Angestellte in einer französischen Süßwarenfabrik | Bildquelle: REUTERS

35-Stunden-Woche in Frankreich Die große Ernüchterung

Stand: 01.02.2017 09:39 Uhr

Eines der großen Wahlkampfthemen in Frankreich ist die 35-Stunden-Woche. Vor exakt 17 Jahren startete sie als sozialistisches Paradeprojekt - doch Hoffnungen haben sich nicht erfüllt und fast jeder Franzose arbeitet länger.

Von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Es war, als ginge ein sozialistischer Traum in Erfüllung. Am 1. Februar 2000 verkündeten die Nachrichten in Frankreich: "Seit heute, dem 1. Februar gilt für alle Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten gesetzlich die 35-Stunden-Woche."

Weniger Arbeitszeit für die, die Arbeit haben, gleich mehr Arbeitsplätze für alle - so lautete die einfache Gleichung, mit der die linke Arbeitsministerin Martine Aubry beharrlich für ihr Paradeprojekt geworben und gekämpft hatte. Ein Kampf mit harten Bandagen, denn aus der konservativen Opposition und Frankreichs Arbeitgeberverbänden hagelte es heftige Kritik für das Unterfangen. Es sei eine Augenwischerei zu glauben, dem Land ginge es so besser - so die einhellige Meinung unter denen, die die 35-Stunden-Woche bis zum Schluss verhindern wollten.

Internationales Markenzeichen

Doch am Ende setzte sich Aubry durch mit dem, was sie schon seit Jahren als "unausweichlich" bezeichnet hatte: "Das ist kein Gesetz gegen die Unternehmen. Es wird ihnen möglich machen, besser zu funktionieren. Und wenn sie besser funktionieren und wettbewerbsfähiger sind, dann bedeutet das mehr Wohlstand, mehr Beschäftigung und wir werden uns alle darüber freuen."

Die 35-Stunden-Woche ist seit ihrer Einführung im Jahr 2000 zu einer Art internationalem Markenzeichen der Franzosen geworden. Im Land des Weines, des guten Essens, des "savoir vivre" - da kann, da muss auch weniger gearbeitet werden!

Tausende von Anhängern folgen in Paris einem Aufruf der französische Gewerkschaften CFE-CGC und CGT zur Einhaltung der gesetzlich geregelten 35-Stunde-Woche. (Archivbild) | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Demonstration für die 35-Stunden-Woche im Jahr 1999: Die Erwartungen der französischen Linken waren groß - heute lässt sich genau das vor allem über die Ernüchterung im Land sagen.

Immer weniger wettbewerbsfähig

Doch tatsächlich haben sich die blühenden Landschaften, die Aubry seinerzeit versprochen hatte, niemals verwirklicht. Ob es nun nur an der 35-Stunden-Woche liegt oder auch an anderen strukturellen Schwächen, ist schwierig zu sagen.

Fakt ist aber, dass seit ihrer Einführung statistisch wie auch ganz real betrachtet die internationale Wettbewerbsfähigkeit französischer Unternehmen beständig abgenommen hat. Die Arbeitslosigkeit nahm dagegen deutlich zu, vor allem seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008, . Und das, obwohl - oder gerade weil - eigentlich kaum ein Franzose heute wirklich nur 35 Stunden arbeitet.

Servane, die Kommunikationsberaterin und junge Mutter von zwei Kindern ist, sagt, in ihrem Bekanntenkreis arbeite wohl niemand so wenig. Mittlerweile passe sie zwar selbst auf - aber als sie noch keine Kinder hatte, sei sie selten vor 20.00 oder 20.30 Uhr nach Hause gekommen. Und angefangen habe sie morgens spätestens um 9.00 Uhr.

Immer mehr Ausnahmen

Dass das so funktioniert, liegt zum einen an den zahlreichen Ausnahmen, die das Gesetz zur 35-Stunden-Woche erlaubt. So sind etwa Führungskräfte von der starren Regelungen ausgenommen, kleinere Unternehmen können flexiblere Lösungen finden. Zum anderen daran, dass seit der Einführung 2000 sich zwar mehrere Regierungen die Zähne daran ausgebissen haben, die 35-Stunden-Woche abzuschaffen. Gleichzeitig wurde das ursprüngliche Modell aber immer wieder verändert.

Diese 35-Stunden-Woche habe niemand nachgemacht - "und uns hat sie in die Katastrophe geführt, in der wir uns befinden“, stellte etwa Nicolas Sarkozy in seiner Amtszeit als Präsident fest und regelte, dass Überstunden künftig steuerfrei bezahlt werden konnten, getreu seinem Motto: "Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen."

Die ursprüngliche Idee wurde damit ad absurdum geführt. Denn in der Folge arbeiteten viele Arbeitnehmer nur umso mehr, um noch mehr zu verdienen. Oder aber - eine weitere Ausnahme - um sich die Überstunden später in zusätzlichem Urlaub auszahlen zu lassen, was oft ein gutes Geschäft für die Unternehmen, erzählt Servane: "Ich habe eine Freundin, die tatsächlich vertraglich nur 35 oder 39 Stunden arbeitet. Ihre Überstunden landen dann auf einem Zeitkonto. Sie hat dann oft zwölf oder dreizehn Wochen Urlaub, die sie tatsächlich natürlich niemals nehmen kann."

Aktuell wieder Thema

Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf ist die 35-Stunden-Woche einmal mehr zum Thema geworden. Und dieses Mal könnte es ihr wirklich an den Kragen gehen. Sie sei "ein Grund für unsere enormen Schwierigkeiten sind", verkündete der konservative Kandidat François Fillon immer wieder, der große Chancen hat, Frankreichs neuer Präsident zu werden. Er zielt auf die vielleicht letzte Bastion, in der die 35-Stunden-Woche noch Wirklichkeit ist: den öffentlichen Sektor.

Der gesamte öffentliche Bereich müsse zu einer 39-Stunden-Woche zurückkehren, lautet seine klare Ansage. Gut möglich, dass es bald also heißen muss: Es war einmal - die 35-Stunden-Woche in Frankreich.

Die 35-Stunden-Woche in Frankreich
M. Wagner, ARD Paris
01.02.2017 13:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Februar 2017 um 11:41 Uhr.

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