Ausbildung oder Studium zum Beruf seien viele zunächst mal von Arbeitslosigkeit betroffen oder hangelten sich von einem schlecht bezahlten Werkvertrag zum nächsten. "Darüber hinaus ist ein großer Teil Unterdreißigjährigen noch immer ohne Ausbildung." Und gerade bei den atypischen Beschäftigungsverhältnissen, also Minijobs, Leiharbeit oder Teilzeit, habe der Anteil der 18-24-Jährigen überdurchschnittlich zugenommen.

Auch Chancen für schlecht Qualifizierte

Dass es sich bei der Generation Y keineswegs um eine ganze Generation von Gewinnern handelt, bestätigt auch der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Er schätzt den Anteil derer ohne Abschluss und mit schlechten Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt auf etwa ein Fünftel. Vor allem junge Männer seien darunter. Doch auch diese Quote sinkt stetig. Und vielleicht wird es in der Arbeitswelt von morgen ja auch für die Geringqualifizierten wieder eine Chance geben. Schon jetzt haben Unternehmen wie BASF oder Porsche Programme für Jugendliche ohne Abschluss aufgelegt.

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