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Foxconn-Arbeiter berichtet über seinen Alltag
Zwischen Fließband und Wohnheim-Bett
Der Elektronikriese Foxconn ist vergangene Woche erneut in die Schlagzeilen geraten - dieses Mal wegen einer Massenschlägerei unter Mitarbeitern. Über die Eskalation wundert sich Foxconn-Arbeiter Zhao Lin gar nicht: Sein Leben bestehe nur aus Schufterei und Schlafen.
Von Markus Rimmele, ARD-Hörfunkstudio Schanghai
Eine vierspurige Straße in einem Industriegebiet, das nie aufzuhören scheint. Wolken aus Staub und Sand fegen zwischen den Fabrikhallen umher. Der Himmel ist gelblich eingefärbt. Das könnte überall in China sein. In diesem Fall ist es Kunshan, westlich von Shanghai.
Auf beiden Seiten der Straße liegen die Foxconn-Werke. Angeblich sind sie mit einem Tunnel verbunden. Hier arbeitet Zhao Lin, der in Wirklichkeit anders heißt. Es ist 8:30 Uhr am Morgen. Zhao Lin hat gerade seine Nachtschicht beendet. "Die Nachtschicht beginnt um 19:40 Uhr. Um 23 Uhr ist dann eine Stunde Pause zum Essen. Aber wir können nicht einfach weg von den Maschinen, so dass wir diese Stunde nie ganz nutzen", erzählt er. "Die Schicht endet um 5:10 Uhr. Aber wir machen dann jeden Tag noch drei Überstunden. Das ist quasi Pflicht, weil es nur zwei Schichten pro Tag gibt. Das geht dann also bis 8:10 Uhr morgens. Dann gehen wir nach Hause, waschen uns, kümmern uns noch um ein paar persönliche Dinge. Um 9 Uhr gehen wir schlafen."
Schuften für umgerechnet 300 Euro im Monat
Zwölfeinhalb Stunden am Stück sitzt Zhao Lin vor einem Computerbildschirm und kontrolliert die Produktqualität. Das ist besser als die monotone Schufterei am Fließband, sagt er. Zhao Lin ist 22 Jahre alt, kommt aus der Provinz Hubei in Zentralchina. Seit einem Monat arbeitet er nun bei Foxconn in Kunshan. Dort verdient er 2500 Yuan im Monat, rund 300 Euro. Würde er wie die meisten Kollegen auch sonntags arbeiten, wäre es mehr. Sonntage werden doppelt vergütet. Aber er braucht einen Tag Pause in der Woche, sagt Zhao Lin.
Menschliche Maschinen: Ein Foxconn-Arbeiter erzählt
M. Rimmele, ARD-Hörfunkstudio Schanghai
01.10.2012 05:55 Uhr
Auf zehn Arbeiter kommen zwei Aufseher
Pause von der Anstrengung, aber auch Pause von der Kontrolle durch die strengen Aufseher: "Menschen sind elastisch. Aber wenn man zu viel Druck auf sie ausübt, verbiegen sie sich. Vor allem bei der Tagschicht ist die Kontrolle massiv. Wir haben für zehn Arbeiter zwei Aufseher. Die beobachten uns die ganze Zeit." Bei kleinen Vergehen schimpfen und drohen sie, erzählt Zhao Lin - etwa, wenn man mit den Kollegen redet.
Arbeiter wissen nicht, was genau sie produzieren
Bis zu 80.000 Menschen arbeiten im Foxconn Werk in Kunshan, so Zhao. Die Zahl variiere, je nach Auftragslage. Derzeit arbeitet seine Abteilung an einem kleinen Chip. Wofür der ist, weiß er nicht. Die Fabrikleitung sagt den Arbeitern in der Regel nicht, was sie da produzieren.
Noch schlimmer als die strengen Aufseher ist die Eintönigkeit des Fabriklebens, sagt Zhao Lin. Die Freizeit ist knapp. Die meisten verbringen sie im Internetcafé. Er hat ein Bett in einem 10-Mann-Zimmer auf dem Fabrikgelände. Freundschaften entstehen kaum. "Ich sehe meine Mitbewohner nur für eine halbe Stunde am Tag. Wir sind vertraute Fremde. Wir sprechen nur über oberflächliche Dinge oder was gerade so in den Nachrichten ist, aber nicht über unsere Probleme oder was wir für Pläne haben."
Zhao Lin fühlt sich einsam. Auch deshalb ist er zum Interview gekommen, sagt er. Um einfach mal wieder zu reden. Über die Massenschlägerei im Foxconn-Werk in Taiyuan wundert er sich gar nicht. Der Frust ist groß bei den jungen Arbeitern. Sie seien anders als ihre Eltern, sagt Zhao. Sie wollen mehr vom Leben als Schufterei und militärisch strenge Aufseher. Sie sehen den Konsum in Chinas Städten, den Reichtum, den Spaß. Vielen dämmert aber, dass ihre Möglichkeiten begrenzt sind, dass das Leben für sie vielleicht nur eine Foxconn-Existenz bereithält.
"Die Arbeit macht uns zu Maschinen"
"Das Gute am Fabrikleben ist die Stabilität. Man arbeitet und wird bezahlt. Nach einer Weile richtet man sich darin ein", sagt er. "Aber die Arbeit hier macht einen zur Maschine. So viele von uns sind so, ohne Seele. Wir verlieren unsere Träume und unsere Ziele. Wir wachen auf, und das erste, woran wir denken, ist die Arbeit. Und nach der Arbeit denken wir nur ans Schlafen."
Foxconn ist ein durchaus beliebter Arbeitgeber in China. Der Verdienst hier ist überdurchschnittlich, das Geld kommt pünktlich jeden Monat. Doch das allein macht die jungen chinesischen Arbeiter nicht mehr glücklich. Manchen kommt in der Fabrikmühle gar jeglicher Lebenssinn abhanden.
Seit einer Selbstmordserie unter den Angestellten im Jahr 2010 hat Foxconn auch im Werk in Kunshan die Fenster vergittert, damit niemand hinausspringen kann. Und rund um die Gebäude sind Auffangnetze gespannt.
Stand: 01.10.2012 05:50 Uhr
