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Wirtschaftsaufschwung durch Öl und Erdgas
Die USA im Fracking-Fieber
Die USA stehen vor einer Wende in der Energiepolitik. Durch Fracking könnte das Land seinen Öl- und Erdgasbedarf für die nächsten 200 Jahre decken. Für Präsident Obama ist der Aufschwung der Energiewirtschaft ein Geschenk: Es könnte ihm bei den Haushaltsproblemen helfen.
Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkstudio Washington
In den USA herrscht wieder mal Goldgräberstimmung. Gigantische Öl- und vor allem Erdgas-Vorkommen, die bisher als kaum erschließbar galten, lassen sich seit einigen Jahren mit Hilfe des sogenannten Fracking-Verfahrens gewinnen. Dabei wird mit Hochdruck ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in Gesteinsschichten gepresst, so dass Erdgas und Öl entweichen können. Auch wenn Umweltexperten vor den ökologischen Folgen dieser Technik warnen - durch Fracking könnte Amerika vom größten Öl-Importeur der Welt schon bald zum Energie-Exporteur werden.
Fracking-Fieber erfasst Energiebranche
M. Ganslmeier, ARD washington
09.02.2013 01:01 Uhr
Amerikas Abhängigkeit von ausländischem Öl war spätestens seit der Ölkrise 1973 eines der größten Risiken für die Supermacht. Der Zugang zur knapper werdenden Ressource spielte auch bei außenpolitischen Entscheidungen stets eine wichtige Rolle. Noch vor wenigen Jahren gab es düstere Szenarien, die Amerika einen Kampf mit dem energiehungrigen China um fossile Brennstoffe prophezeiten.
Weniger Öl-Importe durch Fracking
Seit Amerika durch Fracking auf riesige Öl- und Erdgas-Vorkommen im eigenen Land zurückgreifen kann, ist alles anders geworden: 600.000 neue Jobs werden dadurch in den nächsten Jahren in Amerika entstehen, versprach US-Präsident Obama auf dem Parteitag der Demokraten im September: "Alleine im vergangenen Jahr haben wir die Öl-Importe jeden Tag um eine Millionen Fässer verringert; mehr als jede Regierung vor mir. Seit 20 Jahren war Amerika nicht mehr so unabhängig von ausländischem Öl."
Diese Entwicklung will Präsident Obama in seiner zweiten Amtszeit weiter voran treiben. Bis vor wenigen Jahren musste Amerika 60 Prozent seines Energiebedarfs durch Öl-Importe decken. Dieser Anteil sank im vergangenen Jahr auf 40 Prozent. Und nach einer Studie der Internationalen Energieagentur in Paris könnte Amerika in etwa 20 Jahren komplett auf ausländisches Öl verzichten.
Die Zahl der Bohrungen im ganzen Land wird auf bis zu 40.000 geschätzt. In Bundesstaaten, in denen besonders viel Erdgas und Öl vermutet wird, boomt die Wirtschaft. Aus dem armen Prärie-Staat North Dakota ist in den vergangenen Jahren einer der wohlhabendsten Bundesstaaten geworden: "Das Norwegen Amerikas". Doch nicht nur jene Wirtschaftsunternehmen profitieren, die direkt an der Förderung beteiligt sind. Auch die lange Zeit krisengeschüttelte chemische Industrie Amerikas und andere energie-intensive Branchen erleben eine Renaissance - dank der günstigen Energiekosten.
Die Wende der amerkianischen Energiepolitik
Durch die heimische Förderung sind die Preise für Erdgas in den USA seit 2008 um zwei Drittel gesunken. Dagegen ist Erdgas in Europa mittlerweile viermal so teuer wie in den USA; in Asien sogar fünfmal so teuer. Amerikas Energiepolitik erlebe derzeit eine kopernikanische Wende, so der Energieexperte Scott Tong im Radiosender National Public Radio: "Statt über ein Zuwenig reden wir jetzt über ein Zuviel an Erdgas. Was machen wir damit? Und bald wird es diese Diskussion auch über Öl geben."
Die Erdgas- und Ölvorkommen in den USA sind nach Expertenschätzungen so groß, dass sie den Energiehunger Amerikas bis zu 200 Jahre lang stillen könnten. Noch vor zehn Jahren wurde in amerikanischen Häfen eine teure Infrastruktur für zusätzliche Öl- und Erdgas-Importe aufgebaut. Jetzt sollen die gleichen Anlagen mit Milliardenaufwand umgebaut werden, um amerikanisches Erdgas als Flüssig-Gas per Schiff in andere Länder zu exportieren.
Dagegen laufen nicht nur Umweltschützer Sturm, die darin einen Ausverkauf des heimischen Erdgases sehen. Auch große Industrieunternehmen und Amerikas Verbraucher befürchten, dass dann die Erdgas-Preise wieder steigen. Die Republikaner sehen dennoch im Energie-Export eine Chance, Amerikas Haushaltsdefizit abzubauen. Senatorin Lisa Murkowski: "Wir sind dann weniger abhängig von der OPEC. Und wir können einen Teil der Einnahmen für die Energielösungen der Zukunft verwenden."
Ein Geschenk des Himmels
Noch hat sich der amerikanische Präsident nicht festgelegt, ob Amerika seine Energie künftig auch exportieren will. Für Obama ist der Erdgas- und Öl-Boom in jedem Fall ein Geschenk des Himmels: Nicht nur wegen Hunderttausender neuer Jobs und der Aussicht auf eine wieder erstarkende Industrie, sondern auch aufgrund von Fortschritten beim Klimaschutz. Denn überall in Amerika werden alte Kohlekraftwerke ausgemustert und durch neue Kraftwerke mit heimischem Erdgas ersetzt. Dadurch sank in den USA der Ausstoß an Kohlendioxid im Vergleich zu 2007 um fast zehn Prozent.
Umweltverbände lehnen das Fracking dennoch ab. Sie befürchten eine Verseuchung des Grundwassers durch giftige Chemikalien. Den Ausbau der Förderung heimischer Energie wird dies nicht aufhalten. Obama sieht vor allem im Erdgas eine wichtige Brücken-Energie, bis Solar- und Windenergie größere Bedeutung erlangen. Allerdings hat Obama strengere Umweltauflagen für das Fracking angekündigt, damit aus dem Boom kein Raubbau wird.
Was ist Fracking?
20.02.2013, Stefan Rychlak, ARD-aktuell
Stand: 09.02.2013 01:08 Uhr
