Fernbuslinien in Deutschland Straße statt Schiene

Stand: 26.07.2013 01:29 Uhr

Seit einem halben Jahr dürfen Fernbusse in Deutschland als Konkurrenz zur Bahn fahren. Und das Geschäft auf der Straße läuft, ist preislich attraktiv vor allem für junge Leute. Doch es gibt auch Probleme, zum Beispiel bei den Haltestellen.

Von Rebekka Sambale für tagesschau.de

Für neun Euro von Mannheim nach Hamburg. Selbst Mitfahrgelegenheiten sind teurer, Bahnfahrten sowieso. Für viele Reisende sind die neuen Fernbuslinien daher eine wirkliche Alternative - insbesondere junge Menschen, wie Studierende, nutzen das Angebot.

Ein halbes Jahr ist es her, dass der Wettbewerb geöffnet wurde und bundesweit Busse auch Strecken befahren dürfen, die bereits per Schienen vernetzt sind. Die Entwicklung zeigt bislang eindeutig in eine Richtung: nach oben. Die Zahl der Buslinien nahm stark zu, immer mehr Unternehmen drängen mit immer preisgünstigeren Angeboten auf den Markt.

Fernbus neben ICE-Zug (Bildquelle: dpa)
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Bus statt Bahn? Für immer mehr Fahrgäste ist das eine echte Alternative. Hier steht ein Fernbus am Bahnhof Freiburg neben einem ICE.

Fernbusse befahren etwa 150 Verbindungen

Das unabhängige Berliner Forschungsinstitut IGES zählt aktuell knapp 150 Verbindungen, die deutschlandweit bedient werden. Seit Jahresbeginn habe die Anzahl um mehr als ein Drittel zugenommen.

In der Studie "Kompass Mobilität" hatte das Institut die Entwicklungen im Fernbus-Verkehr untersucht. Laut Christoph Gipp von IGES verteilen sich die Fahrten auf rund 50 große und kleine Anbieter.

Hemmungslose Verdrängung?

Für kleinere Anbieter könnte der Preisdruck langfristig zum Problem werden. Wolfgang Steinbrück, Präsident des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer (BDO), hatte kürzlich vor einem Verdrängungswettbewerb gewarnt. "Da haben wir als Mittelständler keine Chance", sagte Steinbrück mit Blick auf Großunternehmen, die vermehrt auf dem Fernbusmarkt auftreten.

In der vergangenen Woche habe es Gespräche mit der Deutschen Bahn gegeben, heißt es jetzt von Seiten des BDO. Auch die Bahn wolle nun mittelständische Busunternehmen auf ihren Linien einsetzen.

Ende eines uralten Gesetzes

Das neue Fernbus-System geht zurück auf eine Änderung im Personenbeförderungsgesetz. Im Herbst 2012 hatte sich die schwarz-gelbe Koalition gemeinsam mit SPD und Grünen auf eine Änderung der alten Regelung geeinigt. Diese bestand seit den 1930er-Jahren und sah vor, dass Busse nicht auf Strecken fahren dürfen, die von der Bahn bedient werden. So sollte Konkurrenz für die staatseigene Bahn verhindert werden.

Deutsche Bahn auch auf der Straße unterwegs

Nach "MeinFernbus" ist die Deutsche Bahn der zweitgrößte Anbieter von Fernbus-Fahrten innerhalb Deutschlands. Erst Ende Juni hatte das Unternehmen angekündigt, sein Angebot in diesem Bereich noch stärker auszuweiten.

Neben mehreren Linien von Berlin aus bietet die Deutsche Bahn sogenannte IC-Busse an. Diese ergänzen den regulären Schienenbetrieb und sind in Ticketpreis und Abfahrtzeiten dem Zugverkehr angepasst.

Fünf neue Strecken ab November

Auch andere große Anbieter wie ADAC und Deutsche Post beziehen mittelständische Busunternehmen in ihre Planungen mit ein. Ab November wollen die beiden Großunternehmen mit einer eigenen gelben Busflotte an den Start gehen. Dafür werde eine neue Gesellschaft gegründet, sagte ADAC-Sprecher Christian Garrels auf Anfrage. Die Kartellbehörden stimmten dem bereits zu.

Dieser "ADAC Postbus" soll zunächst auf fünf Strecken unterwegs sein, darunter die Verbindungen Berlin - Dresden und Köln - München. "Unser Ziel ist, langfristig ein bundesweites, flächendeckendes Netz anzubieten", sagt Garrels. Anfang 2014 soll deshalb über weitere Strecken beraten werden.

Zehn Cent pro Kilometer

Viele Kunden locken die niedrigen Preise: Zehn Cent pro Kilometer kostet eine solche Busfahrt derzeit durchschnittlich. Muss da die Sicherheit nicht zwangsläufig auf der Strecke bleiben? Matthias Schröter, Pressesprecher des BDO, weist den Verdacht auf Qualitätsmängel zurück: Jedes Unternehmen brauche eine behördliche Genehmigung, um Busfahrten anzubieten. Für alle Busunternehmer seien außerdem regelmäßige Sicherheits-Checks vorgeschrieben.

Auch der TÜV kann Sicherheitsprobleme bei Fernbussen nicht bestätigen. Es gebe schlicht noch keine Statistiken. Aber: "Sicherheit gibt es nicht zum Nulltarif und ein hoher Preisdruck kann natürlich auch dazu führen, dass am falschen Ende gespart wird", sagt TÜV-Sprecher Johannes Näumann.

Regelmäßige Überprüfungen

Busse müssen laut TÜV jährlich zur Hauptuntersuchung und zusätzlich alle drei Monate zu Zwischenprüfungen beim TÜV.

Im Vergleich zu einem Auto werde sie also öfter und detaillierter kontrolliert. Denn auch die Sicherheitseinrichtungen in den Bussen würden begutachtet. "Die Teilnahme an den Prüfungen ist verpflichtend", sagt Näumann.

Auf Dauer keine Billig-Angebote

Der "Bus-Report 2012" ergab, dass grundsätzlich nur 54,6 Prozent aller Busse in Deutschland vollkommen mängelfrei unterwegs sind. Allerdings berücksichtigt diese Studie aus dem vergangenen Jahr noch nicht die Fernbus-Unternehmen, die seit Beginn 2013 neu dazu gekommen sind.

Innenansicht eines Fernbusses (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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Komfort innen, aber oft mangelhaft ausgestattete Haltestellen.

Ob es Fahrten für neun Euro auch in den nächsten Jahren noch geben wird, ist trotzdem fraglich. Denn dass sich die Billig-Angebote auf Dauer halten können, bezweifelt der BDO. Oft handele es sich dabei um vereinzelte Lockangebote.

Bus-Unternehmen bemängeln Situation an den Haltestellen

Der Aufwärtstrend im Fernbus-Verkehr stellt Städte und Betreiber auch vor Herausforderungen. Der BDO sieht ein Problem vor allem bei den Bushaltestellen. Diese seien häufig nicht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden oder schlecht ausgerüstet.

"Die Städte sollten nicht unterschätzen, was sie durch eine vernünftige Bus-Infrastruktur gewinnen", erinnert Schröter. Vor allem im Bereich des Tourismus könnten sie profitieren.

"Erste Kapazitätsengpässe" in den Städten

Als positives Beispiel nennt Schröter den Busbahnhof Hamburg. Nicht nur die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sei dort gut geregelt. Die Geschäfte im Gebäude sorgen für zusätzliche Einnahmen, "ähnlich wie bei einem Flughafen".

Auch das IGES-Institut sieht "erste Kapazitätsengpässe" in einigen deutschen Städten. "In vielen Kommunen fehlt es an bequemen und leicht erreichbaren Haltepunkten", sagt IGES-Sprecher Gipp. Ein Aspekt, der entscheidend sein kann. Schließlich sei bei immer mehr günstigen Angeboten vor allem die Qualität ein Entscheidungskriterium für den Kunden, so Gipp. Dazu zähle neben der Fahrthäufigkeit und dem Service während der Fahrt eben auch die Lage der Haltepunkte.

Zentraler Omnibus Bahnhof Hamburg (Bildquelle: picture-alliance / dpa)
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Der Zentrale Omnibus Bahnhof Hamburg gilt als gutes Beispiel für Ausstattung und Anbindung. Erst 2003 wurde der Haltepunkt nach einer umfangreichen Umgestaltung wiedereröffnet.

Niemand fühlt sich für Haltepunkte verantwortlich

Die Städte jedoch sehen sich nicht in der Pflicht. Laut Personenförderungsgesetz sind die Fernbuslinien-Betreiber selbst in der Verantwortung. Diese müssten dafür sorgen, "Haltepunkte einzurichten und barrierefrei auszugestalten."

Außerdem fehlen laut Städtetag bislang klare rechtliche Regelungen zu Finanzierung und Benutzungspflicht von Seiten des Bundes. "Die Städte können hier also nur Hilfestellung leisten", heißt es vom Deutschen Städtetag dazu.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. November 2013 um 12:00 Uhr.

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