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Nach einem weiteren Mitarbeiter-Selbstmord nimmt der Druck auf die Führung des französischen Telefonkonzerns France Télécom zu. Die Gewerkschaften machen den rasanten Umbau des Telefonkonzerns und den großen Druck auf die Mitarbeiter für die Selbstmordserie verantwortlich.
Sie haben inzwischen Klage gegen Unbekannt angekündigt. Ihr Vorwurf: France Télécom habe sich nicht ausreichend darum gekümmert, die Mitarbeiter vor lebensgefährlichen Situationen zu bewahren.
Von Evi Seibert, ARD-Hörfunkstudio Paris
Zum ersten Mal - nach 18 Monaten und 24 Selbstmorden - kam der Chef von France Télécom persönlich zu der betroffenen Niederlassung Annecy in Südfranreich. Seine Mitarbeiter empfingen ihn mit Buhrufen und immer wieder hörte man auch: "Assassin!" - "Mörder!".
Ein 51 Jahre alter Familienvater hatte sich Anfang der Woche von einer Autobahnbrücke bei Annecy gestürzt. In einem Abschiedsbrief machte er seine Versetzung in ein Call-Center dafür verantwortlich.
Was seine Kollegen, bei all der Trauer, besonders wütend macht ist, dass das Unternehmen offenbar den Selbstmord zuerst vertuschen wollte und von einem tragischen Unfall sprach. "Das zeigt doch ganz deutlich, wie hier mit uns umgegangen wird", meint eine schockierte Kollegin. Und eine andere sagt: "Wenn er sich umgebracht hat, dann wegen dieses Riesendrucks, der auf uns lastet. Und dann sowas, ein 'Unfall'. Man kann doch wenigstens ein Mindestmaß an Respekt gegenüber seinen Kindern und seiner Frau verlangen."
Konzernchef Didier Lombard sah sich offenbar gezwungen, in diesem Fall selbst zu erscheinen. Wegen der Selbstmordserie in seinem Unternehmen hat sich mittlerweile sogar die Regierung eingemischt. Sie hat ihn vorletzte Woche ins Arbeitsministerium einbestellt. France Télécom muss jetzt regelmäßig Bericht erstatten, wie die Arbeitsabläufe verändert werden und die Mitarbeiter neu motiviert werden können - zum Beispiel durch Psychologen und Sorgen-Telefone.
[Bildunterschrift: France Télécom-Chef Lombard verlässt ein Treffen mit Mitarbeitern und Gewerkschaftsvertretern in Anncey. ]
In Annecy versprach Lombard Sofort-Maßnahmen: "Hier wird niemand mehr versetzt. Alle können in ihren bisherigen Jobs bleiben. Wir werden auch im ganzen Unternehmen das Rotationsprinzip aufgeben: Niemand muss mehr automatisch nach drei Jahren die Stelle wechseln."
Genau das hatten viele beklagt. In den letzten zehn Jahren mussten zwei von drei Angestellten einen völlig neuen Job lernen. Alle paar Jahre werden sie an andere Orte versetzt, mit einem neuen Chef, neuen Arbeitsinhalten und großem Erfolgsdruck.
Viele halten das nur noch mit Medikamenten aus. "Ich nehme Tabletten. Ich hatte darum gebeten, behandelt zu werden, wurde zeitweilig krank geschrieben. Aber jetzt geht es genauso weiter wie bisher. Alle Kollegen leiden darunter", sagt ein Mitarbeiter.
Die meisten halten nicht viel von den Versprechen, die ihnen Konzernchef Lombard jetzt gegeben hat. Einige Gewerkschaftsvertreter fordern seinen Rücktritt, manche wollen gleich die komplette Chefetage auswechseln.
Skeptisch sind sie alle: Sie wissen, dass der Konzern auf dem Weltmarkt mithalten will. Und sie bezweifeln, dass ihre Bedürfnisse dabei wichtiger sind als die wirtschaftlichen, als der Druck, Gewinn machen zu müssen. Dominique Scheidecker von der Gewerkschaft CGT meint: "Sie werden ein paar Samthandschuhe über die stählerne Faust ziehen. Aber im Grunde wird sich an der Unternehmensstrategie nichts ändern. Da sind wir sehr pessimistisch." Die Stimmung bei France Télécom bleibt schlecht.
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