Stahlblechrollen | Bildquelle: dpa

G20 und der Welthandel Allianz der Protektionisten

Stand: 05.07.2017 14:14 Uhr

Deutschland ist Exportweltmeister und will weiter wachsen - so wie andere Länder auch. Deswegen ist der globale Handel ein Schwerpunktthema beim G20-Gipfel. Allerdings stottert die Globalisierung.

Von Alexander Drost, tageschau.de

Die Bundesrepublik ist eine Exportnation. Fast jeder vierte Job hierzulande hängt an der Weltwirtschaft. Deutschland hat also ein großes Interesse, dass hiesige Firmen ihre Güter und Dienstleistungen möglichst ungehindert durch Handelsschranken exportieren können. Doch Begriffe wie "Freihandel" und "Handelsabkommen" sind zuletzt auf vielen Ebenen in einen schlechten Ruf geraten.

Die Welt driftet auseinander

Die Briten wollen raus aus der EU, das TTIP-Abkommen mit den USA - 2016 wichtigster Absatzmarkt für deutsche Produkte - ist geplatzt und US-Präsident Donald Trump will an der Grenze zwischen den USA und Mexiko eine Mauer bauen.

Das sind nur einige Beispiele, die illustrieren, dass die Welt politisch und wirtschaftlich auseinander driftet.

Schweizer Wissenschaftler haben vergangenes Jahr herausgefunden, dass die Zahl von Zollbarrieren und Einfuhrbegrenzungen steigt. Demnach haben sich die Handelsbeschränkungen global innerhalb weniger Jahre verdoppelt. Es gibt also einen eindeutigen Trend zum Protektionismus - nicht nur in den USA.

Reflektierendes Kunstobjekt an m Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko | Bildquelle: AFP
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Nur mit einer spiegelnden Folie ist die Grenze zwischen den USA und Mexiko durchlässig.

Unbeliebte Einfuhren

Auch die Europäische Union schützt sich vor unbeliebten Einfuhren, etwa bei Agrarprodukten. Bei Einfuhren aus den USA erhebt die EU Spitzenzölle von bis zu 25 Prozent. Der deutsche Zoll sagt dazu, dass der Zweck dieser Zölle der Schutz des Preisniveaus für landwirtschaftliche Erzeugnisse in der EU sei.

Soweit weg ist diese Begründung damit gar nicht von Trumps Position, der immer wieder betont, dass er sich als Verteidiger der Interessen amerikanischer Landwirte sieht.

Die amerikanische Stahlindustrie will Trump ebenfalls stärken. Das dürfte den Europäern selbst gar nicht so fremd vorkommen. Ende vergangenen Jahres hatten rund 15.000 Stahlarbeiter aus ganz Europa in Brüssel für einen besseren Schutz ihrer Arbeitsplätze demonstriert. Die EU reagierte und beschloss neue Anti-Dumping-Zölle, um den europäischen Markt besser gegen günstige Stahlimporte aus China zu schützen. Das Argument: Nur durch unzulässige Subventionen aus Peking könne China den Stahl so günstig herstellen.

Ein chinesischer Arbeiter vor einem Stapel von Stahlrohren. | Bildquelle: REUTERS
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Subvention führt zu Subvention - der Streit um chinesischen Stahl ist ein Beispiel dafür.

Auch die EU setzt Subventionen ein

Wenn die EU also so argumentiert, warum wird dann Trump belächelt, wenn er die Produktion von iPhones von China in die USA verlagern will? Denn aus amerikanischer Sicht könnte ein Stundenlohn von umgerechnet 1,60 US-Dollar beim chinesischen Apple-Zulieferer Foxconn auch als unzulässige Subvention betrachtet werden.

Übrigens haben die Europäer im Subventionsstreit zwischen Airbus und Boeing vor wenigen Monaten eine Niederlage vor der Welthandelsorganisation WTO erlitten, weil die EU staatliche Zuschüsse für Airbus nicht ausreichend zurückgefahren haben soll. Fairerweise muss hier aber auch erwähnt werden, dass Boeing vergangenen Monat ebenfalls einen Rüffel der WTO kassiert hat. In ihrem Urteil stellte die WTO fest, dass die USA ebenfalls illegale Subventionen an den US-Flugzeugbauer gezahlt hat. Allerdings - so die WTO - schadeten die meisten Zuwendungen kaum den Interessen der EU.

Und noch ein Beispiel aus der Vergangenheit: der Kohlepfennig. Mit ihm wurde zwischen 1974 und 1995 in Deutschland der Steinkohleabbau finanziert, weil er ohne diese Abgabe gegenüber dem Ausland nicht konkurrenzfähig gewesen wäre. Auch Trump will die US-Kohleindustrie unterstützen.

Globalisierung ist rückläufig

Offensichtlich schützen sich zunehmend Staaten weltweit vor den wirtschaftlichen Vorteilen anderer Länder. Zwei Studien - eine von der DZ Bank und eine von der Bertelsmann-Stiftung (Globalisierungsreport 2016) - belegen das. Beide Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass der Grad der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtung rückläufig ist.

Dazu haben die Forscher die Direktinvestitionen der Industrieländer in Schwellenländern, zum Beispiel China und Brasilien, unter die Lupe genommen. Das Ergebnis war, dass die Investitionen stagnieren.

#kurzerklärt: Was ist Globalisierung?
nachtmagazin 00: 15 Uhr, 10.04.2017, Demian von Osten, WDR

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Zu den Folgen sagte Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ-Bank, dem Sender Deutschlandfunk Kultur: "Das heißt letztendlich, dass einfach der große Schub der Globalisierung vorbei zu sein scheint, und damit natürlich auch der große Wachstumsschub, der uns durch die Globalisierung erlangt hat, etwas geringer geworden ist."

Exportzahlen waren bei der Untersuchung eine weitere Kennziffer. Da sei Deutschland zwar noch immer eine positive Ausnahme, aber unter dem Strich gehe global betrachtet die Dynamik bei den Ausfuhren deutlich zurück.

Emanzipation als Wachstumsmotor

Ein Grund für die nachlassende Dynamik liegt nach Angaben der Wissenschaftler in den Schwellenländern selbst. Die würden sich immer mehr emanzipieren, seien nicht mehr die Billiglohnländer, die sie mal gewesen wären. Und diese Schwellenländer konzentrierten sich verstärkt auf ihre Binnenkonjunktur, würden also zusehen, dass sie nicht mehr alles exportieren, sondern ihre Produkte und Dienstleistungen im eigenen Land verbreiten.

China ist dafür ein gutes Beispiel. In seinem Fünfjahresplan entschied der nationale Volkskongress im März 2016, dass der Fokus auf den Export verringert und die Binnenkonjunktur gestärkt werden soll. Nicht mehr die Schwerindustrie, sondern der Dienstleistungssektor soll demnach wachsen.

Das macht sich auch in Europa bemerkbar - ganz direkt bei den großen Reedereien, die bereits einen Teil ihrer Verkehre zwischen Asien und Europa einstellen mussten, weil die entsprechenden Warenströme dünner geworden sind.

Download und 3D-Drucker

Das wiederum hat auch damit zu tun, dass sich die Industrie wandelt - Stichwort "3D-Drucker". Adidas will nach eigenen Angaben in Deutschland Sportschuhe mithilfe des 3D-Drucks fertigen. Derzeit kommen die Schuhe des Konzerns vor allem aus Fabriken in Asien.

Auch Airbus setzt bei Titanbauteilen auf die Technik. Die "gedruckten" Komponenten werden für die Verbindung von der Kabineneinrichtung mit dem Rumpf verwendet. Der 3D-Druck macht es Unternehmen also möglich, ihre benötigten Produkte direkt dort herzustellen, wo sie gebraucht werden. Schiffe und Lkw sind dann nicht mehr notwendig.

Der Trend geht darüber hinaus dahin, vermehrt Datenpakete statt Waren um die Welt zu schicken. Die Musikindustrie macht es vor. Früher wurden CDs weltweit transportiert - heute gibt es im Internet Streamingdienste.

Ein Auto mit 3D-Chassis
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Chinesisches Auto aus dem 3D-Drucker : Drei Tage dauert es, das Chassis auszudrucken.

Schwellenländer nicht abschotten

Laut der Bertelsmann-Studie entfielen zuletzt die niedrigsten Gewinne aus der Globalisierung auf die Schwellenländer Brasilien, Russland, China und Indien. Das vergleichsweise schlechte Abschneiden liege zum Teil an Handelsrestriktionen. Die Experten appellieren daher an die Industriestaaten, ihre Märkte für Produkte aus weniger entwickelten Ländern zu öffnen, damit diese - sofern sie es wollen - zumindest die Möglichkeit bekommen, ihre Produkte zu exportieren.

Ein erster Schritt ist, dass zum 1. Oktober dieses Jahres wesentliche Elemente der EU-Zuckermarktordnung entfallen. Mit dem Wegfall müssen Zuckerproduzenten sowie Zuckereinkäufer ab Herbst am Weltmarkt agieren. Die bisherige Regelung führte dazu, dass Deutschland 2016 noch 95 Prozent seines Zuckerbedarfs selbst gedeckt hat.

Zuckerrüben | Bildquelle: dpa
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Für die Zuckerproduzenten dürfte der Wettbewerb bald härter werden.

Wann Agrarprodukte subventionsfähig sind

Außerdem fordern die Forscher, dass die Industriestaaten ihre Subventionen für Agrarprodukte abbauen sollen, um die Schwellen- und Entwicklungsländer besser in die Weltwirtschaft zu integrieren. Für die EU war die Lufthansa-Cateringtochter LSG zum Beispiel in der Vergangenheit förderungswürdig, weil LSG Lebensmittel in der EU kaufte, sie zu Bordmenüs verarbeitete, um sie außerhalb Europas Grenzen den Fluggästen zu servieren.

Die Forderung nach offeneren Grenzen und weniger Subventionen sei für Industrieländer verkraftbar. Oder, wie es der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, Aart de Geus formuliert: Deutschland zeige, "dass Globalisierung nicht zu einem Wettrennen um die billigsten Arbeitsplätze verkommen muss".

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. Juli 2017 um 22:17 Uhr.

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